Sechs Gründe für sechs Siege

Warum der FC Basel nach seiner Minikrise von Anfang Saison unter Trainer Murat Yakin richtig ins Rollen geraten ist. Eine Analyse.

So schnell kanns gehen: Der Krampf vom Oktober ist dem Jubel vom November gewichen.

So schnell kanns gehen: Der Krampf vom Oktober ist dem Jubel vom November gewichen. Bild: Keystone

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Das Fussballgeschäft ist enorm schnelllebig. Neu ist diese Feststellung nicht. Aber gültig. Und obwohl jeder darum weiss, ist das Staunen noch immer da, wenn sich wieder ein Beispiel ereignet, das dies bestätigt.

Erst vier Wochen ist es her, da der FC Basel Gefahr zu laufen schien, seine verbliebenen Saisonziele früh aus den Augen zu verlieren. Damals, da hatte Murat Yakin als neuer Trainer einen Fehlstart hingelegt, in Luzern (0:1) und bei Videoton (1:2) verloren. In der heimischen Super League lagen die Basler elf Punkte hinter dem Leader GC, in der Europa League war der Druck gross. Ja, von aussen betrachtet sah die rotblaue Welt Ende Oktober ziemlich düster aus.

Ende November steht diese Welt Kopf. Basel hat soeben Sporting Lissabon mit 3:0 auseinandergenommen. Es ist der sechsteSieg in Folge und der bisherige Höhepunkt eines Steigerungslaufs, der dem FCB in der Europa League vor dem letzten Spieltag eine gute Ausgangslage gebracht hat. Parallel dazu ist Rotblau nicht nur weiter im Cup, sondern ist auch der Rückstand in der Liga spektakulär geschrumpft: Nur drei Punkte liegt der FCB hinter der Spitze, es ist möglich, dass die Basler als Leader überwintern. Gewinnen sie ihre letzten zwei Partien, dann gehen sie mit nur zwei Punkten weniger in die Pause als in der vergangenen Jahrhundertsaison.

Wie konnte der rotblaue Zug, der eben noch neben den Geleisen schien, so rasch ins Rollen kommen? Sechs Gründe für sechs Siege in Folge:

1. Der Trainerwechsel

Was am Anfang zu verpuffen drohte, scheint sich voll bezahlt zu machen. Die Mannschaft blüht unter Yakin auf, eine Mehrzahl der Spieler steigerte sich. Parallel dazu glaubt man aus den Worten der Profis immer mehr herauszuhören, dass es – unabhängig von Yakin – richtig war, Heiko Vogel freizustellen. Anders als beim Trainerwechsel selbst verfestigt sich die Vermutung, dass sich nicht nur die Zusammenarbeit zwischen ­Vogel und der FCB-Führung, sondern auch zwischen ihm und dem Team zunehmend problematischer gestaltete.

Am auffälligsten äusserte sich diesbezüglich Marco Streller bereits zu einem frühen Zeitpunkt, als er nach den verlorenen ersten beiden Spielen unter Murat Yakin nicht etwa Trübsal blies, sondern fast strahlend verkündete: «Es kommt gut.» Was damals irritierte, kann rückblickend als Ausdruck einer Befreiung interpretiert werden – jetzt, da man merkt, dass Streller mit seiner Prognose so falsch nicht lag.

2. Der Systemwechsel

Um zu erkennen, dass die Mittelfeldzentrale in dieser Saison im 4-4-2 Mühe bekundet, dem Basler Spiel offensive Stringenz und defensive Stabilität zu verleihen, war kein Sherlock Holmes und kein Murat Yakin nötig. Trotzdem war es mutig von Yakin, dort einzugreifen und ein System zu ändern, das der FCB zuvor während jener drei Saisons praktizierte, die als erfolgreichste Phase der Clubgeschichte gelten.

Yakin erhöhte die Zahl der zentralen Aufbauer sofort von zwei auf drei. In einem 3-5-2-System in Luzern ging dies noch daneben, danach im 4-1-4-1-System wurde die Equipe rasch stabil und steigerte sich von Spiel zu Spiel.

Damit einher ging eine Veränderung der Philosophie. Vogel ist ein Anhänger des Ballbesitz-Fussballs. Gegen den hat Yakin prinzipiell nichts. Allerdings legt er auch Wert auf die Vertikale, ganz wie sein Ex-Trainer Christian Gross. Er fordert den raschen Pass in die Spitze. Das führte zuletzt zu einer für den Gegner gefährlichen Mischung.

3. Der Personalwechsel

Die Umstellung auf ein 4-1-4-1-System war nicht ohne prominente Opfer möglich. Während Streller den Stossstürmer gibt, wurde Torschützenkönig Alex Frei aus seinem Reich, dem gegnerischen Strafraum, vertrieben. Seither spielte der grösste Name des Teams überwiegend am linken Flügel, wurde mehrmals ausgewechselt oder blieb zu Beginn gar aussen vor – etwas, das auch morgen in Thun der Fall sein könnte. Auch deshalb bewies Yakin mit seiner Umstellung eine grosse Portion Mut, die ihm als Tollkühnheit angekreidet worden wäre, wären die Resultate ausgeblieben. Das Gegenteil ist der Fall: Der FCB gewinnt und tritt dabei erst noch variabler und unberechenbarer auf.

Auch die defensive Stabilität fusst auf couragierten Dispositionen, weil die Karten zweier vermeintlicher Schlüsselverpflichtungen der Transferkommission vorerst schlechter wurden. Marcelo Diaz spielt unter Yakin nicht häufiger als zuvor. In der Meisterschaft gewährte er ihm erst neun Minuten. Stattdessen agierten Valentin Stocker, Fabian Frei oder Gilles Yapi im Zentrum der Viererkette, während die Sechser-Position für Cabral reserviert war. Einen Einschnitt nahm Yakin zudem in der Innenverteidigung vor: Gaston Sauro schaut inzwischen zu, weil er gemäss Yakin Nachholbedarf in Sachen Taktik und Auslösung hat. Stattdessen spielt Fabian Schär, die Basler Entdeckung der Hinrunde.

Als Nebenprodukt hat Yakin so für Dampf unter dem Kessel gesorgt: Jeder Spieler weiss nun, dass er keine Stammplatzgarantie hat. Das schürt den Konkurrenzkampf. Und plötzlich kommen auch Impulse von Einwechselspielern…

4. Die Kommunikation

Dass Yakin in der Innenverteidigung auf Schär setzte und gewann, dürfte auch daran gelegen haben, dass er im Wiler etwas sah, was ihm weder Sauro noch Aleksandar Dragovic geben konnten: ein Mass an klarer Kommunikation, das den U21-Nationalspieler zum heimlichen Abwehrchef macht.

Goalie Yann Sommer mag dies so nicht bestätigen, stellt aber fest: «Vor Yakin wurde auf dem Platz kaum miteinander kommuniziert, inzwischen ist das viel besser.» Der Trainer animiert seine Spieler laufend dazu, inzwischen hört man nicht nur Streller, Schär und Sommer, sondern auch die anderen reden. Yakin selbst liefert seinen Profis gerne engagierte Wortgefechte. Etwa nach dem Sporting-Spiel, als er Philipp Degens letzten Schuss kritisierte. Seine Worte: «Dani Alves hätte nicht geschossen.» Der Lampenberger widersprach, Yakin nahms sportlich. Das Team lebt.

5. Die Disziplin

Trotz aller Lebhaftigkeit legt Yakin aber auch grossen Wert auf Disziplin. Das machte er vom ersten Tag an klar, als er Captain Streller im Training zurückpfiff und allen erklärte, dass das Material gemeinsam aufgeräumt werde.

Der neue Mann kämpft jedoch nicht nur gegen jeglichen Schlendrian, er arbeitet auch intensiv daran, dass auf dem Platz die Ordnung stimmt. Theorie ist Standard: «Wir studieren wirklich oft Videos», sagt Valentin Stocker. Das mache nicht immer Spass. «Aber es nützt.»

6. Das Selbstvertrauen

Die Siege steigern das Selbstvertrauen. «Doppel C oder D», beantwortet Stocker scherzhaft die Frage, wie breit denn die Basler Brust aktuell sei. Gibt es ein Schlüsselspiel für die jüngste Entwicklung, ist es der erste Sieg unter Yakin beim FC Zürich (2:1), im Schneetreiben – Umstände, die einen Schub verleihen, wenn man ihnen erfolgreich trotzt.

Was Selbstvertrauen ausmacht, ist an einigen Spielern ersichtlich: David Degen spielt nicht mehr desorientiert, sondern wie in seinen besten Tagen. Und Mohamed Salah – zwischenzeitlich im Tief – zeigt in einem Team, das mit Freude am Werk ist, wieder das, was er zu Beginn gezeigt hat. Gegen Sporting kam er rein und war die grosse Figur.

Erstellt: 25.11.2012, 09:31 Uhr

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