Schmidt? Lichtsteiner? Er rockt Augsburg

Ruben Vargas startet in der Bundesliga durch – auch dank seines Schweizer Trainers. Wer ist der 21-jährige Luzerner?

Flanke Lichtsteiner, Kopfball Vargas: So trifft der Luzerner gegen Werder. Video: SRF

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Auch stille Helden sind Helden. Wenn das ganze Team so gut in Form wäre wie Ruben Vargas, wäre der Schweizer nach diesem Wochenende ein gefeierter Siegtorschütze in der Bundesliga. Aber sein Augsburg hatte beim 2:3 bei Werder Bremen nicht viel Positives zu bieten. Ausser Vargas’ Doppelpack.

Der 21-Jährige muss deshalb später pragmatisch sagen: «Persönlich freue ich mich über meinen ersten Doppelpack, aber natürlich steht die Mannschaft im Vordergrund.» Es passt zu seinem ruhigen Gemüt. Sein Landsmann und Trainer Martin Schmidt erwähnt den Luzerner an der offiziellen Pressekonferenz nicht. Weil er eine weitere Niederlage erklären muss, statt über zwei schöne Tore erzählen zu dürfen. Und vielleicht auch, um bei Vargas keinen Druck aufzubauen. Denn Schmidt und Vargas scheinen eine spezielle Beziehung zu haben.

Schmidt gab den Ausschlag für Augsburg

Vargas erzählte kurz nach seinem Wechsel von Luzern zu Augsburg der «Luzerner Zeitung»: «Ich habe Martin Schmidt eine Woche vor der Einigung in Bern getroffen. Wir tauschten uns über zwei Stunden lang aus. Er hat mir erklärt, welche Aufgaben und Entwicklung er für mich vorsieht.» Nach dem Gespräch war für Vargas klar, dass er den Schritt nach Augsburg wagen würde.

Zum ersten Mal wohnt er dort nicht mehr zu Hause bei den Eltern. Er bezog in der drittgrössten Stadt Bayerns eine eigene Wohnung. Bei seiner Ankunft sahen die deutschen Medien in ihm eine starke Nachwuchshoffnung – aber sie hatten ihre Zweifel, weil er in Augsburg niemanden kannte. Das Fachmagazin «Kicker» bemerkte, dass Vargas «auf sich allein gestellt» ist. Die «Augsburger Allgemeine» schrieb von «einem Abenteuer». Weil: «Vargas alleine in Augsburg.»

Ein Sprung, ein Sprint

Nach drei Spielen und drei Toren hat sich Vargas die Skepsis vom Leib geschossen. Er hat so richtig eingeschlagen, ist viertbester Skorer der Bundesliga hinter namhaften Grössen: Robert Lewandowski (6 Tore), Timo Werner (5), Paco Alcacer (4). Sein erster Treffer gelang ihm beim Unentschieden gegen Union Berlin vor einer Woche. Am Sonntag schoss er in Bremen zwei weitere Tore – mit voller Überzeugung.

Beim ersten stieg er, der nur 1,74 Meter gross Gewachsene, im Strafraum am höchsten und köpfte den Ball in die hohe, weite Eck. Beim zweiten liess er mit einem explosiven 60-Meter-Sprint den Schweizer Werder-Verteidiger Michael Lang bei dessen Debüt viel älter als 28-jährig aussehen. Vargas, der geborene Skorer?

Nein – oder ganz sicher nicht immer. Und nicht vor einem Jahr. 3. August 2018, Titel in der «Luzerner Zeitung»: «Talent mit Ladehemmungen». Vargas war da ein noch uneingelöstes Versprechen für die Zukunft, ein Offensivkünstler, der für viel Gefahr sorgte, aber ohne Torinstinkt unterwegs war. In seinen ersten 29 Partien in der Super League traf er für Luzern nur einmal.

Letzte Saison aufgeblüht

Ende Saison war aus dem Talent ein Schlüsselspieler Luzerns geworden, eine Attraktion für die Liga – und ein Punktegarant. Er hatte acht Tore und Vorlagen geliefert, auf einmal klappte das Toreschiessen wie einst bei den Luzerner Junioren, wo er seine Ausbildung absolvierte. Zu diesem Zeitpunkt spielte er in der U-21-Nationalmannschaft. Basel und YB weibelten um den Schweiz-Dominikaner, doch Luzern gab ihn nicht an die Konkurrenz weiter. Schliesslich war es Augsburg, das drei Millionen Franken für ihn bezahlte.

«Sicher gibt es jetzt Leute, die sagen, ich hätte in Luzern bleiben sollen. Aber für mich kommt der Wechsel zum genau richtigen Zeitpunkt», sagte Vargas. Natürlich wusste er bei einem Ausland-Wechsel um die Gefahr, später als ewiges Talent abgestempelt werden zu müssen, das auf einer Bundesliga-Ersatzbank versauerte. Doch Vargas warf sich rein in «die Lebensschule», so nennt er es. «Allein» – das sagten die Medien.

Seine Vertrauensperson im Club ist und bleibt Trainer Schmidt, der ihm von Beginn an Einsatzzeit schenkte. Dabei stand der Linksaussen von Beginn an unter leichtem Druck, sagte Schmidt doch vor der Saison: «Ich mache mich angreifbar, falls er die Leistung nicht bringt. Dann heisst es schnell einmal: ‹Schmidt stellt den Spieler nur auf, weil er sein Landsmann ist.›»

Nun hat Vargas seine Einsatzzeit mehr als gerechtfertigt, im Gegensatz zu einem anderen Schweizer. Stephan Lichtsteiner, den Schmidt kurz vor Saisonbeginn nach Augsburg gelotst hatte, sah am Wochenende nach einer halben Stunde die Gelb-Rote Karte. Dass Vargas und Lichtsteiner beide aus Adligenswil stammen, einem 5000-Seelen-Dorf nahe Luzern, ist ein schöner Zufall.

Schmidt braucht bald Punkte

Die Eltern kennen sich, die beiden Spieler zuvor aber nicht. 14 Jahre Altersunterschied liegen zwischen ihnen. Auf dem Feld haben sich die beiden mindestens einmal gefunden: Beim Kopfball zum 1:1 flankte Lichtsteiner den Ball mustergültig auf Vargas.

Augsburg braucht bald den ersten Saisonsieg, denn nur mit Erfolgen hat Martin Schmidt als Trainer langfristig eine Existenzberechtigung. Und Schmidt scheint für Vargas’ Form ein wichtiges Puzzleteil.

Auch Nationaltrainer Vladimir Petkovic hat von den Leistungen des stillen Helden mitbekommen. Vargas steht auf Abruf für die EM-Qualifikationsspiele bereit. Am Montag reist Ruben Vargas trotzdem zur Schweizer Nationalmannschaft, jener der U-21.

Erstellt: 02.09.2019, 13:17 Uhr

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