Hintergrund

Typisch Hitzfeld

Der Trainer, der die Schweiz zum zweiten Mal in Folge an die WM führte, ist statt am Feiern längst am Planen: Brasilien, die Entwicklung des Teams – und seine Zukunft.

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Wer ist Ottmar Hitzfeld? Es genügt, ihn zu beobachten, im Berner Stade de Suisse an diesem Dienstagabend, zwischen zehn und elf Uhr. Dann hat man die Antwort. Genau so ist er, gibt er sich öffentlich, immer. Typisch Hitzfeld.

Das Spiel gegen Slowenien ist vorbei, die Zuschauer feiern die Schweizer Mannschaft, schwenken im ganzen Stadion die roten Fähnchen. Die Spieler tragen jetzt zitronengelbe T-Shirts, «Suisse goes Brazil» steht drauf, sie jubeln im Dauerregen, und ein Betreuer macht Gesten, Ottmar Hitzfeld solle doch auch auf den Rasen kommen. Dieser winkt ab. Steht am Spielfeldrand in seinem dunklen Mantel, die Hände auf dem Rücken, die linke umfasst das rechte Handgelenk, sehr kontrolliert, emotionslos, nur seine Finger zucken immer noch wild, sie tun es immer, wenn er stehend, angespannt und nervös, das Spiel verfolgt. Vorher ist er einen kurzen Moment auf der Bank gesessen, ganz allein. Ein Kurzfilm sei da in seinem Kopf abgelaufen, und er habe sich erinnert an das Spiel damals gegen Island, wenige Wochen zuvor am gleichen Ort, als aus dem 4:1 ein 4:4 wurde, die Kritik, die nachher aufkam. Es sei der wohl schwierigste Moment in dieser Qualifikation gewesen, sagt er.

Hitzfeld läuft jetzt entlang des Spielfelds, das Schweizer Fernsehen wartet auf ihn, «Ottmar Hitzfeld, Ottmar Hitzfeld!», schreien die Zuschauer auf der Haupttribüne. Er winkt kurz, lässt sich dann von einem TV-Helfer den Kopfhörer anlegen, als Gökhan Inler auf ihn zurennt, sein Captain: «Kommen Sie, Trainer, kommen Sie!» Hitzfeld zögert kurz und gibt dann nach, lässt sich überreden, doch zur Mannschaft zu gehen, die sich jetzt mit einem grossen Transparent bei den Fans bedankt. Hitzfeld stellt sich ganz aussen dazu, jubelt mit, hüpft, nicht lange. Dann läuft er wieder weg, die TV-Reporter warten, sie sind live auf Sendung.

Hitzfeld ist einer, der immer alles kontrollieren möchte: seine Gefühle, seine Sprache, seine Gestik. Er ist einer, der sich besonnen zeigt, gerne abgeklärt, und deshalb hat, damals auch in Bern, sein Stinkefinger so gar nicht gepasst zum Bild von ihm. Es war ihm, auch wenn er sich nachher anders rechtfertigen wollte, unangenehm.

Später dann, im Innern des Stadions, wird er von einem Radioreporter interviewt, der Verbandsmedienchef macht ein Zeichen, 2:2 habe Italien gegen Armenien gespielt, und Hitzfeld fragt: «Ist es damit definitiv Topf 1?» Sagt dann «super», lächelt kurz, seine Gesichtszüge entspannen sich etwas, um dann aber gleich als Antwort zu geben und wieder sehr ernsthaft zu blicken: «Damit sind die Erwartungen noch grösser, steigt der Druck noch mehr.»

Er weiss, wie es weitergeht.

In Hitzfelds Kopf spielt sich schon ab, was dies auch bedeutet, Topf 1: inmitten der Weltbesten, vielleicht, allerdings keineswegs sicher, etwas weniger schwere Gegner in der Gruppe, Erwartungsdruck.

Ottmar Hitzfeld, wären Sie vielleicht noch bereit für ein Gespräch später im Teamhotel in Bern? Nein, nein, das gehe nicht, antwortet er, er wolle mit den Spielern und dem Staff ein wenig feiern, sie würden sicher auch ein, zwei Gläser Rotwein trinken, und dann wolle er nicht mehr reden. Hitzfeld weiss, dass er dann vielleicht Dinge sagt, die er nicht so sagen will. «Man muss sehr aufpassen, was und wie man etwas sagt», ein Trainer müsse immer wachsam sein.

Hitzfeld, öffentlich, wägt jeden Satz, jeden Gedanken genau ab. Er ist sehr vorsichtig und immer hellwach, registriert alles.Am nächsten Morgen gibt es einen Medientermin mit Ottmar Hitzfeld, wieder im Stadion. Nach einer halben Stunde sagt er: «Das ist doch ein schönes Schlusswort.» Er schmunzelt, trinkt einen Schluck Wasser, niemand widerspricht, keine nächste Frage, Hitzfeld steht auf. «Diese jungen Spieler sind mir ans Herz gewachsen», hat er gesagt, und das will er als Schlusswort so stehen lassen.Er hat über Mittag noch einen Termin auf der Geschäftsstelle des Verbandes in Muri, fährt dann nach Hause nach Lörrach. Abschalten kann er auch im Auto noch nicht, vieles kreist immer noch im Kopf. Den Abend verbringe er daheim mit der Frau, er öffne eine gute Flasche Wein, und vor allem geniesse er es auch, nach diesen intensiven Tagen nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen zu müssen.

Ottmar Hitzfeld, Sie haben gesagt, dass Ihnen diese Mannschaft ans Herz gewachsen sei. Was unterscheidet sie von anderen, die Ihnen ja auch viel bedeuteten?
Es ist mir immer wichtig, zu einer Mannschaft ein gutes Vertrauensverhältnis aufzubauen. Und das spüre ich bei dieser besonders. Man kann kritisch sein, muss aber offen und ehrlich miteinander umgehen. Und wichtig ist, dass man in schwierigen Momenten Ruhe bewahrt. Das ist für mich die Basis, um ein Team zu führen und Erfolg haben zu können. Die Spieler werden immer jünger …

… und der Altersunterschied zum Trainer immer grösser.
... ja, so ist es. (lacht) Die Kluft wird immer grösser. Aber es ist schön, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten. Es kommt immer wieder eine Generation mit einer neuen Mentalität, einer neuen Lebenseinstellung.

Was unterscheidet die heutige Generation von jungen Fussballern zu früher?
Sie entwickeln sich schneller, die Jungen werden schneller reifer, sind auch selbstbewusster, als wir es in jungen Jahren waren, vielleicht auch kritischer.

Sind diese Fussballer dadurch schwieriger zu führen?
Menschen bleiben Menschen, man muss ihnen einfach Vertrauen geben. Wichtig ist, dass wir keine schwierigen Charaktere in der Mannschaft haben.

Das können Sie ja durch die Auswahl bestimmen.
Die Teamkultur muss stimmen. Ich kann auch einmal einen vielleicht etwas weniger guten, aber charakterlich starken Spieler nehmen, und der bringt uns dann mehr.

Sie sagten im ZDF, die Schweiz wolle in Brasilien für Furore sorgen. Was heisst das?
Unser Ziel ist der Achtelfinal, egal, welche drei Gruppengegner wir haben. Und wenn man einmal dort ist, dann will jeder Coach, will jeder Spieler noch weiterkommen.

Hitzfeld, der im nächsten Januar 65 wird, spricht vom grossen Potenzial, das seine Mannschaft hat. In zwei, drei Jahren, ist er überzeugt, sei sie noch stärker, weil viele, die heute bereits zum Stamm gehörten, erst um die 22 seien. «Mir geht es immer um die Entwicklung eines Teams.»

Aber das kann doch nur heissen, dass Brasilien für Sie nicht der Abschluss der Trainerkarriere ist, wie Sie einmal dachten. Sie spüren, dass mit dieser Schweizer Mannschaft viel zu erreichen ist.
Ob ich den Vertrag verlängere oder nicht, spielt dafür überhaupt keine Rolle.

Sie sagten jüngst in einem Interview, Sie wüssten, was Sie machten.
Ich weiss, was ich will.

Sagen es aber noch nicht.
Es wird noch in dieser Woche bekannt gegeben.

Viele würden nur aus dem Kopf entscheiden und nicht auf das Gefühl hören, haben Sie einmal gesagt.
Solche Entscheide sind bei mir immer so, dass das eine in das andere hineinfliesst, der Kopf, die Ratio, aber auch Intuition und Instinkt. Und auch die Vernunft.

Vernünftig wäre …
Ich sage nicht mehr.

Erstellt: 17.10.2013, 07:28 Uhr

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Der Weg nach Brasilien

Gegen Südkorea. Am 15. November wird die Schweiz in Seoul ein Testspiel gegen Südkorea austragen. Selbst im 12-Stunden-Flug via Helsinki nach Seoul sieht Ottmar Hitzfeld etwas Positives: «Es ist ein Belastungsprogramm für meine Mannschaft. Die lange Anreise, das andere Klima mit der hohen Luftfeuchtigkeit, darauf muss man sich einstellen. In Brasilien kann dies auch so sein.»

Drei Tests im WM-Jahr. Am 5. März wird die Schweiz gegen einen noch nicht bekannten Gegner auswärts antreten. Vor der WM will Hitzfeld dann im Rahmen des Vorbereitungslagers noch zweimal testen, einmal gegen einen «kleineren» Gegner, einmal gegen einen grossen.

Trainingslager. Eine Woche nach Ende der Meisterschaft (18. Mai) soll das zweiwöchige WM-Trainingslager beginnen, wohl in der Innerschweiz (Weggis?). Hitzfeld wünscht keine allzu frühe Abreise nach Brasilien, nicht mehr als fünf bis sieben Tage vor dem ersten Spiel.

WM-Camp. Das ist bestimmt (Guaruja), ausser die Schweiz müsste zwei ihrer drei Gruppenspiele im feuchten Norden Brasiliens austragen. Die WM-Gruppenauslosung findet am 6. Dezember statt.

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