Schlau und stark

Tomas Vaclik hat das schwierige Erbe von Yann Sommer im Tor des FC Basel erfolgreich angetreten. Heute wird er im Champions-League-Achtelfinal von Porto geprüft.

Behutsam auf dem Weg nach oben: Tomas Vaclik in Basel. Foto: Christian Flierl

Behutsam auf dem Weg nach oben: Tomas Vaclik in Basel. Foto: Christian Flierl

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Das Treffen war zufällig. Sonst hätte es kaum in der Tiefgarage des St.-Jakob-Parks stattgefunden. Yann Sommer war nochmals zurück am alten Arbeitsort, um ein paar Dinge zu erledigen. Da lief ihm Tomas Vaclik über den Weg. Fremd waren sie sich nicht, seit sie drei Jahre zuvor bei der U-21-EM in Dänemark als Goalies zusammen ins All-Star-Team ­gewählt worden waren.

Sie redeten länger miteinander, doch es ist ein Satz, der Vaclik in Erinnerung geblieben ist: «Fürchte dich nicht vor der Aufgabe», hat Sommer ihm geraten.

In Basel hat es schon Leichteres gegeben, als der Nachfolger von Sommer zu werden. Er war hier nicht irgendein Spieler, er war das, was man Publikumsliebling nennt, weil er dafür die perfekte Mischung an Talent und Ausstrahlung mitbringt. Wer also sollte fähig sein, ­diesen Sommer zu ersetzen?

Die Antwort fiel nicht spektakulär aus: Tomas Vaclik, ein Tscheche, geboren am 29. März 1989. Tomas wer?

Das Kompliment

Sommer stand nach seinem ­Abschied aus Basel selbst vor einer prägenden Prüfung. In Mönchengladbach folgte er auf jenen Marc-André ter Stegen, der vom FC Barcelona verpflichtet worden war. Er hat das mit solcher Bravour ­geschafft, dass da ter Stegen keiner mehr nachzutrauern braucht. Und was für ihn gilt, gilt leistungsmässig auch für Vaclik in Basel. Ein grösseres Kompliment ist ihm nach dem ersten halben Jahr nicht zu machen.

«Wir hatten keine Bedenken, dass er scheitern könnte», sagt Sportchef Georg Heitz heute. Denn der FCB hatte einen grossen Vorteil: Er hatte genug Zeit, sich detailliert mit der Frage zu befassen, ob Vaclik zur neuen Nummer 1 taugt. Vratislav Lokvenc hatte den Tipp mit Vaclik gegeben, jener Lokvenc, der auf seine ­alten Stürmertage nach Basel gekommen war und dem Club inzwischen als Scout für Osteuropa dient.

Vaclik selbst erfuhr erst Monate später vom Interesse des FCB, «Ende März, Anfang April», sagt er, «da muss das ­gewesen sein». Einer aus dem Beraterteam um Zdenek Nehoda, Mitglied der Europameister von 1976, informierte ihn darüber. Er sagte: «Das ist nett.» Was nun belanglos tönen mag, verbirgt die damals schnell geweckte Bereitschaft, Sparta Prag für Basel zu verlassen.

Die Basler bemühten sich intensiv um ihn. Präsident Bernhard Heusler, Sportdirektor Georg Heitz, Scout Ruedi Zbinden, Goalietrainer Massimo Colomba – alle schauten in Prag vorbei. Vaclik hatte den Vorzug, ins Basler Beuteschema zu passen: Jeder, der geholt wird, soll talentiert und ehrgeizig genug sein, um den Schritt in eine grössere Liga schaffen zu können. Das ist wesentlicher Teil ihrer Personal- und Geschäftspolitik. 2,5 Millionen Euro zahlte der FCB als Ablöse für den Torhüter, nur 2,5 Millionen. Das lässt ihn bei einem Weiterverkauf auf eine angemessene Rendite hoffen.

Als Vaclik letzten Sommer die neue Umgebung zu entdecken begann, sah er Leute im Rhein schwimmen. Er staunte, weil er so etwas von Prag nicht kannte, «dafür ist die Moldau zu dreckig», berichtet er. Irgendwann möchte er selbst in den Rhein eintauchen. Einfach bevor er weiterzieht?

Der Respekt

«Ich werde nie sagen, dass Basel nur eine Zwischenstation ist», betont er, «das hat mit dem Respekt vor den Menschen zu tun, für die ich arbeite. Basel gibt mir die Möglichkeit, besser zu werden. Und das habe ich immer gewollt: einfach nur besser werden.» Schon früh hatte er gehört, dass er talentiert sei. Ihm ist das nicht genug gewesen. Er hat über sich nie hören wollen: «Er ist gut gewesen, aber er hat versagt.» Das ist zu seinem Antrieb geworden, der ihn aus Ostrava rausgebracht hat.

Ostrava, Zentrum einer Industrie­gegend im Osten Tschechiens, geprägt von Kohleabbau und Stahlproduktion, von Kraft- und Gaswerken. Den Fremden mag es nicht hierher ziehen, für Vaclik ist es Heimat, ist es das, was er mit seiner Familie verbindet, den Freunden, der Kindheit. Er war sechs oder sieben, als ihm ein Trainer sagte: «Tommy, geh ins Tor.» Tomas ging und blieb. Und er blieb, weil er erkannte: «Ich war gut, und wenn man etwas gut kann, macht man weiter damit.» Er hat schnell ­gespürt, dass er keine Angst vor dem Ball hat. Für einen, der Goalie sein will, ist das keine unwesentliche Eigenschaft.

Die Erziehung

Vaclik gehört nicht zu denen, die dem Klischee, dass Torhüter eine Macke ­haben, Nahrung liefern. Dafür ist er zu sehr von seinem Vater beeinflusst, einem studierten Ingenieur und früheren Leichtathleten und Volleyballer. «Mein Vater ist einer der Gründe, warum ich so bin, wie ich bin», sagt er.

Von ihm hat Vaclik früh einen Grundsatz mit auf den Weg bekommen: «Es ist deine Arbeit, einen Ball zu halten. Dafür bist du da.» Das hat er so verinnerlicht, dass er seine Arbeit frei von Showeffekten erledigt, dass er kein Kahn oder Schmeichel ist, der seine Mitspieler anschreit, der nicht von sich auf andere zeigen will, wenn er einmal ein Tor ­verschuldet hat, «es ist nie anders ­gewesen», sagt er.

In jungen Jahren spielte er in Frydek-Mistek, einem kleinen Ort bei Ostrava, dann bei Vitkovice, dem Verein seiner Heimatstadt, bevor er 2010 zum Prager Quartierclub Zizkov wechselte und mit ihm gleich im ersten Jahr aufstieg. Er war auch in der Schule ein cleverer Junge, mit so ausgeprägtem Erinnerungsvermögen, dass er schliesslich ohne Probleme die Matur machte. Und hätte er im Fussball seinen Weg nicht ­gemacht, hätte er ein Jus-Studium ­begonnen. Der Pragmatiker in ihm ­erklärt: ­«Jeder braucht einen Anwalt.»

Er aber fuhr im Sommer 2011 an die EM der U-21 und weckte das Interesse von De Graafschap. In Holland stellten die Ärzte bei ihm ein Herzproblem fest. WPW-Syndrom hiess die Diagnose, eine Herzrhythmusstörung. Der Transfer kam deshalb nicht zustande. Das störte Vaclik nicht weiter, «für mich war nur wichtig, zu wissen, dass ich wieder gesund werde», sagt er. Die folgende Operation war keine grosse Sache, Vaclik musste nur einen Tag ins Spital. Ein halbes Jahr später wechselte er zu Rekordmeister Sparta Prag. Letzten Sommer verabschiedete er sich von da mit dem Double.

Das Warten

«Tomas ist schlau», urteilt Heitz. Der Sportchef könnte auch sagen: Vaclik hat viel von der Wohlerzogenheit Sommers, von dessen Bereitschaft, die Welt nicht nur mit den Massen eines Fussballplatzes zu sehen. Er hat einen offenen, aufmerksamen Blick. Nur eines hat er nicht: den Status der Nummer 1 im Nationalteam.

Dazu fehlt ihm das Glück, das Sommer mit dem Rücktritt von Diego ­Benaglio gehabt hat. In Tschechien muss Vaclik damit leben, dass ihm sogar eine Ikone im Weg steht, Petr Cech. Darum hat er es erst auf zwei Länderspiele gebracht. Wenn Cech irgendwann zurücktritt, möchte Vaclik als Erbe bereit sein. Vorderhand übt er sich in Demut («ich kenne meinen Platz») und Respekt («wie Cech die Bälle hält, sieht manchmal sehr leicht aus, und das ist eine Kunst»).

In Allschwil hat er sich mit seiner Freundin niedergelassen. Basel hat er bis heute nicht als Touristenstadt wie Prag wahrgenommen, «Basel ist für die Basler», lacht er. Und diese Basler sehnen sich nach dem nächsten aufregenden Abend mit ihrem FCB in der Champions League. Barcelona, Chelsea, Manchester, Bayern, Real haben sie in ihrem Stadion schon gesehen. Heute im Achtelfinal bekommen sie Porto serviert.

Nur Porto? «Es wird schwierig», sagt Vaclik. Was will er auch sonst sagen? Es wird sogar sehr schwierig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2015, 19:24 Uhr

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