Interview

«Tut mir leid, so bin ich»

Nationalspieler Granit Xhaka erklärt, warum er so selbstbewusst auftritt und wieso auch Stephan Lichtsteiner sein Vorbild ist.

Der Regisseur verlangt gegen Norwegen und Island sechs Punkte: Granit Xhaka noch entspannt bei der gestrigen Ankunft in Freienbach.

Der Regisseur verlangt gegen Norwegen und Island sechs Punkte: Granit Xhaka noch entspannt bei der gestrigen Ankunft in Freienbach. Bild: Keystone

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Granit Xhaka, Sie beschreiben sich als bodenständig. Was verstehen Sie darunter?
Ich bin der gleiche Granit wie vor meinen ersten Erfolgen. Mein Leben hat sich nicht verändert: Ich trage keine anderen Kleider, habe keine anderen Kollegen, und ich fahre keinen Ferrari, obwohl ich mir den leisten könnte. Mein Glück ist sicher auch meine Familie.

Bekommen Sie von ihr zu hören: «Granit, bleib schön am Boden?»
Sie gibt mir das schon zu verstehen, ja. Mein älterer Bruder (Taulant, Verteidiger bei GC) sagt mir nach einer guten Leistung: «Es war nur ein Spiel, jetzt gehts wieder von vorne los.»

Sie treten selbstbewusst auf. Wie passt das zur Bodenständigkeit?
Ich kann Selbstbewusstsein zeigen und gleichzeitig bodenständig sein. Meine Karriere verlief bisher sehr erfolgreich, ich habe aus Basler Zeiten drei Titel im Sack. Zwei Jahre lang war alles nur positiv. Mit Mönchengladbach erlebte ich eine erste Minikrise, das war für mich etwas Neues. Mein Denken ist halt nicht das gleiche wie jenes in Gladbach.

Wie ist es dort?
Nach meiner Ankunft hörte ich oft von den neuen Kollegen: «Wir müssen hoffen, dass wir nicht absteigen.» Ich dachte: Was ist das für eine Mentalität? Das kannte ich von Basel her nicht, da ging es nur ums Siegen.

Kaum waren Sie in Gladbach, erklärten Sie, mit dem Team in der Bundesliga vorne mitspielen zu wollen. Kamen die offensiven Worte gut an?
Nicht überall. Journalisten hielten mir vor, ich solle weniger forsch reden.

Wie reagierten Sie?
Ich sagte ihnen: «Tut mir leid, so bin ich. Ich bin nicht hier, um gegen den Abstieg zu kämpfen.» Es war eine riesige Umstellung für mich. Ich funktioniere ganz anders, ich überlege mir, wie ich ein Spiel gewinnen kann, und nicht, wie ich es nicht verlieren kann.

Mahnte Sie Trainer Lucien Favre zu Zurückhaltung?
Nein, ich merkte selber, dass es klüger ist, sich in der Öffentlichkeit vorsichtiger zu äussern. Die letzten Wochen waren nicht einfach. Es lief nicht so gut, die Zuschauer wurden unruhig, intern gab es ein paar Probleme ...

... wie Ihre Konfrontation mit Goalie Marc-André ter Stegen in der Pause des Europa-League-Spiels gegen Fenerbahce Istanbul ...
... ja. Nicht einmal meine Eltern gehen mit mir um, wie er es getan hat. Er ist gleich alt wie ich, und ich lasse mir nicht alles gefallen. Es kam zu einem Disput im Kabinengang, und ich dachte: Bin ich im falschen Film? Das bekamen halt Journalisten mit. Am anderen Tag kam es zur Aussprache, bei der ich deutlich machte, dass ich nicht alles hinnehme.

Das wird Ihnen zuweilen als Arroganz ausgelegt ...
... ja, ja, dann heisst es: Xhaka ist ein arroganter Schweizer. Aber das ist mir egal. Ich weiss, was ich kann.

Was können Sie besonders gut?
Fussball spielen (lacht). Ich glaube, dass ich das intelligent mache, mit guter Technik und Übersicht. Diese Punkte machen einen guten Spieler aus.

Wie zufrieden sind Sie bisher mit Ihren Leistungen in Deutschland?
Ich bin weder ein Messi noch ein Ronaldo, die allein für den Unterschied sorgen können. Ich brauche die Unterstützung der Kollegen. Aber persönlich bin ich eigentlich zufrieden.

Spüren Sie, dass man in Gladbach besonders viel von Ihnen erwartet?
Die Erwartungen sind hoch, aber ich habe den Verantwortlichen von Anfang klargemacht, dass ich nicht drei Tore pro Match erzielen kann.

Wie sehr trifft Sie Kritik?
Ich lerne daraus. Ich bin jung und sicher nicht perfekt.

Sie wirken auf dem Platz abgeklärter als ein 20-Jähriger. Teilen Sie den Eindruck?
Das trifft zu, was meinen Job auf dem Platz angeht. Daneben ist es aber anders, ich merke schon, dass ich ...

... Flausen im Kopf habe?
Genau. Ich mache gerne Spässchen.

Früher sind Sie fast an sich verzweifelt. Warum?
Ich stand als Junior nie im Mittelpunkt, ich war klein und dünn, ich konnte mich nicht durchsetzen. Und nach dem Kreuzbandriss in der U-16 machte ich mir schon Gedanken, was die Zukunft bringt. Damals glaubte ich nie an eine Profikarriere, höchstens an die 1. Liga.

Was brachte die Wende?
Der Beginn der Lehre. Ich hatte mit vielen älteren Menschen zu tun, und ich merkte, wie sehr ich in dieser Zeit reifte. Ich machte körperlich Fortschritte, und mein Glück war, einen Bruder zu haben, der für mich heute immer noch ein Vorbild ist.

Nur, weil er älter ist?
Nein, weil ich weiss, was er kann. Er ist der bessere Xhaka.

Denken Sie manchmal darüber nach, wo Sie mit 25 sein möchten?
Ich hatte als Kind schon immer den Traum, einmal in England spielen zu dürfen. Dieser Fussball passt zu mir, die Premier League reizt mich wahnsinnig. Auch wenn es Stoke City ist (lacht).

Was tun Sie, um besser zu werden?
Ich habe glücklicherweise einen Trainer, der Defizite eines Spielers erkennt. Ich bleibe nach jedem Training eine Viertelstunde auf dem Platz, um Übungen zu machen, alles immer mit dem Ball.

Schaden kann das nicht.
Nein, sicher nicht, gerade in der Bundesliga nicht. Spielerisch waren wir mit dem FCB besser als Gladbach. Der Unterschied liegt im physischen Bereich. Das Tempo, die Athletik, das ist schon etwas ganz anderes in Deutschland.

Sind Sie besser geworden, seit Sie bei Gladbach sind?
Ich bin konditionell stärker als bei Basel, ich renne pro Spiel 12,5 Kilometer. Ich trainiere auch viel Schnellkraft, damit ich spritziger werde.

Vielleicht werden Sie einmal noch ein richtig kompletter Fussballer.
(lacht laut) Hoffentlich ...

Wie geht es mit der Nationalmannschaft weiter?
Es ist für alle wichtig gewesen, dass wir einen guten Start hatten. Es war nicht einfach, und klar, es klappte nicht alles. Aber wir zeigten Kampf und Herz, und wir stehen mit 6:0 Punkte und 4:0 Toren da. Damit müssen wir zufrieden sein. Unser Ziel heisst Brasilien. Mir ist es egal, wie wir das erreichen. Gut spielen und verlieren bringt uns nichts, mir ist lieber, wir spielen schlecht und gewinnen.

Woher kommt dieser Kampfgeist?
Wir haben eine Mentalität in der Mannschaft, die nicht zu hundert Prozent schweizerisch ist.

Das Aggressive bringt doch eher der typische Schweizer wie Lichtsteiner ein.
Wir sogenannten Ausländer können das auch (lacht).

Sie verstehen sich ja als Siegertypen.
Jeder will gewinnen. Aber vielleicht bin ich einer, der das noch etwas mehr will als andere. Ich hasse es zu verlieren, egal ob im Training oder im Spiel. Es gibt halt ein paar Spieler, die nach einer Niederlage im Training lachen. Bei mir geht das gar nicht. Dann denke ich: Hört jetzt endlich auf zu lachen!

Ehrgeiziger als ein Stephan Lichtsteiner können Sie doch nicht sein?
Auf einer Skala von 1 bis 10 ist sein Ehrgeiz bei 10. Er gibt immer Vollgas.

Sonst wäre er nicht bei Juventus.
Genau.

Und darum kann auch er für Sie ein Vorbild sein?
Absolut. Wenn es nicht läuft, setzt er zu einer Riesengrätsche an und sagt: «Kommt jetzt, Jungs!» So setzt er ein Zeichen. Und bei uns anderen Spielern macht es im Kopf klick: Wenn einer vorne weg geht, müssen wir mitziehen. Er ist wichtig für uns Junge, er redet mit uns auch auf dem Platz und staucht uns ab und zu zusammen, wie mich gegen Albanien. Aber das gehört dazu.

Zu wem schauen Sie sonst auf?
Zu Xherdan.

Zu Shaqiri? Er ist doch erst 21.
Er ist ein Weltklassespieler. Welche Pässe er schlägt. Wie frech er ist. Das versuche ich zu übernehmen. Zu ihm schaue ich auch auf. Oder zu Barnetta. Wenn ich nur eine halb so gute Karriere machen würde wie er, wäre ich froh.

Was erwarten Sie nun also gegen Norwegen und Island?
Ich verlange sechs Punkte!

Erstellt: 10.10.2012, 08:27 Uhr

Schweizer WM-Ausscheidung - zweite Phase (Bild: TA-Grafik)

Rasanter Aufstieg

Der Aufstieg von Granit Xhaka verlief rasant: 2009 U-17-Weltmeister, 2011 Meister mit Basel, am 4. Juni 2011 in England Debüt im Nationalteam, danach Finalist an der U-21-EM, 2012 das Double mit Basel. Im Sommer wechselte Xhaka, albanischstämmig, im September 20 geworden, für 8,5 Millionen Euro und mit einem Vertrag bis 2017 zu Mönchengladbach. Im Nationalteam ist er nach nur 12 Einsätzen Stammspieler.

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