«Unser Leader steht am Spielfeldrand»

Sadio Mané ist bei Liverpool zu einem der weltbesten Stürmer gereift. Der Senegalese schiesst Tore wie noch nie – und erklärt vor dem Champions-League-Halbfinal gegen Barcelona, warum.

Unberechenbar, ideenreich, erfolgreich: Sadio Mané zelebriert Fussball. Foto: Andrew Boyers (Reuters)

Unberechenbar, ideenreich, erfolgreich: Sadio Mané zelebriert Fussball. Foto: Andrew Boyers (Reuters)

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Anfang Jahr legt Liverpools Trainer Jürgen Klopp eine Art Geständnis ab: «Ich habe in meinem Leben einige Fehler gemacht, und einer der grössten war, Sadio nicht nach Dortmund zu holen.» Die Rede war von Sadio Mané, einem Fussballer aus dem Departement Sédhiou in der Casamance, einer von tropischen Mangrovenwäldern geprägten Region in Senegal. Zu seiner Zeit als Borussia-Trainer hätte Klopp Mané 2014 nach Dortmund holen können. «Wir trafen uns in einem Büro und unterhielten uns. Danach war ich nicht überzeugt, und das war wirklich meine Schuld», sagte Klopp. Und fügte hinzu, dass er dem Leben dafür danke, «eine zweite Chance erhalten zu haben» – denn nun darf er mit dem Stürmer Mané in Liverpool zusammenarbeiten.

Mittlerweile ist Mané 27, er gelangte aus Senegal via Metz und Frankreichs zweite Liga sowie Salzburg und Southampton 2016 zu Liverpool – und wird heute von vielen zu den besten Spielern der Gegenwart gezählt.

Welcher Stürmer der grössten europäischen Ligen hat in dieser Saison mehr als 15 Tore geschossen und die meisten Balleroberungen aufzuweisen?
Keine Ahnung.

Sie!
Ehrlich?

Und wissen Sie, wer der einzige Spieler ist, der mehr gelungene Pässe gespielt hat als Sie?
Nein. Keine Ahnung.

Lionel Messi.
Oh, wirklich? Das ist ja grossartig!

Sie spielen nun im Camp Nou gegen Barcelona. Inwiefern ist dieses Spiel noch die Erfüllung eines Traums, den Sie schon als Kind in Bambali hatten?
Bambali, ja. Das ist ein kleiner Ort am Fluss Casamance. Dort habe ich angefangen, Fussball zu spielen. Auf der Strasse. Und ich habe natürlich immer Champions League geschaut. Ich war damals – ich weiss gar nicht, ob ich das heute sagen darf – ein grosser Barcelona-Fan, denn dort spielten meine Idole: Samuel Eto’o und vor allem Ronaldinho.

«Ich war einst ein grosser Barcelona-Fan, denn dort spielten meine Idole: Samuel Eto’o und Ronaldinho.»

Eine Theorie besagt, dass man im Fussball viel über Imitation lernt. Muss man sich das so vorstellen, dass Sie als Kind versucht haben, den früheren brasilianischen Weltklassespieler Ronaldinho nachzuahmen?
Ich habe seine Tricks geliebt. Den Witz, den er versprühte. Und ja, ich habe versucht, ihn nachzuahmen. So exakt wie möglich. Er hat mich sehr inspiriert. Ich hatte so viele Tricks drauf, dass die Trainer mir irgendwann sagten: «Hör auf damit! Das ist zu viel!» Ich war denen zu verspielt. Also habe ich da schon angefangen, zu versuchen, mich schneller vom Ball zu lösen. Aber ich liebe es immer noch, zu dribbeln.

Stimmt es, dass Sie viele Widerstände überwinden mussten, um Fussballer zu werden? Es ist hier und da zu lesen, dass Ihre Familie Ihnen regelrecht verboten hat, Fussball zu spielen.
Es war nicht so, dass man in meiner Familie den Fussball nicht mochte, aber in meiner Familie hat kaum jemand gespielt. Und die, die Fussball spielten, waren echt schlecht.

Das kann man von Ihnen definitiv nicht behaupten.
Fussball ist das Einzige, was ich konnte und mochte. Ich habe nie etwas anderes gewollt als Fussball, Fussball, Fussball. Bis heute. Ich glaube, Fussballer ist der einzige Job, den ich machen kann.

Im modernen Fussball geht alles vor allem um Konzepte. Um Matchpläne. Sie sind unvorhersehbar, intuitiv, ideenreich, explosiv. Wie schwer fällt es Ihnen, sich einem Matchplan zu unterwerfen?
Das ist nicht schwierig. Ich merke auch, dass die Erfahrung eine immer grössere Rolle spielt. Das macht es einfacher, den Trainern zuzuhören, zu verstehen, was sie auf dem Platz von einem wollen. Roger Schmidt war im Grunde der erste Trainer, mit dem ich länger zusammengearbeitet habe, zweieinhalb Jahre in Salzburg. Zuvor waren alle anderen immer nach drei, vier, sechs Monaten abgelöst worden.

Und was verlangt Jürgen Klopp bei Liverpool von Ihnen?
Zu Klopp habe ich eine ganz besondere Beziehung. Wir sind uns sehr nahe. Man muss bei ihm extrem wach sein, physisch bereit sein, schnell schalten können. Ansonsten? Musst einfach du selbst sein.

Sie haben in dieser Saison für Liverpool bislang 25 Tore geschossen – mehr denn je. Was hat sich geändert, dass Sie vor dem Tor nun erfolgreicher sind?
In Salzburg spielten wir immer im 4-4-2, also mit zwei Stürmern, da spielte ich zwangsläufig mehr an der Aussenlinie. Bei Liverpool spielen wir im 4-3-3, da bin ich zwangsläufig näher am Strafraum. Unsere Art, zu spielen, hat sich eigentlich nicht geändert. Ich bin älter und reifer geworden, das merkt man. Wir haben über die Jahre hinweg immer mehr Qualität dazubekommen, auch das macht sich bemerkbar. Jeder einzelne Spieler wird dadurch stärker – und das führt in meinem Fall dazu, dass ich mehr Tore schiesse.

Sie spielen nun seit Jahren auf den grössten europäischen Bühnen – und reisen immer wieder nach Afrika. Zum Beispiel für die Qualifikation zum Afrika-Cup, der jetzt ansteht. Aus den luxuriösen Stadien von Tottenham, Liverpool oder Manchester nach Madagaskar, in den Sudan, nach Äquatorial-Guinea. Wie nehmen Sie den Kontrast wahr?
Da liegen Welten dazwischen. In Madagaskar mussten wir bei 40 Grad spielen. Um zwei Uhr mittags. Auf einem Rasen, der in einem derart schlimmen Zustand war, dass unser Trainer nur sagte: «Versucht gar nicht erst, Fussball zu spielen. Es hat keinen Sinn. Heute nur lange Bälle.» Ich sage das mit allem Respekt, denn in Madagaskar haben sie ihr bestes Feld zur Verfügung gestellt. Aber es ist schwierig, sich mit solchen Gegebenheiten zu arrangieren. Die Organisation ist oft auch nicht die beste. In Madagaskar war das Stadion überfüllt, es gab vor den Toren Tote. Schrecklich.

«Ich glaube, dass es für Mannschaften sogar negativ sein kann, wenn es einen Spieler gibt, der anführt.»

Ihr Land erwartet von Ihnen, dass Sie die Afrika-Meisterschaft gewinnen, die in diesem Sommer in Ägypten stattfindet.
Das erwarten wir selbst auch von uns.

Wie ist Liverpools Spiel auf dem Platz organisiert, wer führt das Kommando im Spiel gegen den Ball, in dem die Angreifer eine wichtige Rolle spielen?
Bei uns führt sich jeder Spieler im Spiel gegen den Ball selbst an. Wir haben auf dem Platz so etwas wie eine gemeinsame Sprache. Jeder weiss, was er zu tun hat, wenn der Ball verloren geht – egal, wo das passiert. Ich glaube, dass es für Mannschaften sogar negativ sein kann, wenn es einen Spieler gibt, der anführt. Unser Leader steht am Spielfeldrand.

Es gibt kaum ein Angreifertrio in Europa, das so gut harmoniert wie das bei Liverpool mit Roberto Firmino, Mohammed Salah und Ihnen. Was ist das Geheimnis dieser Harmonie?
Wir haben einfach Spass daran, zusammen zu spielen. Es gibt kein Geheimnis. Ausser, dass Mo und Roberto grossartige Fussballer sind.

Bei Barcelona spielt Messi mit zwei Ex-Spielern von Liverpool zusammen, Luis Suárez und Philippe Coutinho. Da steht jetzt ein Duell der Stürmertrios an...
Es wäre nicht in Ordnung, das darauf zu reduzieren. Barça ist eine der besten Mannschaften überhaupt. Es wird ein aufregendes, brutal schwieriges Spiel. Aber ich bin optimistisch. Wir haben nichts zu verlieren.

Im Ernst? Liverpool war im vergangenen Jahr Champions-League-Finalist, Sie selbst haben beim 1:3 im Final gegen Real Madrid das Tor geschossen – und einen Ball an den Pfosten gejagt.
Ich war wirklich stolz und froh, im Final zu stehen. Es war eine gute Erfahrung, für mich und meine Mannschaftskameraden. Wir haben gegen das vielleicht beste Team, gegen den vielleicht besten Club verloren. Wir hatten es verdient, im Final zu stehen, und wir haben verloren.

Stimmt es, dass die Liverpool-Fans lieber die englische Meisterschaft als die Champions League gewinnen wollen?
Zu hundert Prozent. Sie warten schon seit fast 30 Jahren auf den Titel. Das merkt man, wenn man mit denen spricht.

Was würden Sie bevorzugen?
Als Fussballer wollen wir beide Titel.

Sie haben in dieser Premier-League-Saison bisher nur einmal verloren – und sind dennoch nur Zweiter, einen Punkt hinter Manchester City, das dreimal verloren hat.
Es ist verrückt. Aber so ist der Fussball. Ich hoffe sehr darauf, dass wir City noch abfangen. Aber man muss anerkennen: Es ist ein extrem starker Rivale. Wenn wir die Meisterschaft gewinnen sollten, werden wir die glücklichsten Menschen der Welt sein. Und wenn nicht, geht das Leben weiter. Wir hätten alles getan, alles gegeben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.04.2019, 21:52 Uhr

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