Tor! Und dann drehen alle durch

Wenn ein Treffer fällt, gerät die wohlstrukturierte Erlebniswelt Fussballstadion kurz aus den Fugen. Warum? Eine Spurensuche.

Vollblut-Stürmer Guillaume Hoarau von YB. (Bild: Raphael Moser)

Vollblut-Stürmer Guillaume Hoarau von YB. (Bild: Raphael Moser)

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Chaos? Oder nur schon ein klein wenig Unordnung? Dafür hat es im modernen Fussball keinen Platz mehr. Alles ist vermessen, berechnet, geplant. Die Trainings sind optimiert, die Spielzüge einstudiert, die Budgets geplant, jeder Eckball hat einen Sponsor, in den Fankurven geben Vorsänger den Takt an. Ein Spiel ist eine ­minutiös choreografierte Show.

Bis ein Tor fällt. Auf dem Feld fallen sich die Spieler an wie junge Hunde, auf den Rängen herzen sich Menschen, alles bebt, für ein paar Sekunden gerät diese wohlstrukturierte Welt im Stadion komplett aus den Fugen. Es bricht etwas heraus aus uns beim Tor­jubel. Aber was? Wie beeinflusst der Treffer den Gegner? Warum ­feiert der Fan? Und wie soll darüber berichtet werden? Antworten aus vier Perspektiven.

Der Stürmer: «Wie ein Schreckschuss»

Mehr als 220 Tore hat der Mann in seiner Profikarriere erzielt, er hat in der Ligue 1 und in der Champions League, in China und in Freienbach getroffen, und deshalb geht an Guillaume Hoarau zuallererst die Frage: Wie viel Emotionen sind da noch im Torjubel? «Eine Menge», sagt der französische Stürmer von YB, «weil ein Tor zu schiessen immer noch das beste Gefühl überhaupt im Fussball ist.» Gerade macht der 35-Jährige eine Durststrecke durch, zwei Tore in neun Spielen heisst das für seine Verhältnisse, nach einer Fussverletzung will er nun wieder angreifen. Hoarau ist ein Vollblutstürmer, «ich war schon immer vorne», weil er dort eine einzigartige Verantwortung habe: Der Stürmer könne der Mannschaft viel geben und auch viel nehmen, sagt ­Hoarau. «Ein Tor von dir – und alle haben wieder Vertrauen. Ein Penalty geht daneben – und die Moral ist im Keller.»

Tore im Fussball kommen manchmal ganz schön plötzlich, «wie ein Schreckschuss». Das seien die besten, die plötzliche Führung nach der Druckphase des Gegners, der überraschende Weitschuss ins Glück. «Das sind diese wilden Momente im Spiel, da entlädt sich so viel Spannung.» ­Hoarau erinnert sich an den Cupfinal in Frankreich mit PSG gegen Monaco, 0:0 nach 90, 0:0 nach 105 Minuten – alle rechnen schon mit Penaltyschiessen. Aus dem Nichts trifft Hoarau, auf Bildern ist zu sehen, wie ihn seine Teamkameraden mit entrücktem Blick über den Platz jagen. «An so etwas denkst du doch als kleiner Junge im Training», sagt der Franzose.

Die Kaltblütigkeit des treffsicheren Stürmers scheint sich bei Hoarau auch auf den Torjubel zu übertragen. Seine Treffer pflegt er mit der geballten Faust, vielleicht mit einem Schrei zu feiern. «Mein Vorbild war Pauleta von PSG. Er hat stets gütig die Arme ausgebreitet.» Nur einmal erlaubt sich Hoarau etwas Extravaganz: Im Dezember 2018 gewinnt YB 3:1 in Basel, der verletzte Hüne gönnt sich auf der Tribüne eine Portion Pommes, wofür er prompt kritisiert wird. Eine Woche später kann er gegen Thun wieder mittun, trifft in der Nachspielzeit zum Sieg – und imitiert mit Papierschnipseln vom ­Boden die nächste Portion ­Pommes. «Das kam ganz spontan», versichert er lachend.

Der Reporter: Ein Tor, die Essenz des Spiels

YBs Fankanal «Radio Gelb-Schwarz». (Bild: Raphael Moser)

Als Fussballer war Gabriel ­Haldimann Mittelfeldspieler. Aber am Mikrofon, da hat der Reporter vom YB-Fankanal «Radio Gelb-Schwarz» (RGS) einen Torriecher wie ein Topstürmer. Haldimann und seine Kollegen lesen das Spiel, sie sind 90 Minuten live auf Sendung. Sie kommentieren für Fans, die keine TV-Bilder zur Verfügung haben, oder auch für Blinde. «Der Fan will wissen, wie was passiert ist», sagt Haldimann, «und Zeit für die Wiederholung hast du keine, wenn du live bist.» Bei Ballgeschiebe im Mittelfeld ist RGS auch mal für übermütig-ausschweifende Hintergründe gut: oh, keine Schlange am Wurststand, aha, der Stadtpräsident twittert über YB.

Aber im letzten Drittel des Felds, in der gefährlichen Zone, «da müssen wir auf Ballhöhe sein», erklärt Haldimann. Beim Torjubel haben die Reporter schon einiges ausprobiert. Das lang gezogene «Goooooool» nach südamerikanischem Vorbild etwa wurde nach einiger Zeit verworfen, «zu aufgesetzt», so Haldimann. Ein Tor ist für ihn immer noch die Essenz eines Spiels, der Jubel muss authentisch bleiben. «Und er dient als Indikator für die Dramatik einer Partie.»

Von «noch ein Tor für YB» beim 11:1 im Cup gegen Freienbach bis zum minutenlangen ­Geschrei nach Jean-Pierre Nsames titelsicherndem 2:1 gegen Luzern ist alles dabei. Der Torschrei ist der «signature move» des Radioreporters, sein Kennzeichen: «Anhand des Jubels kann ich sofort sagen, wie wichtig damals das Tor für YB war.»

Wenn René Häfliger ausserhalb seiner Heimatstadt Basel unterwegs ist, kann es vorkommen, dass seine Bekannten in der Beiz das Handy zücken, um anderen ein Video zu zeigen: «Guck mal, das ist im Fall der da.» Zu hören ist dann ­Häfligers sich überschlagende Stimme. Und zu sehen über weite Strecken sein Bauch, weil der Reporter beim 5:0 des FCB über Benfica Lissabon meist steht, während er die Tore bejubelt und bestaunt.

Häfliger muss zwar schmunzeln, wenn er seine Ausbrüche sieht. Aber er sagt auch: «Es wäre falsch, wenn ein lokales Medium jemanden an Spiele schicken würde, der keine Emotionen zeigt. So wie es falsch wäre, wenn das Schweizer Fernsehen emotionslos über Spiele des Nationalteams berichten würde.» Gefühle spielen, das ist für ihn ebenso verboten wie für die Macher von ­«Radio-Gelb-Schwarz».

In seinen 30 Jahren als Reporter war Häfliger auch Fernsehkommentator. Aber Tore erlebt er lieber als Radiomann: «Am TV gibst du deinen Senf dazu ab, was alle sehen. Am Radio aber bist du derjenige, der die Bilder im Kopf der Leute erzeugt. Das ist viel intensiver.» So intensiv, dass Häfligers Jubel im Benfica-Spiel fast ekstatischer rüberkommt als jener der Spieler auf dem Feld.

Der Verteidiger: Hadern kostet nur Energie

FCL-Abwehrspieler Christian Schwegler (r.). (Bild: Keystone)

Tore werden auch in Zeiten des inszenierten Einzeljubels meist in der Gruppe gefeiert. Kassiert ein Team aber einen Gegentreffer, dann wird in der Teamsportart Fussball jeder Spieler auf sich selbst zurückgeworfen. So erzählt das Christian Schwegler. Nach über 500 Matches als ­Profi weiss der Luzerner Verteidiger: «In erster Linie ist jeder selbst für seine Leistung verantwortlich.»

Liegt der Ball im eigenen Netz, ist weniger kollektive Aufmunterung gefragt als Resilienz, innere Widerstandskraft. Möglich, dass der eine Kollege positiv auf einen Schulterklopfer reagiert. Der andere aber will nach einem Fehler lieber allein gelassen werden.

Ganz grundsätzlich sagt Schwegler: «Direkt nach einem Tor Einfluss auf die Gruppendynamik zu nehmen, ist sehr schwierig.» Zu hektisch ist das Drumherum, zu schnell wird wieder weitergespielt. Also muss jeder selbst einen Weg finden, um das Gegentor zu verarbeiten. «Selbstkritik muss sein. Aber du darfst nicht hadern, sonst verlierst du zu viel Energie.»

Und manchmal kann ein Tor ein ganzes Team aus der Balance werfen. Schwegler hat das mit Salzburg erlebt. 2:0 führte sein Team im Hinspiel gegen Malmö, in einem der zahlreichen Anläufe der Österreicher zur Champions League, ehe in der letzten Minute ein langer Ball und ein Missverständnis zum Gegentreffer führten. Schwegler spricht von «einem fahlen Gefühl», das sofort aufkam.

Danach half alles positive Reden nichts: «Du bist dem Unterbewusstsein wehrlos ausgesetzt. Du versuchst daran zu glauben – und weisst doch: Es kann eigentlich nicht gut kommen.» Tatsächlich kam es nicht gut. Mit dem wechselwilligen Sadio Mané weigerte sich der beste Salzburger, das Rückspiel zu bestreiten. «Wir sind sang- und klanglos untergegangen», erzählt Schwegler, «da hat ein Tor in der letzten Sekunde gleich zwei Matches beeinflusst.»

Der Fan: «Duregheie», auch mal über zehn Meter

«Vielleicht zehn Meter», schätzt YB-Fan Martin* und meint damit, wie weit ihn ein wilder Torjubel in der Kurve schon mal weg vom ursprünglichen Standort treibt. Dass in den Ultra-Blocks ein Tor vielleicht etwas mehr als grad nur beklatscht wird, versteht sich.

«Aber mir ist wichtig, was für ein Tor es ist», sagt Martin. Es dürfe auch mal dezenter Jubel sein, ein 4:0 gegen Thun, ein 3:0 gegen Lugano. «Aber wenn du 2:1 gegen Juventus führst oder gerade das entscheidende Tor zum Titel erlebst, muss etwas aus dir heraus.» Da wird es wild und laut, da fliegt der Bierbecher samt Inhalt, «das müssen dann nicht alle lustig finden». Stichwort Bier: Was oben reingeht, muss ja unten raus. Ein Fussballfan muss ein Meister des Timings sein – «wer viele Tore auf der Toilette verpasst, kriegt auch viele Sprüche zu hören.» Kontrolle? In dem Fall von Vorteil.

Trotzdem wird bei den Fans des FC Basel «duregheie» als Teil der Kurvenkultur besungen – der Kontrollverlust über die eigenen Gefühle. Aber «duregheie», das geht nicht auf Knopfdruck, sagt Peter*. Für grosse Gefühle ist das richtige Umfeld nötig. Es braucht ein volles Stadion, eine Nähe zu gegnerischen Fans, das gegenseitige Provozieren, das die Stimmung hochtreibt, einen spannenden Spielverlauf.

Und ganz selten liegt ein gewisser Zauber über einem Spiel, ohne dass er sich angekündigt hätte. Für Peter war das zuletzt gegen Eindhoven der Fall: «Da lag von Anfang an eine spezielle Stimmung über dem Stadion.» Dann muss die Partie gar nicht ausverkauft sein, weil eine Verbindung zwischen Fans und Spielern für eine Energie sorgt, wie sie der Mensch wohl nur an Massenveranstaltungen verspürt.

Am 1. Dezember reist YB nach Basel. «Ein Spiel mit Potenzial», meint Peter.

* Name geändert



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Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 24.11.2019, 14:34 Uhr

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