Sieg vor Schönheit

In St. Gallen möchte Vladimir Petkovic heute Abend gegen Litauen einen lustvollen Schweizer Auftritt sehen. Dabei zählt nach dem Fehlstart in die EM-Qualifikation nur eines: die drei Punkte.

«Zwei Joker haben wir schon gebraucht»: Die Rechnung von Stephan Lichtsteiner, der den Kollegen in der St.Galler AFG Arena vom Feldrand zuschaut. Foto: Ehrenzeller / Keystone

«Zwei Joker haben wir schon gebraucht»: Die Rechnung von Stephan Lichtsteiner, der den Kollegen in der St.Galler AFG Arena vom Feldrand zuschaut. Foto: Ehrenzeller / Keystone

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Stephan Lichtsteiner sagte: «In dieser Gruppe hat man drei Joker. Zwei davon haben wir schon gebraucht. In der Lage, in der wir uns befinden, können wir uns gar nichts mehr erlauben.» Lichtsteiner sagte das am Tag nach dem 0:1 in Slowenien, der zweiten Niederlage im zweiten Qualifikationsspiel für die EM 2016.

Fünf Wochen ist es her, seit der zweite Joker gebraucht wurde. Seither steht fest, wie bedeutsam dieser 15. November wird, dieses Spiel gegen Litauen, das um drei Punkte besser dasteht. «Wir machen alles, um zu gewinnen», verkündet Nationalcoach Vladimir Petkovic, «und wir werden auch gewinnen.»

Es kann auch nur den Sieg geben: für diese Schweiz, gegen dieses Litauen. Für eine Schweiz, die in den letzten zehn Jahren an Statur gewonnen hat, sich entsprechend selbstbewusst gibt und für die ein Verpassen der EM «fast eine Katastrophe» wäre, wie Xherdan Shaqiri sagt. ­Gegen ein Litauen, das nach Papier und Geschichte krasser Aussenseiter ist, das keine Spieler von Bayern, Napoli oder ­Juventus hat, sondern von Aue, Stuttgart II oder Pandurii Targu Jiu (Rum). Die Schweiz ist aktuell die Nummer 12 der Welt, Litauen die Nummer 92.

Behramis Mahnung

Petkovic äussert sich respektvoll über Litauen («gut eingespielt, physische Qualitäten, schnelle Gegenangriffe»). Das mag zum einen das übliche Gerede sein, um der eigenen Mannschaft keinen Anlass zu geben, den Gegner zu unterschätzen. Zum anderen ist es angebracht, sich ernsthaft mit der Aufgabe auseinanderzusetzen. Valon Behrami tut das und mahnt: «Wir dürfen nicht denken, wir seien zu gut, um in dieser Qualifikation scheitern zu können.»

Das ist eben die Frage: Wie gut ist diese Mannschaft wirklich? Die Niederlagen gegen England und in Slowenien haben gezeigt, dass sie nicht so unantastbar ist, wie sie vor dem Start zur Qualifikation selbst dachte. Und sie haben all jene in die Irre geführt, die sich nach dem Wechsel von Ottmar Hitzfeld zu Petkovic auf ein spannendes Kapitel freuten, die glaubten, die Schweiz beginne auf einmal, offensiv zu spielen.

Um Stilfragen geht es vorderhand nicht mehr, nur um die Pflicht, um Punkte. Um das, was Lichtsteiner sagt: «Lieber schlecht spielen und gewinnen als gut spielen und verlieren.»

Natürlich stand Hitzfeld nicht im Ruf, der Mann fürs spielerische Spektakel zu sein. Für ihn war der Sieg schon auf­regend genug. Was ihn allerdings von vielen Trainern unterschied: Er konnte die Qualitäten der Spieler, die ihm zur Verfügung standen, immer punktgenau einschätzen. Er träumte nicht, er wollte nur gewinnen.

Petkovics Umschwung

Hitzfeld wusste, dass die Schweiz zwar einen überragenden Torhüter hat, aber keine überragenden Innenverteidiger, dass sie zwar Talente hat wie Shaqiri, aber keinen Torjäger wie Alex Frei. Er kannte die Schwächen und verzichtete auf Experimente. Er dachte nüchtern und hatte deshalb seine Kritiker.

Petkovic ist kein Hitzfeld, weder vom Ruf noch von den Titeln her, und trotzdem hat seine Anstellung Erwartungen geweckt, Erwartungen nach offensivem Fussball. Bislang hat er sie nicht erfüllt. Ein 4:0 in San Marino ist in dieser Beziehung ohne Bedeutung, weil da auf der anderen Seite nur das statistisch schlechteste Team der Welt stand.

Jenes Spiel ist nur deshalb in Erinnerung geblieben, weil sich Petkovic kritisch darüber äusserte, was bis dahin in den Medien übers Nationalteam verbreitet worden war. «Ich bin etwas frustriert», sagte er, «das tut etwas weh.» Er gab Rätsel auf, weil er nicht bereit war, seine Kritik mit Beispielen zu unter­legen. Nun sagt er: «Ich bin nie wirklich frustriert.» Und: Was gewesen sei, sei unwichtig. ­Lieber redet er davon, wie gut das Team die ganze Woche über trainiert habe.

Shaqiri, Randfigur im Zentrum

Sein Gemütszustand heute Abend hängt in erster Linie davon ab, ob die Spieler mit seiner Systembastelei besser umzugehen verstehen, ob sie die Tore schiessen, die ihnen gegen England und Slowenien trotz bester Chancen nicht gelangen, ob sie den lustvollen Auftritt hinlegen, den sich der Coach erhofft.

Dass Ricardo Rodríguez ausfällt, darf nicht von Bedeutung sein. Schon viel eher ist von Belang, in welcher Verfassung sich die Offensivkräfte präsentieren, allen voran Xherdan Shaqiri. Bei Bayern München hat sich seit dem Ausflug nach San Marino nichts an seinem Status geändert, gespielt hat er seither 78 Minuten, verteilt auf fünf Einsätze.

Für Pep Guardiola ist er eine Rand­figur. Für die Schweiz und Petkovic ist er das Gegenteil, eigentlich unverzichtbar, gerade wenn er so auftritt wie an der WM gegen Ecuador und Argentinien. Da war er der zentrale Spieler hinter Josip Drmic, der als einzige Sturmspitze die weiten Wege ging. Im System Petkovics ist er hängender Mittelstürmer, der keinen mehr vor sich hat. Gut bekommen ist ihm das bislang nicht.

Bleibt ein letztes Wort von Petkovic: «Wir sind stärker als Litauen.»

Erstellt: 14.11.2014, 22:49 Uhr

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