Senderos sucht seine neue Rolle

Der frühere Nationalspieler will nach dem Rücktritt im Geschäft bleiben und belegt in Spanien einen Kurs für Sportchefs.

11 Clubs in 6 Ländern und total 57 Einsätze mit der Schweiz – Philippe Senderos hat in seiner Karriere viel gesehen. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

11 Clubs in 6 Ländern und total 57 Einsätze mit der Schweiz – Philippe Senderos hat in seiner Karriere viel gesehen. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

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Zum Jahresstart zog es Philippe Senderos in die Berge. Er vergnügte sich beim Skifahren und brauchte deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Jahrelang war es ihm als Profi vertraglich untersagt gewesen, sich den Gefahren des Schneesports auszusetzen. Aber jetzt kann er tun und lassen, was er will: Mitte Dezember beendete er seine Karriere.

Senderos, der am 14. Februar 35 wird, ist weit herumgekommen in seinem Beruf. Für grosse Clubs verteidigte er, für Arsenal etwa, für Milan und Valencia. Als er vor einem Jahr aus den USA von einem Gastspiel bei Houston zurückkehrte, dachte er: «Das kann es noch nicht gewesen sein.» Er war nicht bereit, aufzuhören.

Chiasso war die letzte Karrierestation von Senderos. (Bild: Keystone)

Acht Monate dauerte seine Pause. Dann die Meldung: «Senderos zum FC Chiasso.» Chiasso? Was will einer, der die grosse Bühne der Welt gesehen hat, in der fussballerischen Anonymität? Warum nur tut er sich das noch an in seinem Alter?

Die Konsequenzen gezogen

Solche Fragen stellt er sich nicht. Ihn stört es nicht, dass sich im Grenzort bei Heimspielen lediglich ein paar Hundert Zuschauer im Kleinstadion verlieren. Der Ehrgeiz treibt ihn an, die Lust, sich zu beweisen: Ich kanns noch. Er, der 2016 ein halbes Jahr bei GC verbrachte, hat hohe Ansprüche an sich, das war immer schon so. Aber er spürt auch, dass er ihnen nicht mehr gerecht wird und zieht die Konsequenzen nach nur drei Einsätzen in der Challenge League. Ihm war das ein Anliegen: dass er bestimmen darf, wann Schluss ist, und nicht irgendein Club, irgendein Trainer, der ihn aufs Abstellgleis stellt.

Auf diese Szene wird Senderos heute noch angesprochen: das WM-Kopftor gegen Südkorea und die blutige Nase. (Bild: Keystone)

Einige markante Bilder aus Senderos’ Karriere bleiben haften, und eines überragt alle anderen. Darauf wird er heute noch oft angesprochen, «fast wöchentlich», sagt er. Es ist dieses Kopftor an der WM 2006 beim 2:0-Sieg gegen Südkorea: Senderos erzielt es mit aller Entschlossenheit, trägt im Duell mit dem Gegner eine blutige Nase davon – und wird für seine ­kompromisslose Art gefeiert. «Eigentlich bringt diese Aktion treffend zum Ausdruck, wie ich in meiner Karriere immer funktionierte: Ich war mit Leidenschaft dabei und auch bereit, für den Erfolg des Teams eine Verletzung zu riskieren.»

Und gab es für ihn auch einen Schlüsselmoment? Ist es der Einstand bei Arsenal etwa? Das erste Länderspiel? «Als Schlüsselmoment würde ich meinen ersten Match bei Servette bezeichnen», antwortet er, «Lucien Favre gab mir die Chance, und ich wusste: Wenn ich sie packe, kommt das gut.» Senderos debütierte im Februar 2002, als es die Nationalliga A noch gab. Und es kam gut für ihn.

Vorbild für die Kinder sein

57-mal spielte er für die Schweiz, er war 2002 der Captain der ­U-17-Auswahl, die in Dänemark Europameister wurde. «Der Fussball gab mir wahnsinnig viel, ich bin sehr dankbar», sagt er. Jetzt plant er die nächste Phase. Er könnte es sich leisten, das Tempo zu drosseln, länger als nur ein paar Tage Ski zu fahren. Aber er will das nicht. «Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, meine Eltern machten mir vor, wie wichtig es ist, im Leben fleissig zu sein. Ich will meinen Kindern nun ein gleiches Vorbild sein.»

«Ich bin glücklich mit dem ersten Abschnitt meines Lebens. Und bereit, mich dem nächsten zu widmen.»Philippe Senderos

Seine Zukunft sieht er in der Welt des Fussballs. Demnächst beginnt in Madrid ein halbjähriger Kurs, in dem der spanische Verband den Teilnehmern den Job des Sportchefs näherbringt. Senderos hat nicht die fixe Idee, demnächst bei einem Club in dieser Funktion anzufangen. Aber er will zumindest herausfinden, ob das die Rolle wäre, die auf ihn zugeschnitten ist. Er interessiert sich auch für den Trainerberuf. Er hat vor, Diplome zu erwerben, voraussichtlich macht er die Ausbildung in England.

Senderos, der zwischen London, Genf und Madrid pendeln wird, ist nun wieder Lehrling. Eine Eigenschaft wird ihn auch in einer neuen Rolle begleiten: der unbändige Wille. «Ich habe klare Gedanken», sagt er, «wenn ich weiss, in welche Richtung es gehen wird, werde ich das mit aller Entschlossenheit tun.» Vor einem Jahr hätte er sich einen Alltag ohne Training und Begegnungen in der Garderobe nicht vorstellen können. Jetzt sagt er: «Ich bin glücklich mit dem ersten Abschnitt meines Lebens. Und bereit, mich dem nächsten zu widmen.»

Erstellt: 06.01.2020, 21:01 Uhr

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