Steile Karriere mit beispiellosem Absturz

Joseph S. Blatter spielte während seiner 17 Jahre als Präsident der Fifa so lange mit der Macht, bis er jeden Sinn für die Realität verlor.

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Es war sein Leben. Gefühlt einmal pro Monat liess sich Sepp Blatter um die Welt fliegen. In den Anfängen genügte ihm über den Wolken die erste Klasse. Irgendwann musste es der Privatjet sein. Grundsteinlegung des Verbandsgebäudes im Tschad, Einweihung eines Ausbildungszentrums in Ruanda oder eines Kunstrasenplatzes auf Guam – so etwas konnte nie ohne Blatter stattfinden.

Er flog nach Südafrika zu Nelson Mandela, um einen Orden in Empfang zu nehmen, weiter nach Südkorea und Japan, nach Rom zum Papst, anschliessend nach New York zu einem Treffen mit dem UNO-Generalsekretär. Das schaffte er Ende 1998 ganz locker in drei Wochen.

Wenn er unterwegs war, fühlte er sich in seiner eigenen Bedeutung bestätigt. «Wenn die Fifa kommt, ist das ein Staatsbesuch», sagte er einmal im chaotischen Kinshasa, es war heiss und feucht. Und wenn er einen Orden erhielt, verkündete er gern feierlich: «Das ist eine Anerkennung für meine Arbeit, die ich für die Gesellschaft leiste.»

Blatters Ende geht um die Welt: Weltweit berichten TV-Sender über die Suspendierung vom Fifa-Chef. (Video: TA/lko)

Blatter redete mit allen, die irgendwo irgendetwas zu sagen hatten, von Putin bis Obama, notfalls mit der Mutter im Himmel, und wenn nicht mit ihr, dann mit Gott, und wenn der nicht gerade Zeit für ihn hatte, verwies er ihn weiter. «Ich glaube an Gott den Herrn», sagte Blatter, «von Zeit zu Zeit sagt er mir, ich könne direkt zum Vatikan gehen.»

Unvergessen ist die Episode, die Christian Constantin von seinem Walliser Vertrauten erzählte. Constantin, der Präsident des FC Sion, sass in Blatters Fifa-Büro, im Fernseher lief die Übertragung einer Papstwahl, jener von Benedikt XVI. «Der neue Papst wird angekündigt», erinnerte er sich, «Sepp steht auf und verkündet: ‹Und der Papst heisst ... Sepp Blatter!› Wortwörtlich! Ich denke, er spinnt total, er ist übergeschnappt, aber okay. Es geht noch weiter: Er ruft eine Sekretärin und sagt ihr: ‹Schreiben Sie sofort dem Papst. Ich will eine Audienz haben.› Eine Audienz beim Papst ... Das bekommt doch kein normaler Mensch einfach so.»

Was erstaunte es da weiter, dass Osiris Guzman, der Präsident des Verbandes der Dominikanischen Republik, in diesem Frühjahr seine ganz eigene Erleuchtung hatte: «Blatter ist Jesus.»

Das Schicksal

Blatter kam aus einem einfachen Haushalt, nicht in Bethlehem, dafür im katholisch geprägten Oberwallis. Der Vater war Velomechaniker in Lausanne, später Werkmeister der Lonza in Visp mit einem monatlichen Lohn von 1700 Franken, die Mutter verkaufte im Sommer Obst und Gemüse und im Winter Stofftierchen, um etwas dazuzuverdienen. Der kleine Sepp durfte den Vater zum Training der Visper Fussballveteranen begleiten und war aus dem Häuschen, wenn er einen Ball, der neben den Platz geflogen war, zurückbringen konnte.

Bald gewöhnte er sich an, vorneweg zu gehen. Als Knirps tat er das, weil er einen Ball besass, «und wer einen Ball hatte, war der Chef», erzählte er. Er wurde Walliser Jugendmeister über 100 Meter und stürmte für den FC Siders in der 1. Liga. Machte die Matura, ging zum Studium der Handels- und Volkswirtschaften nach Lausanne und trainierte mit Lausanne-Sports.

Eines Tages bot ihm der Club einen Vertrag an. Aufgeregt fuhr er heim nach Visp: «Du Papa, weisst du was? Ich kann bei Lausanne-Sports spielen.» – «Mit Fussball wirst du nie dein Leben verdienen», antwortete der Vater und zerriss den Vertrag. Blatter war 18 damals.

Davon erzählte Blatter einmal auf einem seiner Heimatbesuche im Wallis, wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag. Eine Frage an jenem Tag im März 2006 war: Wie wird man Präsident der Fifa, wenn man aus einem solchen Dorf kommt? «Das ist ‹Destiny›», sagte er, «Schicksal.»

Nachdem Blatter sein Studium abgeschlossen und unter anderem als Werbechef des Walliser Verkehrsverbandes oder Generalsekretär des Schweizerischen Eishockeyverbandes gearbeitet hatte, wurde er Pressechef des Landesverbandes für Leibesübungen und des Komitees für Elitesport (heute in Swiss Olympic vereint). Ende der Sechzigerjahre wechselte er als Direktor für PR und Sport zu Longines.

Es war inzwischen schon Ende 1974, als Thomas Keller, Präsident von Swiss Timing, zu dem Longines gehörte, auf ihn zuging: «Seppli, ich weiss, du bist nicht so zufrieden bei den Uhrmachern. Die Fifa hat einen neuen Präsidenten, einen Schwimmer und Wasserballer aus Brasilien. Er hat neue Ideen, aber er kann sie nicht umsetzen. Interessiert es dich, ihm dabei zu helfen?» Blatters Herz schlug höher: «Mein Traum: eine Stelle bei der Fifa ...»

Der Krieg

So begann die Geschichte von Sepp Blatter beim Weltverband der Fussballer. Er wurde ein wichtiger Verbündeter des Patriarchen João Havelange: von 1975 bis 1981 als Technischer Direktor, der für die Entwicklungshilfe zuständig war, und fortan als Generalsekretär. Er lernte eifrig vom Brasilianer, der Jahrzehnte später der Korruption überführt werden sollte, und baute sich in dessen häufiger Abwesenheit eine Hausmacht auf, die zu seinem Kapital wurde.

Und dann hatte der frühere Bundesrat Adolf Ogi die Idee, die er am 10. März 1998 im «Tages-Anzeiger» lancierte: «Sepp Blatter sollte Fifa-Präsident werden, das wäre mein Ziel.»

Blatter war überrascht von diesem Vorstoss, aber erkannte bald auch, dass die Uefa mit Lennart Johansson an der Spitze nicht nur den Sitz von Havelange wollte, sondern auch einen neuen Generalsekretär. Er hatte darum bloss eine Chance, in der Fifa zu bleiben: Er musste selbst Präsident werden.

Am 30. März jenes Jahres gab er seine Kandidatur bekannt. Neben ihm sass ­Michel Platini, damals Co-Chef der anstehenden WM in Frankreich. Auf seinem neuen Briefkopf stand: «JSB for President.»

Am 8. Juni war Blatter überraschend schon im ersten Durchgang gewählt. Abends, allein in seinem Hotelzimmer, sagte er sich: «Sepp, du hast es geschafft, du hast gewonnen.»

Der Krieg aber fing erst an.

Es ging los mit den Anschuldigungen, Blatter habe sich afrikanische Delegierte gefügig gemacht, indem er ihnen jeweils 50'000 Dollar in bar auszahlen liess. Ein Buch wurde darüber geschrieben («Wie das Spiel verloren ging», vom Engländer David A. Yallop). «Wer beeinflusste Leute?», wehrte sich Blatter später, «wer verteilte in der Nacht vor der Wahl Umschläge mit Geld drin? Wer klopfte an die Zimmertüren von Delegierten und lockte sie mit schönen Mädchen? Sicher nicht ich. Jetzt sage ich noch etwas: Und selbst wenn es so gewesen wäre, dann hätte ich nur das Gleiche gemacht wie die Gegenseite.»

Über Jahre schien er der Präsident zu sein, dem nichts anzuhaben war, der um seine Position kämpfte mit allem, was er besass. Und das waren: Schläue, Gerissenheit, Eitelkeit, Charme, Wendigkeit und ganz viel Opportunismus. Er schloss Allianzen und verbündete sich mit Mohamed Bin Hammam, der ihm dank seiner Beziehungen zum Emir von Katar die teuren Wahlen von 1998 und 2002 finanzierte; mit Jack Warner, dem früheren Dorfschullehrer aus Trinidad und Tobago, weil der ihm im nördlichen Amerika und der Karibik immer ein schönes Stimmenpaket sicherte; und als sein Zögling Michel Platini 2007 Uefa-Präsident geworden war, glaubte er, die störrische europäische Konföderation unter Kontrolle gebracht zu haben.

2007 wurde Blatter per Akklamation wiedergewählt. Es hatte keiner gewagt, sich gegen ihn zu stellen. Als der Kongress einmal mit 201:1 Stimme über ein Traktandum befindet, sagte er: «Das ist eine demokratische Abstimmung.» Danach rief Bin Hammam dem Kongress im Hallenstadion zu: «Freunde, denkt ihr nicht, dass wir dem Schöpfer dafür danken sollten! Herr Präsident, wir danken Ihnen für Ihre Vision.»

Blatter schwebte. Verdiente Millionen. Und verteilte über die von ihm erfundenen Entwicklungsprojekte Hunderte von Millionen an die Verbände. Die Kleinen und Kleineren dankten es ihm mit loyaler Ergebenheit.

Der Gottgesandte

Drei Jahre später zogen dunkle Wolken auf, es ging um die Doppelvergabe der WM 2018 und 2022. Schon vor jenem schicksalhaften 2. Dezember 2010 in der Zürcher Messe hatten Recherchen der «Sunday Times» aufgezeigt, wie Katar angeblich versucht hatte, sich die Stimmen der Exekutivmitglieder der Fifa zu kaufen. Russland bekam das Turnier von 2018 zugesprochen, Katar jenes von 2022. Das löste Stürme aus, welche die Fifa bis heute durchschütteln. Und im Endeffekt den Sturz von Blatter einge­leitet haben.

Das Wahlergebnis rief nach Auf­klärung und nach Reformen im Verband mit seinen 209 Mitgliedern. Korruption wurde endgültig zu einem Synonym für Fifa. Die einstigen Weggefährten rückten reihenweise von Blatter ab, weil sie glaubten, die Zeit für einen Wechsel sei reif. Bin Hammam wollte 2011 Platini als Präsident forcieren, der Franzose aber getraute sich nicht. Bin Hammam machte sich deshalb selbst zum Herausforderer: «Jetzt ist die Zeit für neue Gesichter, neues Blut, neue Luft.» Mit Warners Hilfe wollte er für 1 Million Dollar die Stimmen von 25 karibischen Funktionären kaufen. Der Betrugsversuch flog auf.

Der Katarer wurde gar nicht mehr zur Wahl zugelassen. Die Ethikkommission, unter Blatters Einfluss, hatte ihn suspendiert. Blatter erhielt im Frühsommer 2011 sein nächstes Mandat erneut per Akklamation. Dafür hatte er nicht nur Bin Hammam und Warner als Vertraute verloren, sondern auch Platini.

Blatter versprach danach, 2015 sei Schluss, wirklich und endgültig. Der «Tages-Anzeiger» fragte, was er dann zu seinem Abschied lesen möchte. «Er hat es geschafft», antwortete er.

Er wollte die Fifa reformieren, er wollte ihr Image aufpolieren und damit sein eigenes, weil beides untrennbar verbunden war. Er wiederholte deshalb: «Die Mission ist noch nicht zu Ende.» Das Quasireligiöse liess ihn einfach nicht los. Und er konnte nicht loslassen von der Macht. Je länger er im Amt war, ­desto mehr hing er daran und an dem, was damit verbunden war. Die Macht. Das Prestige. Der Luxus. Sein früherer Kommunikationsdirektor Markus Siegler sagte: «Er hat die Bodenhaftung verloren. Man hat den Eindruck, er fühle sich als Gottgesandter.»

In der Fifa veränderte sich das Exekutivkomitee zwangsweise immer mehr. Auch Figuren wie Ricardo Teixeira oder Chuck Blazer stürzten über ihre Machen­schaften, von denen Blatter nie etwas gewusst haben will. Blatter selbst stand nie ernsthaft im Verdacht, bestochen worden zu sein. Der Verdacht war ein anderer: dass er genau wusste, was lief, aber dass er das duldete, solange es ihm zum eigenen Vorteil diente.

Die neu formierte Ethikkommission sprach ihn im Frühjahr 2013 im grossen ISL-Skandal frei von jeder Schuld. Der Rechtevermarkter hat 2001 Bankrott gemacht, nachdem er 160 Millionen Franken an Schmiergeldern gezahlt hatte, unter anderem 22 Millionen an Blatters einstigen Lehrmeister Havelange und dessen Schwiegersohn Teixeira.

Vor der WM 2014 in Brasilien sagte Blatter: «Sollten wir uns wundern, wenn unser Spiel eines Tages auf einem anderen Planeten gespielt wird? Dann haben wir nicht nur eine WM, wir haben einen interplanetaren Wettbewerb.» Die Fifa auf dem Mond, dem Mars? Vielleicht wäre Blatter da sicher gewesen vor allem, was noch herauskommen sollte – und am 27. Mai 2015 im Sturmlauf der schweizerischen und der amerikanischen Justiz auf das Baur au Lac gipfelte. Um 6 Uhr morgens an jenem Mittwoch wurden sieben hohe Fifa-Funktionäre wegen diverser Finanzdelikte festgenommen. Die Justiz liess die Fifa nicht mehr aus ihren Fängen.

Der Gefangene

Zwei Tage später wurde Blatter vom Kongress zwar nochmals als Präsident bestätigt. Die Uefa um Platini hatte sich so dilettantisch angestellt, dass sie den Machthaber nicht stürzen konnte.

Aber weitere vier Tage später erklärte Sepp Blatter, dass er sein Amt zur Ver­fügung stellen werde. Mitte September verkündete er der Fifa-Belegschaft auf einmal, vielleicht bleibe er noch länger als bis zu den Neuwahlen am 26. Februar 2016. Am 24. September eröffnete die Bundesanwaltschaft ein Straf­ver­fahren gegen ihn: wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung.

Aus Angst, an die US-Justiz ausge­liefert zu werden, flog Sepp Blatter seit Juni nicht mehr herum. Frauen-WM in Kanada? U-20-WM gleichzeitig in Neuseeland? Er musste vor dem Fern­seher sitzen, um dabei zu sein. Und wurde immer mehr zum Gefangenen. Nur einmal noch verliess er das Land. Im Juli reiste er zur Auslosung der Qualifikation für die WM 2018 nach St. Petersburg. In Wladimir Putins Armen war er sicher vor dem FBI.

Sepp Blatter hatte einmal gesagt: «Ich werde oft als Missionar bezeichnet. Zerstört mich nicht. Denn es ist eine Mission, wenn man mit dem Fussball etwas bewegen kann, was den Menschen gut tut.» Er tat genug, sich selbst zu zerstören. Nach 17 Jahren als Chef der Fifa gibt er ein trauriges Bild ab.

Am 10. März wird er 80 Jahre alt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2015, 22:50 Uhr

Abtransportiert: Sepp Blatter verlässt sein ehemaliges Reich am Donnerstag, den 8. Oktober 2015.

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