«Und plötzlich bist du nicht mehr gefragt»

Marco Schällibaum ist wieder im Geschäft. Der Zürcher Trainer spricht über schwere Zeiten, weshalb er Ciriaco Sforza den grössten Respekt zollt und was er mit dem FC Chiasso erreichen will.

Marco Schällibaum soll Chiasso vor dem Abstieg bewahren.

Marco Schällibaum soll Chiasso vor dem Abstieg bewahren. Bild: Keystone

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Marco Schällibaum, Sie bewahrten einst YB vor dem Abstieg in die Anonymität der 1. Liga und führten den Club nach dem Aufstieg schliesslich ins internationale Geschäft. Auch mit Bellinzona und Servette qualifizierten Sie sich für den damaligen Uefa-Cup. Sie arbeiteten zuletzt auch in der kanadischen Profiliga erfolgreich. Weshalb tun Sie sich jetzt Chiasso an, den Zweitletzten der Challenge League? Ist das nicht ein gewaltiger Rückschritt?
Nein, das sehe ich überhaupt nicht so.

Weshalb nicht?
Chiasso ist ein ambitionierter Verein, der mittelfristig wieder die Nummer 1 im Tessin und langfristig wieder ganz oben im Schweizer Fussball mitspielen möchte. Die Verantwortlichen haben mich bei der ersten Kontaktnahme sofort überzeugt und mir Perspektiven aufgezeigt. Da war gleich der gegenseitige Respekt vorhanden.

Sie haben den Job also nicht nur aus rein finanziellen Überlegungen angenommen, weil Sie zuletzt wieder lange arbeitslos waren – so nach dem Motto: In der Not frisst der Teufel Fliegen?
Keineswegs. Es musste schon etwas Seriöses sein. Natürlich war die arbeitslose Zeit grauenhaft. Du hast keine Aufgabe, du bist plötzlich nicht mehr gefragt. Das nagt schon an einem. Dann fällt dir die Decke auf den Kopf. Dann wirst du hässig und unzufrieden und auch für die Mitmenschen teilweise unausstehlich. Ich habe eine Familie, die ernährt werden muss. Und wenn du dann lange kein Einkommen hast, dann wird es auch finanziell eng und geht langsam an die Reserven des Ersparten.

Sie sprechen von einer schweren arbeitslosen Zeit. Wer hat Ihnen dabei geholfen?
Meine Frau und meine drei Kinder. Die haben den Papi immer wieder aufgestellt, wenn er mal nicht so gut drauf war. Die Familie hat mir unheimlich viel Kraft gegeben.

Sie klingen absolut energiegeladen und machen den Eindruck eines Mannes, der voller Tatendrang und keinesfalls frustriert ist.
Das bin ich auch nicht, ich habe nie an meinen Fähigkeiten als Trainer gezweifelt. Ich habe, so glaube ich jedenfalls, schon einiges erreicht und muss mich in der Branche sicher nicht verstecken.

Was wollen Sie mit dem FC Chiasso erreichen?
Priorität hat natürlich der Ligaerhalt. Ich habe die Mannschaft in dieser Woche kennen gelernt und sie trainiert. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das schaffen. Mittelfristig schwebt mir so etwas vor, wie es Ciriaco Sforza mit dem FC Wohlen macht. Er hat die Mannschaft in der letzten Saison auch in extremis vor dem Abstieg in die erste Liga bewahrt und ist heute Leader der Challenge League und hat sogar sehr gute Chancen, um den Aufstieg zu schaffen. Ich habe den grössten Respekt vor Sforza.

Wie meinen Sie das? Auch Ciri hatte nach seiner Entlassung bei GC eine schwere Zeit und hat das in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet auch einmal sensibel zum Ausdruck gebracht. Dann war er sich nicht nicht zu schade, den damaligen Letzten der Challenge League zu übernehmen. Man muss im Leben vielleicht auch mal ein Schritt zurückgehen, um dann wieder einen oder zwei vorwärts zu kommen.

Sie können sich also eine längere Zusammenarbeit mit Chiasso vorstellen. Wie lange läuft Ihr Vertrag? Vorerst einmal bis Saisonende. Dann werden wir sehen, ob wir auch zusammenpassen. Aber da bin ich sehr optimistisch, weil der Verein, wie schon eingangs gesagt, Ambitionen hat.

Haben Sie im Vertrag eine spezielle Nichtabstiegsprämie festgeschrieben?
Ich habe kein Fixum und auch keine Prämien, sondern lediglich eine Nichtabstiegsprämie. Aber reich werde ich davon nicht. Aber es geht mir jetzt primär auch nicht ums Geld. Ich möchte Chiasso helfen und dabei natürlich wieder Fuss fassen im Geschäft.

Am Samstag geben Sie auf der Winterthurer Schützenwiese ihren Einstand mit dem FC Chiasso. Was erwarten Sie von diesem Spiel?
Das wird natürlich umso schwerer, weil Winterthur zuletzt im eigenen Stadion gegen Wohlen mit 1:2 verloren hat. Das Team von Jürgen Seeberger will sich bei den Fans natürlich sofort rehabilitieren. Was meine Mannschaft angeht, kann ich versprechen, dass wir vom Kämpferischen her alles investieren werden. Ich will bei meinen Spielern die Leidenschaft spüren.

Erstellt: 11.04.2015, 09:53 Uhr

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