«Seit 50 Jahren träume ich vom Cupfinal»

Xamax-Trainer Bernard Challandes schiebt die Favoritenrolle im heutigen Spiel seinem ehemaligen Verein FC Sion zu.

Trainer ohne Vertrag: Bernard Challandes hat für sich bei Xamax nur eine Nichtabstiegsprämie und eine Prämie für den Sieg im Cupfinal ausgehandelt.

Trainer ohne Vertrag: Bernard Challandes hat für sich bei Xamax nur eine Nichtabstiegsprämie und eine Prämie für den Sieg im Cupfinal ausgehandelt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bernard Challandes, am Mittwoch reichte Xamax das 0:0 in Sion zum Ligaerhalt. Wie war die Stimmung im Bus bei der Rückreise nach Neuenburg?
In der Kabine war die Erleichterung gross, aber wir haben nicht ausgiebig gefeiert. Wir haben sofort geschaut, dass die Spieler ihre Teigwaren essen und genügend Flüssigkeit zu sich nehmen. Wie es danach im Teambus zuging, weiss ich nicht. Ich blieb im Wallis und bin erst tags darauf zum Training mit dem Zug nach Neuenburg gefahren.

Sie wohnen auch rund drei Monate nach ihrer Entlassung noch immer in Sion?
Ja, warum nicht? Wir wohnen in Savièse, um genau zu sein. Das ist ein Dorf etwas oberhalb von Sion und wunderbar gelegen. Die Sonne, die Wärme, die Berge, das behagt meiner Frau und mir. Zudem geht unser jüngster Sohn Jules in Sierre in eine Schule, in der zweisprachig – deutsch und französisch – unterrichtet wird. Ich glaube, auf meine alten Tage werde ich da ein Stück Land kaufen.

Im Wallis ist es angenehmer als in La Chaux-de-Milieu in der kalten La Brévine?
Wir haben unser Haus im Jura renoviert, neu isoliert. Das wird immer mein Zuhause bleiben. Aber ein Häuschen im Wallis, das wäre nicht schlecht. Zurzeit wohnen wir dort zur Miete.

Am 13. Mai wechselten Sie zu Xamax. War der Cupfinal der Grund?
Ja. Seit 50 Jahren träume ich vom Cupfinal. Den ersten Final habe ich als 13-jähriger Bub mit meinem Vater 1964 im Wankdorf gesehen. 50'000 waren im Stadion, ich sass einen Meter hinter der Spielfeldmarkierung. Abschrankungen gab es damals keine. Lausanne schlug unseren FC La Chaux-de-Fonds 2:0. Trotz der Niederlage, hat der Cupfinal für mich seither etwas Mythisches. Jetzt habe ich erstmals die Chance, ihn zu gewinnen. Deshalb packte ich die Möglichkeit. Wäre als Beispiel Bellinzona im Final und ich hätte eine Anfrage bekommen, ich wäre – ohne zu zögern – ins Tessin gegangen.

Sie kennen den FC Sion bis ins Detail. Wie gross ist die Chance für Xamax? Wird der Ligaerhalt nochmals Kräfte und Euphorie freimachen?
Wir alle hoffen das. Aber es wird sehr, sehr schwer. Wenn ich heute aus den beiden Equipen von Sion und Xamax eine Mannschaft zusammenstellen müsste, wäre kein einziger Neuenburger dabei. Nuzzolo ist ausgelaugt, er berührt kaum noch einen Ball, der kleine Wüthrich, in fussballerischer Hinsicht der Beste im Kader, hat in diesem Jahr wenig gespielt und liess sich gehen. Er ist weit von der Topform entfernt. Mein Team ist gezeichnet. Aber im Fussball gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft.

Weshalb haben Sie zuletzt Goalie Luca Ferro durch Jean-François Bédénik ersetzt?
Vielleicht um etwas zu provozieren, ich weiss es nicht. Es sind zwei gute Torhüter. Bei den beiden Spielen, die ich mit Sion gegen Xamax verloren habe, stand jeweils Bédénik im Tor. Doch es ist eine Situation mit Konfliktpotenzial. Beide Goalies wollen spielen, das ist logisch, denn beide sind nicht mehr 20. Sollte ich bei Xamax bleiben, würde ich die Situation ändern. Ohne klare Nummer 1 gibt es keine Ruhe.

Und wer spielt im Cupfinal?
Das sage ich noch nicht.

Hängt Ihre Zukunft bei Xamax von diesem Spiel ab. Haben Sie überhaupt einen Vertrag in Neuenburg?^
Nein. Ich habe eine Nichtabstiegsprämie ausgehandelt und eine Prämie für den Sieg im Cupfinal.

Wird der neue Xamax-Besitzer, der tschetschenische Geschäftsmann Bulat Tschagajew, Ihnen einen Vertrag anbieten?
Normalerweise müsste das der Fall sein, denn der Ligaerhalt ist geschafft. Aber ich weiss nicht, ob man mich in dieser chaotischen Situation geholt hat, weil ich Neuenburger bin und um die Situation zu beruhigen. Xamax ist jetzt in ausländischem Besitz, das hat in Neuenburg für Kritik gesorgt. Die Investoren haben angekündigt, die Identität von Xamax werde bewahrt, man strebe die Zusammenarbeit mit einheimischen Leuten an und man wolle mit der Stadt in engem Kontakt bleiben. Ob das der Fall sein wird, wird sich zeigen.

Sie tappen im Dunkeln?
Bisher habe ich mich mit meinem Staff nur auf die Mannschaft konzentriert. Ich weiss nicht, was die Investoren vorhaben, welches Projekt sie anstreben, welche Spieler sie behalten wollen, welche gehen müssen. Ich weiss nicht, welche Transfers getätigt werden und ob in der Maladière ein richtiges Spielfeld verlegt wird, das heisst für mich ein Naturrasen. Ich würde jedenfalls nie den Trainerjob akzeptieren, sollte ich bei den Transfers kein Mitspracherecht erhalten.

Geht man mit 60 keine Kompromisse mehr ein?
Ich muss das nicht. Finanziell habe ich ein bisschen etwas auf die Seite gelegt. Ich schaue mich um, habe eine Offerte aus Dubai.

Dubai? Von welchem Verein?
Das sage ich noch nicht, aber es ist einer aus den Top 4. Ich war zudem vor eineinhalb Monaten in Oman, habe mit den Verantwortlichen des Fussballverbandes gesprochen. Dort bin ich einer der Kandidaten für die Nationalmannschaft. Ohnehin interessieren mich die Auswahlteams.

So ist auch eine Rückkehr zum Schweizerischen Fussballverband möglich?
Nein, nein, für den SFV bin ich zu alt. Ich bin bereit für das Ausland, meine Frau würde das mitmachen. Mein Dossier liegt auch beim indischen Fussballverband.

Ein Cupsieg nach dem Meistertitel 2009 mit dem FCZ wäre deshalb nicht schlecht als neuer Eintrag in den eigenen Bewerbungsunterlagen.
Ja, ja. Ich hoffe am Sonntag auf ein Wunder.

Erstellt: 29.05.2011, 13:03 Uhr

Der Cupfinal auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Wir berichten ab 16.30 Uhr live über die Partie zwischen Neuchâtel Xamax und dem FC Sion. Die Neuenburger haben ihre vier Finals allesamt verloren, die Walliser stehen bei 11:0 Siegen.

Artikel zum Thema

Die treuste Seele

Der Ehrenpräsident von Neuchâtel Xamax Gilbert Facchinetti fiebert dem Cupfinal gegen den FC Sion entgegen. Er hofft, dass es das Schicksal gut mit Xamax meint. Mehr...

Nullnummer rettet Xamax

Ein 0:0 in Sion sicherte Xamax aber den Verbleib in der Super League. Am Sonntag treffen die Teams im Cupfinal aufeinander. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Geldblog Solarenergie: So setzen Sie auf den Megatrend

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...