Schutz vor Kopfverletzungen: Schweiz leistet Pionierarbeit

Die Fifa will für Gehirnerschütterungen gerüstet sein – mithilfe der Super League.

Schreckminuten im WM-Final: Christoph Kramer liegt mit einer Gehirnerschütterung auf dem Rasen, Teamkollege Thomas Müller kümmert sich um ihn. Foto: Keystone

Schreckminuten im WM-Final: Christoph Kramer liegt mit einer Gehirnerschütterung auf dem Rasen, Teamkollege Thomas Müller kümmert sich um ihn. Foto: Keystone

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Wuchtig erwischte ihn die Schulter des Gegenspielers. Den Kopf schüttelte es heftig durch, der Körper taumelte zu Boden, die Zeitlupe verdeutlichte die Härte des Schlags. Ein paar Minuten lag er da, Christoph Kramer, und als der deutsche Nationalspieler wieder stand, verschwand bald die Orientierung. «Ist es der Final?», fragte er den Schiedsrichter.

Er hatte richtig geraten. Es war der WM-Final zwischen Deutschland und ­Argentinien, als in der 17. Minute Kramer mit Ezqeuiel Garay zusammenkrachte, ab der 20. Minute spielte er wieder mit. Doch als Schiedsrichter Rizzoli realisierte, dass Kramer Symptome einer Gehirnerschütterung zeigte, drängte er auf eine Auswechslung. In der 31. Minute wurde sie vollzogen. Kramer hat bis heute keine ­Erinnerung an die Szene – nicht einmal daran, dass er weitergespielt hat.

Vorwürfe aus den USA

Haben die deutschen Teamärzte um Bayern-Doktor Hans-Wilhelm Müller-­Wohlfahrt falsch gehandelt oder zu spät? ­Haben sie die Gefahr unterschätzt? Amerikanische Medien äusserten diesen Verdacht, ein US-Kongressabgeordneter wandte sich an Fifa-Präsident Sepp Blatter, er schrieb: «Der Umgang der Fifa mit traumatischen Kopfverletzungen ist inakzeptabel.» In Nordamerika ist die Sensibilität für das Thema gross: Vorab im American Football sorgen Kopfverletzungen regelmässig für Schlagzeilen.

Deutsche Medien griffen die Vorwürfe auf. Der «Stern» zitierte einen Neurologen: «Wer einen Blut­erguss im Hirn erleidet und danach Sport treibt, bringt sich in Lebensgefahr.» Im «Deutschlandfunk» äusserte sich der frühere US-Nationalspieler Taylor Twellman: «Der zweite Schlag kann tödlich sein.» Twellman hatte seine Karriere 2008 nach einer ­Nackenverletzung beenden müssen.

Das ärgerliche Beispiel Lloris

Jiri Dvorak hat diese Berichte gelesen, er hat auch die betreffende Szene mit­erlebt: Am 13. Juli sass er im Maracanã-­Stadion. Und der oberste Fifa-­Mediziner und Neurologe an der Zürcher Schulthess­-Klinik widerspricht den Darstellungen: «Die deutschen Team­ärzte sind korrekt vor­gegangen. Exemplarisch korrekt sogar.» Kramer habe zunächst keine Symptome für eine Gehirnerschütterung gezeigt, erst in den Minuten darauf hätten diese eingesetzt, so Dvorak. Als Kramer selbst diese Bewusstseinsveränderung feststellte, bat er um seine Auswechslung.

Die Kritik geht aber tiefer, der Vorwurf lautet: Der Fussball-Weltverband verharmlose die Gefahr durch Gehirnerschütterungen. Die Spielergewerkschaft FIFPro sagte im Laufe der WM, sie fordere die Garantie der Fifa für die ­Sicherheit der Spieler. Anlass war der Uruguayer Álvaro Pereira, der im Spiel gegen England nach einem Zusammenprall bewusstlos auf dem Rasen lag. Der Teamarzt zeigte an, er müsse aus­gewechselt werden. Stattdessen spielte Pereira kurz darauf wieder mit, er hatte gestenreich darauf gedrängt.

Ist der Teamarzt nur eine Marionette?

Das weckte Erinnerungen an ein Spiel der Premier League im November 2013: Tottenham-Torhüter Hugo Lloris war gegen Everton am Kopf getroffen worden, er verlor kurzzeitig das Bewusstsein. Der Teamarzt empfahl einen Wechsel, Trainer André Villas-Boas widersetzte sich. «Hugo hat einen starken Charakter und ist eine grosse Persönlichkeit. Daher ­haben wir beschlossen, ihn auf dem Feld zu lassen», sagte der Portugiese hinterher.

Zuerst Lloris, jetzt Pereira – die Fälle vermittelten den Anschein, als sei der Teamarzt letztlich eine Marionette von Trainern und Spielern. Fehlt der Fifa also ein griffiges Instrument, um beim Verdacht auf Gehirnerschütterungen umgehend eingreifen zu können?

Das Problem mit den wenigen Wechseln

Gegen diesen Eindruck wehrt sich Dvorak vehement. Das Beispiel Lloris ­ärgert ihn, er sagt: «So geht es nicht.» Die Einschätzung des Arztes müsse respektiert werden. Er will darum in künftigen Schritten Trainer und Spieler noch stärker sensibilisieren. Bei Pereira hingegen sagt Dvorak, gestützt auf die Auskunft des Teamarztes: Der Spieler habe keinerlei Symptome gezeigt, «und einen Spieler ohne Symptome auswechseln, das macht man nicht». Anders als im Football, Rugby oder Eishockey sind die Wechselkontingente nun einmal beschränkt.

Ausserdem, stellt Dvorak klar: Die Fifa habe sehr wohl ein Protokoll, wie bei Kopfverletzungen vorzugehen sei. Genau genommen hat er es selber initiiert. Drei Studien hat die Fifa seit 2001 in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden wie dem IOK durchgeführt und vier Kongresse mit internationalen Experten abgehalten, und all diese Aktivitäten hat sie mit Empfehlungen und Massnahmen verknüpft. Als Folge gingen etwa die Ell­bogenschläge ab 2006 spürbar zurück.

765 Millionen Schadenersatz

«Wenn nun die Fifa an den Pranger ­gestellt und behauptet wird, sie unternehme nichts, dann stört mich das», sagt Dvorak. Schliesslich sei es der damalige Generalsekretär Sepp Blatter gewesen, der ihn Mitte der Neunzigerjahre gefragt habe: «Was können wir tun, um Fussball gesünder zu machen?»

Heute gilt die Fifa als Vorreiterin, dies bestätigt Alex Nieper. Der Deutsche ist Teamarzt bei GC, davor hatte er sechs Jahre bei Chelsea gearbeitet. Er lobt: «Die Fifa ist auch in Sachen Kopfverletzungen sehr fortschrittlich.» Es sei das Verdienst von Dvorak. Dass die National Football League ihn, den Fifa-Arzt, kürzlich als Berater verpflichtet hat, unterstreicht dies. Die NFL wurde von früheren Spielern und Angehörigen verstorbener Ex-Profis verklagt und musste sich bereit erklären, Schadenersatz von 765 Millionen Dollar zu bezahlen.

Schutzhelme oder Stirnbänder?

Football – das ist Boxen mit Ball, die Kräfte sind enorm. Und gerade auf Stufe Schulsport schicken in den USA immer weniger Eltern ihre Buben zum Footballtraining. Dagegen erhält Fussball laufend mehr Zuwachs. Aus gutem Grund, findet Dvorak: «Fussball ist kein Hoch­risikosport.» Entsprechend hält er auch wenig davon, Helme oder Stirnbänder zu tragen. «Sie schützen vor Brüchen, nicht aber vor Hirnerschütterungen», sagt der oberste Fifa-Mediziner.

Es gibt sie aber, die Fälle, in denen Fussballer gezwungen werden, wegen einsetzender Spätfolgen ihre Karriere zu beenden. Der frühere Nationalspieler Dominique Herr beispielsweise. Zwei Jahre nach der WM-Teilnahme 1994 musste der Basler seine Karriere beenden, sieben Gehirnerschütterungen hat er insgesamt erlitten. «Das hat sich summiert, und es brauchte immer weniger», sagt Herr heute. Pausieren sei damals nicht üblich gewesen, er habe manchmal auch mit Kopfschmerzen trainiert.

Irgendwann jedoch sei er vor der Wahl gestanden: weitermachen und bleibende Schäden riskieren – oder aufhören. Also trat er zurück, mit gerade einmal 30 Jahren. Er sagt: «Einen Dachschaden kann man nicht mehr heilen.» Herr arbeitet heute bei einer Krankenkasse in Basel und ist schmerzfrei – ­solange er keinen Sport treibt. Biografien wie seine dienen der Fifa als Ansporn, die medizinische Prävention weiterhin als Priorität zu behandeln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.07.2014, 06:40 Uhr

Am Puls der Super League

Alex Nieper ist gute medizinische Betreuung gewohnt. Sechs Jahre lang hat der Arzt bei Chelsea gearbeitet und 2006 den schlimmen Unfall von Torhüter Petr Cech miterlebt. In einem Spiel gegen Reading erlitt der Tscheche einen Schädelbasisbruch. Seither trägt er einen Helm und gilt als Stimme jener, die schwere Kopfverletzungen im Fussball fürchten. Nach Cechs Unfall wurde der Notfallplan in der Premier League angepasst.

Seit zehn Monaten ist Nieper in der Schweiz, als Teamarzt der Grasshoppers, und er sagt: «Was die medizinische Versorgung betrifft, hinkt der Schweizer Fussball hinterher.» Besonders bewusst wurde ihm dies, als im vergangenen Februar der damalige GC-Goalie Roman Bürki beim Spiel in St. Gallen von einem Gegenspieler am Kopf getroffen wurde. Rund 15 Minuten lang lag Bürki auf dem Rasen – weil eine geeignete Trage fehlte, um den Torhüter abzutransportieren. Nieper fehlten die Worte.

Fifa geht einen Schritt weiter

Bürki hatte bei dem Vorfall eine Gehirnerschütterung erlitten. Und weil Nieper alle GC-Spieler kurz nach seinem Antritt ein paar Monate zuvor einem neurologischen Basistest unterzogen hatte, konnte bei Bürki schnell eine Diagnose gestellt und der Heilungsprozess prognostiziert werden. Dieser verlief wie vorhergesagt: Sieben Tage später stand er wieder im Tor. Ähnlich war es, als Verteidiger Daniel Pavlovic sich eine Gehirnerschütterung zuzog und zwei Spieler der U-21. Dank des Basistests konnte die kognitive Fähigkeit nach der Verletzung festgestellt und verglichen werden. Eine Premiere im Schweizer Fussball.

Die jüngste Studie der Fifa geht einen Schritt weiter: Sie will alle Teams der Super League diesem Basistest unterziehen. Es ist ein umfassendes und teures Pilotprojekt, nie zuvor wurde im Fussball eine ganze Liga in diesem Bereich untersucht. Besteht künftig bei einem Spieler der Verdacht einer Gehirnerschütterung, wird er umgehend erneut getestet. Damit soll die Schwere der Schäden am Gehirn festgestellt werden. Ausserdem lässt sich die Rehabilitation planen. «Sie wird professioneller ablaufen», ist Alex Nieper überzeugt. Bei der National League im Eishockey wird der vergleichbare «Impact-Test» seit 2011 durchgeführt.

In einem Jahr zahlen die Clubs

Überprüft wird auch, ob das Verfahren der Fifa beim Verdacht auf eine Gehirnerschütterung noch zeitgemäss ist. Die Ergebnisse fliessen in den nächsten medizinischen Massnahmenkatalog ein.

Neben GC haben Basel, YB, Sion und Vaduz bereits mitgemacht, und sobald in der kommenden Woche Teamarzt Michael Wawroschek aus den Ferien zurück ist, werden auch die Spieler des FCZ getestet. Zunächst finanziert die Fifa das Projekt, nach einem Jahr gehen die Kosten zulasten der Vereine. Alex Nieper hat die Hoffnung, «dass diese bereit sind, sich nicht nur die Gehälter der Spieler, sondern auch deren medizinische Versorgung zu leisten». (wie) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Jiri Dvorak ist Neurologe an der Zürcher Schulthess-Klinik. Er ist der oberste Mediziner der Fifa.

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