Unaufgeregt im Drama

Thomas Häberli ist der Gegenentwurf zum üblichen Fussballer – das hilft ihm als Trainer Luzerns, um mit Kritik umzugehen.

Thomas Häberli will als Trainer alles erleben, auch die Entlassung. Bild: Keystone.

Thomas Häberli will als Trainer alles erleben, auch die Entlassung. Bild: Keystone.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Luft dampft wieder einmal über der Allmend. Zeitungen und Onlineportale schreiben: Häberli unter Druck! Die Stimmung im und ums Team ist gereizt! Häberli ist unbelastet von Charisma! Präsident, Sportchef, Trainer – alles Ahnungslose!

Dabei stellt sich die Frage: Was ist schon passiert beim FC Luzern, was überraschen könnte?

Der FCL ist der sportliche Stolz der Innerschweiz, 1989 Meister, 1960 und 1992 Cupsieger. Die Erfolge liegen lange zurück, zu lange für eine Gegend, die den Fussball liebt. Der Club steht im Zentrum der Öffentlichkeit, da ist es schon fast normal, dass er Strömungen und Eitelkeiten ausgesetzt ist.

4, 5, 3, 5, 3 und 5 waren die Platzierungen in den letzten sechs Saisons. Das ist achtbar für einen Verein, dessen Präsident Philipp Studhalter sagt: «Es ist ein permanenter Kampf ums Überleben.» Der Anwalt, der im Mandatsverhältnis den Verein führt, redet von den Rahmenbedingungen in der Super League, die für acht von zehn Clubs schwierig sind. Er ist schon glücklich, wenn der FCL kein Defizit ausweist.

In der Saison 2017/18 schaute bei einem Umsatz von 25,2 Millionen Franken ein Gewinn von 143 000 Franken heraus. Transfereinnahmen für Goalie Jonas Omlin (zu Basel) und Trainer Gerardo Seoane (zu YB) trugen entscheidend zu diesem Ergebnis bei.

Der Präsident sagt: «Wir sind nicht langweilig»

Laut Geschäftsbericht kostete die 1. Mannschaft in der vorletzten Saison 7,7 Millionen an Löhnen, Sozialabgaben und Versicherungsprämien. Mehr liegt nicht drin, auch wenn mit Bernhard Alpstaeg und Samih Sawiris schwerreiche Unternehmer zu den Aktionären gehören. Studhalter sagt unbeirrt von äusseren Einflüssen: «Wir haben ein attraktives Angebot. Wir sind nicht langweilig.»

Luzern versuchte in den letzten Jahren, mit Trainern wie Murat Yakin und René Weiler den Ausbruch aus dem Mittelmass zu schaffen. Yakin führte die Mannschaft 2012 auf Platz 2 und in den Cupfinal, Weiler dagegen monierte zu laut die Mittelmässigkeit des Vereins und wurde nach einem halben Jahr mit einer Abfindung von gut 1 Million weggeschickt. Weiler ist das Thema, bei dem selbst Schnellredner Studhalter einsilbig wird. Weiler steht für ein grandioses Missverständnis.

Aus dem Leben entsprungen

Seit Februar ist Thomas Häberli der Trainer. Als er kam, sagte er: «Zwischen 45 und 55 will ich Trainer sein. Alles erleben, entlassen und wieder eingestellt werden.» Jetzt sitzt der 45-Jährige in einer Sponsorenlounge des Stadions und sagt: «Das gilt weiter.»

Häberlis Name steht für einen, der mitten dem Leben entsprungen ist. Profi wurde er erst, als er schon 26 war, bis dahin hiessen seine Stationen Hochdorf, Schötz und Kriens. Er arbeitete für eine Versicherung, 42 Stunden die Woche, und ging abends zum Fussball. Erst Basel wurde auf ihn aufmerksam, doch dort spielte er kaum. Ein halbes Jahr später, im Sommer 2000, holte ihn YB, das sich gerade noch so in der alten Nationalliga B halten konnte.

In Bern wurde er zum Publikumsliebling. Züri West traten einmal zur Ehrerbietung als The Häberlis auf. «Was ich in Bern an Hype und Wärme erlebt habe, ist tief in mir drin», sagt Häberli.

«Häbi ist einfach der Geilste», erklärte Züri-West-Sänger Kuno Lauener damals. Häbi, der Geilste? Oder doch ohne Charisma?

Durchschnittliche Bilanz

Seine Bilanz nach sechs Monaten FCL ist Durchschnitt: 11 Siege und 11 Niederlagen in 26 Spielen. Für Träumer ist das zu wenig. Gerade das Onlineportal zentralplus.ch wirft Häberli langweiligen Fussball vor. In dieser Atmosphäre wird für den «Blick» schon ein Bier, mit dem ein FCL-Fan den Captain Pascal Schürpf letzten Sonntag beim Cupspiel in Kreuzlingen traf, zum «regelrechten Skandal».

Häberli gibt sich entspannt: «Das ist kein Wind, noch nicht einmal ein Haarfön.» Spürt er keinen Druck? «Eigentlich nicht. Wir leben im Drama Fussball. Da gehört das alles dazu. Im Moment ist halt Luzern dran. Letzte Woche war es jemand anders. Ich sage mir darum: Wie viel Energie will ich in etwas investieren, das ich nicht beeinflussen kann?»

Nach seinem Rücktritt als Spieler 2009 hatte Häberli die 3.-Ligisten von Perlen-Buchrain trainiert, er wurde Nachwuchs- und Assistenztrainer zuerst bei YB und dann in Basel, bis er letzten Winter aus dem Trainerstab von Marcel Koller beim FCB ausschied. Es stimmte zwischen ihm und Koller nicht mehr. Er ging mit der Idee, selbst Cheftrainer zu werden. Für ihn war der persönliche Aufstieg überfällig, weil er zur Einsicht gelangt war: «Ich bin überzeugt von meinen Fähigkeiten.»

Der Trainer sagt: «Ich will lange hier bleiben»

Er wollte nicht irgendwo einsteigen, sondern beim FCL. «Dass es so schnell geklappt hat, ist fast ­kitschig», sagt er.

Nach Weiler führte er die Mannschaft auf Platz 5. Zum Start in die neue Saison gab es vier Spiele ohne Gegentor, gegen St. Gallen, den FCZ und zweimal Klaksvik in der Europa-League-Qualifikation. Das war nicht berauschend, es war Luzern. Am Freitagabend kehrte der FCL von den Färöern zurück und verlor zwei Tage später bei Servette.

«Generell fehlen mir Feuer, Mut und Leidenschaft.»Remo Meyer

Die Reihe negativer Erlebnisse hatte damit begonnen. Das 0:3 gegen Espanyol Barcelona, das 0:2 gegen Thun und das 0:3 bei Espanyol folgten, Espanyol steht für den spanischen Fussball, von dem Häberli so schwärmt. Das 2:0 beim fünftklassigen Kreuzlingen sorgte nicht für Beruhigung.

«Generell fehlen mir Feuer, Mut und Leidenschaft», stellte Remo Meyer diese Woche in der «Luzerner Zeitung» fest. «Er darf das sagen», entgegnet Häberli, «wenn wir Spiele verlieren, stimmt es überall nicht.» Häberlis Nachsicht hat damit zu tun, dass Meyer als Sportchef sein direkter Vorgesetzter ist. Was für ihn aber untergeht: Der FCL musste seine neun Spiele in 28 Tagen bestreiten, «das ist extrem», sagt er, «für einen Spieler ist es schwierig, sich in einer solchen Phase richtig erholen zu können».

Fünf Trainingstage hat Häberli nun Zeit gehabt, das Team auf das Spiel heute bei Sion vorzubereiten. Dann kommt YB nach Luzern. So geht es immer weiter. Häberli sagt: «Wir werden unsere Punkte sammeln.» Und schiebt nach: «Ich bin hier Trainer, weil ich lange hier sein will.» Sein Vertrag läuft bis nächsten Sommer.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 25.08.2019, 13:00 Uhr

Artikel zum Thema

Thun siegt effizient, Sion mit Glück

Thun jubelt zum ersten Mal in dieser Saison, Sion gewinnt in Lugano trotz früher Wechsel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ein Wochenende wie in Paris

Beruf + Berufung «Mitarbeiter sind nicht einfach Kostenstellen»

Die Welt in Bildern

Hier tanzt man zwangsläufig auf mehreren Hochzeiten: Unzählige Brautpaare versammeln sich vor dem Stadthaus von Jiaxing, China. Sie geben sich das Ja-Wort bei einer Massenheirat. (22. September 2019)
Mehr...