«Talent steht im Vordergrund, nicht Herkunft»

YB-Trainer Christian Gross zeigt sich überzeugt, dass der neue Stürmer Raùl Bobadilla rasch Fuss fassen wird. Und er spricht über die Transferphilosophie des Vereins.

«Weniger Unentschieden, weniger Niederlagen»: Christian Gross mit seinen YB-Spielern vor einer Verlängerung. (Archivbild)

«Weniger Unentschieden, weniger Niederlagen»: Christian Gross mit seinen YB-Spielern vor einer Verlängerung. (Archivbild) Bild: Keystone

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Sind mit der Verpflichtung von Raùl Bobadilla die Offensivprobleme, welche die Young Boys in der Vorrunde bekundeten, gelöst?
Christian Gross: Allein mit dem Zuzug von Bobadilla sind die Probleme nicht gelöst. Wir müssen in der Offensive allgemein als Team gefährlicher werden; jeder ist gefordert. Bobadilla wird mit seiner Körpersprache und seinem Torriecher unseren Angriff anführen und seine Teamkollegen mitreissen.

Wie viele Tore erwarten Sie von ihm in der Rückrunde?
Ich will mich nicht auf eine Zahl festlegen. Aber ich bin sicher, dass Bobadilla in der Schweiz sehr schnell wieder Fuss fassen und Tore schiessen wird.

Von Bobadilla heisst es, er überschreite die Grenzen auf und neben dem Platz hin und wieder. Gleichzeitig braucht er viel Zuwendung. Wie wollen Sie mit ihm umgehen? Geniesst er Privilegien?
Alles muss im Dienst der Mannschaft ablaufen. Wir haben interne Richtlinien, die für jeden zählen. Eine Sonderstellung muss sich ein Spieler zuerst erarbeiten und erspielen.

François Affolter wechselte aus dem YB-Trainingslager nach Bremen, weil er keine Perspektiven sah, öfter zum Einsatz zu kommen. Wie stehen Sie dem Transfer gegenüber?
Affolter ist ein sehr talentierter Spieler. Wenn er in der Bundesliga die Spielpraxis erhält, die er sich wünscht, hat er den richtigen Schritt getan. Ich bin immer sehr offen mit ihm umgegangen und habe ihm stets mitgeteilt, was ich von ihm verlange. Zuletzt befürchtete Affolter aber, seinen Platz in der U-21-Nationalmannschaft zu verlieren.

Und somit im Sommer das olympische Fussballturnier von der Ersatzbank aus zu erleben.
Ich möchte festhalten: Nicht ich war daran schuld, dass er an der U-21-EM letztes Jahr seinen Platz in der Startformation verlor. Ich war damals noch nicht YB-Trainer. Affolter wurde einfach von Timm Klose verdrängt.

Sind Sie überrascht, wie schnell der Affolter-Transfer über die Bühne ging?
Wenn gewisse Konditionen auf Anhieb erfüllt sind, kann es schnell gehen. Ich freue mich für ihn und hoffe, dass er in Bremen regelmässig zum Einsatz kommt.

Ist es der richtige Weg, wenn YB – wie im Fall von Affolter – einen 20-Jährigen aus der Region ziehen lässt und gleichzeitig Fussballer in einem ähnlichen Alter aus Südamerika verpflichtet?
Die Transfers, die wir tätigen, sind immer positionsspezifisch. Das Talent eines Spielers steht im Vordergrund und nicht die Herkunft. Entscheidend ist, ob sich ein Spieler in das Team einbringt und den Weg, den ein Klub eingeschlagen hat, mitgeht. Affolter wurde vor drei Jahren ins kalte Wasser geworfen. Danach wurde individuell zu wenig mit ihm weitergearbeitet. Letzten Sommer entschieden wir, die Konkurrenz in der Abwehr zu verstärken. Wir werden Affolter nun in der Bundesliga genauestens verfolgen, und seine Rückkehr zu YB ist keineswegs ausgeschlossen (Affolter ist für vorerst ein Jahr an Werder Bremen ausgeliehen, die Red.).

Affolter hatte seine Unzufriedenheit über seine Situation als Bankdrücker auch öffentlich geäussert. Wie ist das bei Ihnen angekommen?
Das ist legitim. Aber eigentlich ist zum leihweisen Transfer von Affolter alles gesagt. Er war nicht das Hauptthema in der Vorbereitung. Ich bin für die jungen Spieler immer eine Stütze, aber wenn ich sehe, dass sie Defizite haben, müssen sie daran arbeiten, bevor sie in die erste Mannschaft kommen werden. Vielleicht wurde Affolter zu früh in die erste Mannschaft geholt. In meiner Karriere als Trainer habe ich immer mit jungen Spielern gearbeitet, und ich kann Ihnen x Spieler nennen, die auch international ihren Weg gemacht haben.

Welches waren denn für Sie die Hauptthemen in der Vorbereitung?
Die neuen Spieler zu integrieren und an der Mentalität des Teams zu arbeiten. Wir wollen in der Rückrunde erfolgreicher sein und seltener unentschieden spielen. Dazu müssen wir uns in gewissen Momenten resultatorientierter verhalten und spielerisch Fortschritte erzielen.

Wie gut kommt denn die Integration der fünf Neuen voran?
Sie klappt gut. So, wie auch die ganze Vorbereitung hervorragend verlief. Wir hatten in Bern gute Bedingungen, in Spanien fanden wir beste Verhältnisse vor. Wir trafen eine gute Wahl mit der Trainingsanlage und dem Hotel. Und in den Testpartien konnten sich die Spieler aufdrängen.

Der Klub hat in Spanien auch ein Treffen mit den mitgereisten Anhängern organisiert. Wie gern absolvieren Sie solche Termine?
Ein Trainingslager bietet sich für ein solches Treffen an. Der Resultatstress fällt für beide Seiten weg. Ich glaube, die Fans haben sich sehr über den Anlass gefreut. Es ist aussergewöhnlich und toll, dass so viele Anhänger einen Klub zu dieser Jahreszeit begleiten. Das hatte ich zuvor in dieser Anzahl in der Schweiz noch nie erlebt. YB pflegt das Verhältnis zu seinen Fans aber auch sehr gut.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Supportern?
Es ist eine gute, offene Beziehung. Aber es ist natürlich nicht möglich, jeder Einladung Folge zu leisten.

Sie haben die Fans auch schon kritisiert und in der Debatte um die Pyrotechnik im Stadion harte Strafen gefordert.
Ja, und ich erhielt danach Reaktionen, wonach meine Forderung für ein lebenslanges Stadionverbot für Pyrowerfer zu hart sei. Aber meine Haltung ist klar, Pyrotechnik hat im Stadion keinen Platz. Sie gefährdet Mitmenschen und hat mit Fussball nichts zu tun. Wir haben in Spanien das Heimspiel von Malaga gegen den FC Barcelona besucht. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich im Stadion nur eine einzige Fackel gesehen hätte.

Wie stark kümmern Sie sich als Trainer um die Aspekte, die einen Fussballklub neben dem Platz beschäftigen?
Ich bin Angestellter des Vereins, und meine Aufgabe ist es, möglichst erfolgreich zu sein mit der Mannschaft. Die anderen Probleme betreffen mich natürlich auch, aber mir sind in gewissen Belangen die Hände gebunden.

Sie sind aber der mächtigste Angestellte des Klubs.
In keiner Art und Weise! Ich wurde schon oft als Machtmensch dargestellt. Aber sehen Sie, meine Berufung ist Fussballtrainer. Ich habe eine hohe innere Motivation und Freude am Fussballspiel. Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, alle Spieler vom Spiel zu begeistern und vor allem dazu zu bringen, dass sie das Spiel gewinnen wollen. Für mich war eine Partie immer schon dafür da, sie zu gewinnen. Niemand geht nach einem Unentschieden zufrieden nach Hause.

Was verlangen Sie von der Mannschaft in der Rückrunde?
Ich will, dass das Team Leistung abliefert, und ich will bei den Spielern Freude und Emotionen sehen. Unsere Ambitionen sind da, und am Schluss gibt es dann eine Tabelle.

Dieser ist zu entnehmen, dass YB in der Vorrunde so wenig Tore zugelassen hat wie seit Jahren nicht mehr. Ist die Defensive der Schlüssel zum Erfolg?
Eine gute Abwehr hilft uns, besser anzugreifen. Mein Ansatz bei YB war es von Anfang an, weniger Tore zu erhalten. Nun müssen wir in der Offensive unbedingt zulegen. Weniger Unentschieden, weniger Heimniederlagen sind das Ziel.

Gibt es Spieler, die besonders in der Pflicht stehen?
Ich erwarte mehr von den Offensivspielern. Raphaël Nuzzolo muss grössere und regelmässigere Akzente setzen; auch David Degen muss konstanter auftreten. Mit den Verpflichtungen von Josh Simpson und Matias Vitkieviez ist auf den Flügelpositionen eine neue Konkurrenzsituation entstanden.

Sind die Voraussetzungen für mehr YB-Tore also gegeben?
Die sind gegeben, ja.

Wie stark beeinflusst der Ausschluss von Xamax den Spielbetrieb in der Rückrunde?
Es gibt jetzt halt zwei Partien weniger, die wir hätten gewinnen und in denen die Konkurrenten hätten Punkte verlieren können. Immerhin ist jedes Team gleich stark vom Ausschluss betroffen, weil der Entscheid in der Winterpause getroffen wurde. Ich hoffe nun, dass künftig im Schweizer Fussball ausschliesslich der Meisterschaftsbetrieb für Schlagzeilen sorgt. Im letzten halben Jahr herrschte so grosse Unruhe, wie ich das noch nie erlebt hatte.

Erlauben Sie sich ein Urteil zum Fall Xamax?
Im kleinen Schweizer Fussballmarkt muss man alle Optionen prüfen, wenn sich jemand engagieren will. Grundsätzlich finde ich es immer positiv, wenn jemand im Fussball einsteigt. Als ich vor einiger Zeit erfuhr, dass Bulat Tschagajew in der Schweiz kein Konto besitzt, wurde ich aber hellhörig.

Wo stehen Sie mit YB Anfang Februar 2013?
Bis dann wollen wir die Mannschaft und damit den Klub nach vorne gebracht haben. Ich spüre die grossen Ambitionen der Investoren und all jener, die sich um das Team kümmern. Ich bin überzeugt: Wir werden in einem Jahr einen grossen Schritt weiter sein.

Erstellt: 01.02.2012, 21:10 Uhr

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