So verteilt die Fifa ihre Schätze

Die Fifa hat unter Sepp Blatter 1,9 Milliarden Dollar an 209 Landesverbände ausbezahlt. Die Fördertöpfe sind zum wichtigen Machtwerkzeug geworden.


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Sie überboten sich gegenseitig mit immer höheren Zahlen. Die drei Männer, die Fifa-Präsident Sepp Blatter vom Thron stossen wollten, versprachen den 209 Landesverbänden einen wahren Dollarregen. Der Jordanier Prinz Ali bin al-Hussein sagte, er würde als Präsident «substanziell» mehr Geld verteilen. Der Holländer Michael van Praag trumpfte mit 1 Million Dollar pro Jahr und Mitglied auf, der Portugiese Luís Figo, Weltfussballer des Jahres 2001, verdoppelte kurzerhand auf 2 Millionen. Heute erhalten alle Länder, egal, ob Deutschland oder Djibouti, 250'000 Dollar pro Jahr aus dem grössten Fifa-Fördertopf.

Dieser Subventionssteigerungslauf ist eine Folge des Erfolgs der Fussball-WM. Die Fifa-Einnahmen sind in den letzten Jahren explodiert, und damit wurde die Frage immer wichtiger, was mit dem Geld geschieht. Das Verteilen der Einkünfte ist zu einem Machtwerkzeug Sepp Blatters geworden, nach einer einfachen Formel: Jeder Verband hat eine Stimme, die Verbände wählen den Präsidenten, zufriedene Funktionäre bringen Stimmen.

Blatter ist Architekt eines Subventionssystems, das immer komplexer wird. Die wichtigsten Fördertöpfe schuf er 1999, zu Beginn seiner ersten Amtszeit. Seither sind immer wieder neue dazugekommen. Inzwischen gibt es rund ein Dutzend Förderprogramme. Alleine 2014 schüttete die Fifa rund 500 Millionen Dollar Entwicklungsgelder an ihre «Members» aus.

17'750 Dollar pro Fussballer

Der TA hat die Zahlungen aus den sechs wichtigsten Töpfen zusammengetragen und ausgewertet – insgesamt 1,9 Milliarden Dollar. Am meisten profitiert der Verband Palästinas, dem die Fifa seit 1999 ein Budget von 11,2 Millionen Dollar zur Verfügung stellte. Am Ende liegen Katar, Macao und Puerto Rico, die ausser den fixen Mindestzahlungen keine Gelder erhielten. Die Auswertung zeigt, wie stark die Kleinen bevorzugt werden. Das extremste Beispiel ist die karibische Insel Montserrat, die zu Grossbritannien gehört und die kleinste «Football Association» der Welt unterhält. Auf der Insel ­leben 5000 Personen, im Verband sind 400 Fussballer registriert (nicht alle ­leben auf der Insel). Trotzdem wurden dem Miniverband seit 1999 7,1 Millionen Fifa-Dollars zugesprochen – 17'750 Dollar pro Spieler.

Ähnlich sieht es in Osttimor, Bhutan oder auf den Cook Islands aus. So überrascht es nicht, dass der Präsident der dortigen Football Association kürzlich zur Agentur Bloomberg sagte: «Wissen Sie, wie viel Unterstützung wir bekamen, bevor Blatter Präsident wurde? Zero. Reicht das, um Ihnen klarzumachen, weshalb wir für Blatter stimmen?»

Thierry Regenass leitet bei der Fifa seit 2008 die Entwicklungsabteilung, früher arbeitete der Schweizer Diplomat beim EDA und beim IKRK. Die Umverteilung sei gewollt, sagt er. Die Fifa habe gemäss Statuten den Auftrag, den Fussball zu verbessern und weltweit zu verbreiten. «Uns ist wichtig, dass der Fussball in allen unseren Verbänden solidarisch gefördert wird.»

Die grossen Verbände brauchen die Fördergelder nicht zum Überleben. Sie erhalten Millionen aus anderen Quellen, zum Beispiel für die WM-Teilnahme. Aber bei den Kleinen seien die Fördermittel oft das einzige Einkommen, sagt Regenass: «Nehmen wir Montserrat: Die meisten Fussballer spielen in England, vielleicht in der vierten oder fünften Liga. Sie nehmen aber an der WM-Qualifikation teil. Dafür muss das Kader – 25  Leute – von England aus auf eine andere kleine karibische Insel fliegen, vielleicht vorher ein Trainingscamp abhalten. Dazu kommt, dass der Verband auch mal ein lokales Turnier organisieren will. Ein Fussballteam ist nicht günstig.»

Millionen versickerten

Neben den fixen Zahlungen ist das Goal-Programm das zweitgrösste Stück des Förderkuchens. Damit finanziert die Fifa Verwaltungsgebäude, Trainingszentren oder Fussballplätze – standardmässig stehen aktuell 600'000 Dollar pro Projekt zur Verfügung. Und auch hier stehen die «kleinen» Empfänger im Fokus der Kritik. In der Presse sind immer wieder Fälle von Problemprojekten aufgetaucht: Mal fand ein Journalist im extra gebauten Trainingszentrum verlassene Büros vor, darin standen Computer, die Jahre nach dem Kauf noch immer in Plastikfolie verpackt waren (Anguilla). Mal belegte der Präsident eines Verbands in Eigenregie ein Trainingszentrum mit einer Hypothek (Antigua und Barbuda), mal verzögerte sich ein Bau um 9 Jahre (Gabun).

Mit anderen Worten: Zu viele Millionen versickerten nutzlos. «Wir haben die Aufsicht inzwischen stark ausgebaut», sagt Thierry Regenass. Heute müssen die Verbände Offerten, Bilanzen und Budgets vorlegen, bevor der erste Dollar fliesst. Gelder gehen nicht an die Landesverbände, sondern direkt an das Unternehmen, das den Fussballplatz oder die neue Tribüne baut. Werden Abmachungen nicht eingehalten, folgen Sanktionen. Regenass sagt, die Fifa habe inzwischen jene Standards erreicht, die auch die Schweizer Entwicklungshilfe anwende. Er sagt aber auch: «Wir arbeiten nun mal auch in schwierigen Ländern. Es wird immer Projekte geben, die nicht optimal laufen.»

Kunstrasen für Diktatoren

Zu den Staaten, die am meisten Fifa-Gelder beziehen können, gehören Diktaturen wie Turkmenistan oder Nordkorea. Beide Länder erhielten aus dem Goal-Programm mehrere Zahlungen. Im Jahr 2001 etwa finanzierte die Fifa für 437'745 und 449'554 Dollar den Kunstrasen in den beiden Nationalstadien.

In der Optik der Fifa gilt Nordkorea als normales Mitglied, auch wenn auf dem Spielfeld des Kim-Il-Sung-Stadions Propagandaparaden abgehalten werden und ständig die Gefahr besteht, dass sich die Regierung in den Fussball einmischt. «Als universale Organisation hat bei uns jedes Mitglied das Recht, Fussball zu spielen», sagt Regenass. Im Fall Nordkorea ist die Sache allerdings komplizierter: Es sind schon länger keine Zahlungen mehr an das Land geflossen. 1,66 Millionen Dollar sind blockiert. Auch die Fifa muss sich an die Sanktionen halten, welche die Schweizer Regierung gegen das Regime verhängt hat.

Von Blatters drei Gegenkandidaten ist inzwischen nur noch der Jordanier Ali bin al-Hussein übrig; seine Siegchancen gelten als verschwindend klein. Umso grösser sind die Versprechen, mit welchen er versuchte, die Delegierten in letzter Minute umzustimmen. In seinem Manifest schreibt der jordanische Prinz: «Als Präsident werde ich dafür sorgen, dass jeder Verband über ein ­Nationalstadium verfügt, das die ­Bezeichnung verdient.»

(Erstellt: 26.05.2015, 23:13 Uhr)

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