Träumen und siegen

Die Schweizer wollen sich heute Abend in Tirana die dritte WM-Teilnahme hintereinander sichern.

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Die Jahrzehnte haben tiefe Spuren hinterlassen, auch im Innern des Qemal-Stafa-Stadions von Tirana. An den Wänden blättert die Farbe ab, die Bilder, die als Dekoration dienen sollten, sind lieblos aufgehängt, manche sind vergilbt und hängen schief. Eines zeigt den Holländer Kluivert, beobachtet von Schiedsrichter Collina mit dem stechenden Blick. Auf einem anderen ist der Engländer Owen zu sehen. Und eines ist die Erinnerung an ein Länderspiel gegen Deutschland.

Im Gang hat der Platzwart sein Moped parkiert, seit 40 Jahren kümmert er sich um die Arbeiten, die im Stadion anfallen. Besonders stolz erzählt er, wie er viele Grosse gesehen hat, «Beckenbauer, Overath, Milan war hier, Bayern …» Aber vielleicht muss der Mann seine Stube bald verlassen. Das verlotterte Stadion, vor 70 Jahren gebaut und mit Tribünen, die hinter den Toren gut 50 Meter vom Spielfeld entfernt sind, soll demnächst abgerissen werden. Heisst es. «Aber davon reden sie schon lange», sagt er.

Der Platzwart stellt sich auf Arbeit ein. Heute ist Albanien - Schweiz. Und morgen findet auf dem gleichen Platz der nächste grosse Match statt. Der Ligabetrieb ruht nicht wegen der WM-Qualifikation. Partizani Tirani begegnet KF Tirana im Stadtderby. Da soll es, heisst es auch, mehr Zuschauer haben als heute.Ein paar von denen, die beim Besuch der verlorenen Söhne Valon Behrami, Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka dabei sein wollen, werden pfeifen. So wie sie halt überall auf der Welt pfeifen. «Das ist auch okay», sagt Nationalcoach Ottmar Hitzfeld, «die Pfiffe werden für uns nur Motivation sein, noch besser zu sein.»

Hitzfeld: Diese Konstanz

Gleich hinter dem Stadion haben sich die Schweizer einquartiert. Zu Fuss wären sie in zwei Minuten da, sie werden aus Sicherheitsgründen den Bus nehmen. Im Hotel hält Ottmar Hitzfeld Hof, konzentriert wie immer. Er sagt: «Für uns ist nicht wichtig, was für eine Serie wir gemacht haben. Wichtig ist: Wie können wir gegen Albanien bestehen?»

Dabei zeigt genau diese Serie, wie erfolgreich die Schweizer ihre Arbeit verrichten. Seit dem 30. Mai 2012, dem 0:1 gegen Rumänien, blieben sie in zwölf Spielen unbesiegt, wovon sie acht gewannen. Bemerkenswert ist, dass sie achtmal ohne Gegentor blieben und die Hälfte der acht Gegentore auf das 4:4 gegen Island zurückgeht.

Sie waren wohl nicht gleich in jedem Spiel in Topverfassung, das sei auch gar nicht möglich, sagt Hitzfeld. Aber mit der resultatmässigen Konstanz der vergangenen 16 Monate haben sie die Basis dafür gelegt, so nahe am Ziel, an Brasilien, zu sein. «Jede Qualifikation für eine EM oder WM verlangt eine grossartige Leistung», betont Hitzfeld.

Natürlich haben Coach und Mannschaft das Glück, dass es in ihrer Gruppe keinen Gegner von der Qualität Deutschlands, Spaniens, Italiens oder Hollands gibt. Sie haben bislang das Beste daraus gemacht und sich nur zwei Ausrutscher geleistet, beim 0:0 auf Zypern und eben gegen Island. Darum fehlt ihnen nur noch ein letzter, ganz kleiner Schritt, um sich zum dritten Mal in Folge für eine WM zu qualifizieren.

Das ist der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie gelungen. Und mit dem Hattrick von 2006, 2010 und 2014 hätte sie etwas geschafft, wonach Nationen wie die Türkei, die Ukraine, Kroatien, Belgien, Schweden, Griechenland, Tschechien oder Österreich vergeblich gestrebt haben. Auch das zeigt, dass eine Teilnahme der Schweiz weiterhin alles andere als selbstverständlich ist.

Inler: Nicht viel reden

Bevor Hitzfeld seinen Platz räumt, sagt er noch: Die Defensive habe sich erheblich gesteigert. Dafür müsse die Effizienz in der Offensive besser werden.

Wo der Chef gesessen hat, lässt sich der Captain nieder. Gökhan Inler ist einer von schon neun Spielern, die sich die 14 Tore teilen. Mit seinen beiden Treffern, zum Start in Slowenien und gegen Albanien erzielt, ist er in der internen Hierarchie schon an zweiter Stelle. Nummer 1 ist der Aufsteiger Fabian Schär. Dagegen finden sich nur zwei klassische Stürmer unter den Schützen: Mario Gavranovic, derzeit unerwünscht, und Haris Seferovic, derzeit erste Wahl im Angriffszentrum.

Inler sagt, sie müssten alle ihren Beitrag zu den Toren leisten, und wendet sich dem zu, was für ihn im Mittelpunkt steht. Das geht so: «Viel zu reden gibt es nicht. Wir versuchen, den Sack endlich zuzumachen. Dafür gibt es nur eines: Auf den Platz gehen und gewinnen.»

Stocker: Nervöser als sonst

Am anderen Ende des Saals sitzt Valentin Stocker. Als Bub war er polysportiv, turnte, fuhr Ski, und als er den Fussball entdeckte, tat es ihm Brasilien an und ein Spieler besonders: Romario.

Stocker wirkt kurz vor Mittag nicht, als wäre er angespannt, und doch sagt er: «Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich würde mich gleich fühlen wie vor einer Super-League-Partie.» Er spürt so etwas wie Nervosität, und die macht sich dann bemerkbar, wenn er sich vor dem Einschlafen «eben zwei, drei Gedanken mehr macht» und wenn er «ein bisschen träumt». Davon, im nächsten Juni nach Brasilien zu fliegen. Davon, an einer WM dabei zu sein: «Das ist das Grösste.» Es wäre für ihn die Premiere: Für das Turnier in Südafrika wurde er von Shaqiri aus dem Aufgebot verdrängt. Ihm wäre es am liebsten, wie allen Schweizern, wenn die letzten Zweifel heute ausgeräumt würden. Er macht sich auf eine stimmungsvolle Angelegenheit gefasst, was auch damit zu tun hat, dass die Schweizer mit einer Fraktion Albanisch-Stämmigen antritt. «Für uns ist es schwierig nachzuvollziehen, wie es für diese Spieler sein wird», sagt der 24-Jährige, «wir werden für sie einstehen, wobei ich nicht davon ausgehe, dass es gross nötig sein wird.» Und verweist auf den Empfang am Mittwoch in Albanien: «Das war alles wunderbar.»

Der Basler glaubt an die Qualität der Mannschaft. «Es wird nicht im Vorbeigehen klappen», sagt er, «aber wir sind selbstbewusst genug, sagen zu dürfen, dass wir das Ziel in Albanien erreichen wollen.» Dann fügt er entschlossen an: «Wir müssen es einfach machen.»

Lang: Lichtsteiners Ersatz

Er ist der Neue im Team, der bislang 28Minuten im Nationalteam vorzuweisen hat: Michael Lang, 22, der Debütant gegen Brasilien im August. Heute ersetzt er Stephan Lichtsteiner, den Routinier von Juventus, der letztmals vor 3Jahren fehlte – beim 0:1 in Podgorica gegen Montenegro in der EM-Qualifikation 2012. «Lang hat sich bei GC positiv entwickelt», lobt Hitzfeld, «er ist sehr zuverlässig, stark auch bei stehenden Bällen.»

Früher war Lang das Talent aus der Ostschweiz, das regelmässig seine Aufgebote für die Nachwuchs-Nationalteams bekam und in der U-18 zum Captain befördert wurde. Der FC St. Gallen hätte ihn gern behalten, aber das Geld fehlte, das ihn 2011 vom Wechsel nach Zürich abgehalten hätte. Peter Stadelmann, damals in der Sportkommission der St. Galler und heute Delegierter der Nationalmannschaft, ist von Langs Weg nicht überrascht: «Er ist stabil geworden. Seine Qualitäten waren uns immer bekannt.»

Auf der rechten Seite wird Lang heute mit Shaqiri zusammenspannen. «Das wird für ihn nicht so schwierig, wenn er diesen Spieler vor sich hat», glaubt Stocker, «Lang kann sich aufs Verteidigen konzentrieren und muss Lichtsteiner nicht 1:1 ersetzen.» Lang selber hat sich sein Motto für Tirana zurechtgelegt: «Kühles Blut bewahren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2013, 17:45 Uhr

Live und Ausgangslage

Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet vom Spiel live ab 20.30 Uhr.

Die Ausgangslage:

Die Schweiz ist für die WM in Brasilien qualifiziert ....
... wenn sie in Albanien gewinnt.

Die Schweiz ist für die WM in Brasilien qualifiziert ....
... wenn sie in Albanien Unentschieden spielt und Island zu Hause gegen Zypern nicht gewinnt.

Die Schweiz ist für die WM in Brasilien qualifiziert ...
... wennn sie in Albanien verliert, Island zu Hause gegen Zypern nicht gewinnt und Slowenien zu Hause gegen Norwegen nicht gewinnt.

(Bild: TA-Grafik)

(Bild: TA-Grafik)

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WM - Qualifikation UEFA - 1. Runde - Gruppe E

10. Runde

15.10.Zypern - Albanien0 : 0
15.10.Norwegen - Island1 : 1
15.10.Schweiz - Slowenien1 : 0
Stand: 15.10.2013 21:51

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.Schweiz1073017:624
2.Island1052317:1517
3.Slowenien1050514:1115
4.Norwegen1033410:1312
5.Albanien103259:1111
6.Zypern101274:155
Stand: 15.10.2013 21:55

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