Überdruck

Wolfgang Niersbach, Präsident des DFB, tritt per sofort ab. Er sagt: «Ich habe immer korrekt gearbeitet.»

Wolfgang Niersbach soll schon vor Jahren von getarnten Geldströmen gewusst haben. Foto: Thomas Lohnes (Getty Images)

Wolfgang Niersbach soll schon vor Jahren von getarnten Geldströmen gewusst haben. Foto: Thomas Lohnes (Getty Images)

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Wolfgang Niersbach war ein scharfer Kritiker der alten, verkrusteten Fussball-Bruderschaften. Als Uefa-Präsident Michel Platini wegen einer fragwürdigen 2-Millionen-Zahlung unter Beschuss geriet, sprach er von einem «schweren Rucksack», den der Franzose ab sofort mit sich tragen würde – dessen Eignung als neuer Fifa-Präsident? Zweifelhaft.

Als Sepp Blatter seinen Abgang ankündigte, dozierte Niersbach, der Schweizer hätte schon viel früher handeln sollen: «Ich habe ihm gesagt: ‹Mensch, tu dir doch selber den Gefallen und trete zurück, mach das Feld frei. Du schaffst es einfach nicht, der Fifa wieder zu einem positiven Image zu verhelfen.›»

Wenige Wochen später ist Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fussball-Bunds, des grössten Sport­verbands der Welt, in exakt derselben Lage. Es tauchen Dokumente auf, die ­nahelegen, dass es im Umfeld der WM 2006, des deutschen Sommermärchens, dubiose Zahlungen gegeben hat. Niersbachs Rolle dabei? Zweifelhaft.

Das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel», das die Geschichte lostritt, weist von Beginn weg darauf hin, dass eine handschriftliche Notiz auf einem Dokument darauf hindeute, dass Niersbach schon vor Jahren von den getarnten Geldströmen gewusst hat. Kritik prasselt aus allen Richtungen auf den DFB und seinen Präsidenten ein – und der tut genau das, was er kurz zuvor noch kritisiert hat: Er krallt sich an ­seinem Amt fest. Vergangenen Samstag besucht er ein Bundesligaspiel (Mainz gewinnt gegen Wolfsburg 2:0), gestern Morgen zeigt er sich zuversichtlich, die anstehenden Krisensitzungen der DFB-Spitze werde er überstehen.

Dann aber wird der Druck zu gross.

«Das Amt steht über der Person»

Nach den Sitzungen gibt der 64-Jährige bekannt, dass er per sofort abtrete. ­Jedoch: «Ich habe in all den Jahren nicht nur mit grosser Leidenschaft, sondern auch immer sauber, vertrauensvoll und korrekt gearbeitet.» Er gehe nicht, weil er Fehler gemacht habe, er gehe, weil er die politische Verantwortung übernehmen wolle für den Sturm, der über den Verband hinwegfege. «Das Amt des Präsidenten darf nicht beschädigt werden, das Amt steht über der Person», sagt er.

Reinhard Rauball, Chef der Deutschen Fussball-Liga, sowie der erste DFB-Vizepräsident Rainer Koch übernehmen ad interim die Leitung des Verbands. Niersbach bleibt aber vorerst Mitglied der Exekutivkomitees von Uefa und Fifa, er soll sein «überragendes Netzwerk» dem deutschen Fussball auch in Zukunft zur Verfügung stellen, sagt ­Ligachef Rauball.

An diesem Netzwerk arbeitet Niersbach seit 1987. Damals fing der frühere Sportjournalist beim DFB als Pressemann an. Später amtete er als Medienchef und Generalsekretär, 25 Jahre nach seinem Eintritt wurde er 2012 zum Präsidenten gewählt. Die WM 2006 hatte er als Medienchef erlebt. Er habe nichts ­gewusst über die wahre Natur der inzwischen berühmten 6,7 Millionen Euro, die der DFB 2005 diskret via Fifa zum damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus schleuste, um ein mysteriöses Darlehen zurückzuzahlen. Niersbach sagt, er habe geglaubt, das Geld sei für ein Fifa-Kulturprogramm gedacht gewesen, für eine Eröffnungsgala des WM-Turniers. Nur: Auf einem Entwurf der Zahlungsanweisung für die 6,7 Millionen tauchte Niersbachs Handschrift auf – und ein Verweis auf Louis-Dreyfus.

Aufklärung «nicht zu Ende»

Und es kommt noch schlimmer: Der DFB hat die Millionen 2007 gegenüber dem deutschen Fiskus als Betriebsausgaben geltend gemacht – wohl eine Falschdeklaration. Unterzeichner der Steuererklärung: Wolfgang Niersbach, der kurz ­zuvor zum Generalsekretär gewählt worden war. Letzte Woche fuhren deshalb die Steuerfahnder vor – am DFB-Sitz, aber auch bei ihm zu Hause. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt nun wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung in ­einem besonders schweren Fall. Im Visier haben die Fahnder Niersbach, seinen Vorgänger Theo Zwanziger und Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt.

Damit ist die Geschichte nicht vorbei. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtet bereits von einem verdächtigen Vertragsentwurf, der im Zuge der DFB-internen Ermittlungen ans Licht gekommen sei. Offenbar plante man, einem Fifa-Exekutivmitglied vor der WM-Vergabe Vorteile zuzuschanzen. Was dann genau passierte, ist noch nicht geklärt. Ligachef Rauball sagte gestern jedenfalls, die Aufklärung sei nicht zu Ende: «Es geht weiter, ohne Ansehen von Personen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 23:28 Uhr

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