Und was jetzt, Lewandowski?

Der Bayern-Stürmer kritisiert die Transferpolitik seines Vereins – was in doppelter Hinsicht problematisch ist.

Seine Aussagen betreffen Clubführung und Mitspieler: Robert Lewandowski.

Seine Aussagen betreffen Clubführung und Mitspieler: Robert Lewandowski. Bild: AP Photo/Francisco Seco/Keystone

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Vielleicht ist Roman Bürki an allem schuld. Vielleicht hat er diese Kettenreaktion ausgelöst, an deren Ende Robert Lewandowski gar nicht mehr anders konnte, als dieses Interview im «Spiegel» zu geben. Im Duell mit Dortmunds Torhüter hat sich Lewandowski im April die Schulter ruiniert, und jeder kann sich jetzt je nach Neigung ausmalen, wie die Saison des FC Bayern ohne diesen Zusammenprall verlaufen wäre.

Lewandowski wäre im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League nicht ausgefallen, selbstverständlich hätte er gegen Real Madrid den Penalty kurz vor der Pause für sich beansprucht, und ebenso selbstverständlich hätte er den Ball nicht wie Arturo Vidal in die Umlaufbahn geschossen, sondern ins Tor. Die Bayern hätten 2:0 geführt und das Rückspiel ohne jede Schiedsrichter-Debatte überstanden, und ganz am Ende der Saison dann ... ja, vielleicht hätten die Bayern tatsächlich die Champions-League-Trophäe auf ihren Rathausbalkon geschleppt, und in einem anderen Land würde jetzt gerade ein prominenter Fussballer einem Nachrichtenmagazin ein Interview geben. Ungefährer Inhalt: Warum auf dem Transfermarkt so einen Wahnsinn veranstalten? Kann man es nicht einfach so machen wie die Bayern?

Sanktionieren oder aussitzen?

Am Ende waren es aber doch die Funktionsträger des FC Bayern, die am Tag nach dem 0:2 in Hoffenheim ein ausserplanmässiges Treffen einberufen mussten. Wie umgehen mit diesem Interview? Sanktionieren oder aussitzen? Es war eben doch ein Bayern-Spieler, der das Interview gegeben hatte, offenbar ohne Autorisierung durch den Verein. Bis Sonntagabend blieb offen, wie der Verein auf die sehr freie Meinungsäusserung seines Stürmers reagiert.

Der FC Bayern müsse «sich etwas einfallen lassen und kreativ sein, wenn der Verein weiter Weltklassespieler nach München lotsen will», sagt Lewandowski im Interview etwa, «und wenn man ganz vorne mitspielen will, braucht man die Qualität dieser Spieler.» Bis heute habe der Verein «nie mehr als rund 40 Millionen an Ablösesummen für einen Spieler bezahlt», so Lewandowski weiter, das sei im internationalen Fussball «längst eine Summe, die eher Durchschnitt als Spitzenwert ist».

Meint er mit «Durchschnitt» etwa mich?

Allein dieser Satz zeigt, warum das Interview aus Clubsicht in doppelter Hinsicht ein Problem ist. Erstens ist es unüblich, dass ein Angestellter seinen Vorgesetzten öffentlich erklärt, was sie künftig besser machen müssen als bisher. Zweitens birgt der Satz genügend Potenzial, um nicht nur die Chefetage, sondern auch die Kabine durcheinander zu bringen. Was soll etwa Correntin Tolisso denken, wenn er einen Satz liest, der «rund 40 Millionen an Ablösesummen» zum Thema hat und mit der Formulierung «eher Durchschnitt» endet?

Tolisso hat 41,5 Millionen gekostet, und er kann sich das jetzt mal überlegen: Hat der Kollege Lewandowski da eher so allgemein gesprochen, oder meint er mit «Durchschnitt» etwa mich?

«Wenn ein Spieler wechseln will, kann er das durchsetzen»

Im Grunde ist dieses Interview eine Art Zeitdokument. Hier spricht einer, der im Zentrum eines entarteten Marktes steht und aus luxuriöser Perspektive die emotionalen und hierarchischen Kollateralfolgen deutet. Die Machtverhältnisse im Fussball hätten sich «extrem verschoben», erklärt Lewandowski in einem Duktus, der eher an ein Manager-Interview erinnert, «und zwar zugunsten der Spieler. Wenn ein Spieler wirklich wechseln will, dann kann er das in der Regel auch durchsetzen».

Am Ende ist es wohl dieser Satz, der bei der Suche nach einem Motiv für das Interview weiterhilft. Womöglich ist Lewandowski auch aufgefallen, dass Neymar und Mbappé nicht nach München gewechselt sind und nun anderswo nicht nur viel, viel, viel Geld, sondern wahnwitzig viel, wahnwitzig viel, wahnwitzig viel Geld verdienen. Womöglich bezweifelt Lewandowski nun die internationale Perspektive des FC Bayern, der Spieler namens Tolisso, Rudy und Süle geholt hat und dramatischer vom Stürmer Lewandowski abhängig ist, als das für einen Topklub gesund ist. Eine Ausstiegsklausel findet sich zwar nicht in dem bis 2021 datierten Vertrag des Stürmers, aber natürlich hat Lewandowski mitbekommen, dass es neuerdings Vereine gibt, die keine Angst haben, jeden noch so irren Marktwert zu bezahlen.

Professionell, aber nicht auf den Mund gefallen

Niemand, nicht mal der sogenannte Markt, kann die Bayern zwingen, über einen Verkauf des Stürmers nachzudenken, aber aktuell hat der Verein schon genug mit den «vibrations» zu tun, die Lewandowskis verbale Laufwege hinterlassen. Das Interview ist ja nicht seine erste Wortmeldung: Zuvor hatte er öffentlich den Sinn der (durchaus umstrittenen) Asienreise in Frage gestellt, und unvergessen sind – vor allem im Kollegenkreis – die Vorwürfe, die nach der vergangenen Saison aus seinem Umfeld laut wurden.

Robert sei «so was von enttäuscht gewesen, wie ich ihn noch nie erlebt habe», hatte der Berater Maik Barthel melodramatisch wissen lassen, «Robert hat gehofft, dass ihn Mannschaft und Trainer proaktiv unterstützen würden, damit er die Torjägerkanone bekommt». Unterlassene Hilfeleistung: Das ist ein knackiger Vorwurf an die eigenen Kollegen, zumal sich Zeitzeugen zu erinnern meinen, dass Lewandowski auch Chancen vergab, die ihm durchaus die Mitspieler vorgelegt hatten.

Das ist nun das Szenario, mit dem die Bosse und auch Trainer Ancelotti umgehen müssen: Sie haben da einen herausragenden, für seine Professionalität zurecht gelobten Stürmer, der in diesem Teamsport aber eher individuell unterwegs zu sein scheint und darüber hinaus noch etwas Gefährliches ausstrahlt. Jedenfalls unternimmt Robert Lewandowski sehr ausdrücklich nichts gegen den Eindruck, wonach ihm Verein und Mitspieler allmählich zu klein werden. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 10:02 Uhr

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