Unter Druck: Das Nationalteam vor wichtigen Spielen

Die Schweiz braucht in den EM-Qualifikationsspielen gegen Dänemark und Irland mindestens vier Punkte.

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In einer idealen Welt verspielen die Schweizer gegen Dänemark das 3:0 nicht und geben in Irland das 1:0 nicht aus den Händen. In einer idealen Welt haben sie das, was Goalie Yann Sommer «Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Resultat» nennt. In einer idealen Welt haben sie nach vier Spielen zwölf Punkte auf dem Konto und nicht nur acht.

Aber die Wirklichkeit für sie heisst: 3:3 gegen Dänemark im März, 1:1 in Irland im September. Darum sind sie nach vier Spielen in der EM-Qualifikation nur auf Rang 3. Gut, sie haben eine Partie weniger ausgetragen als Irland und Dänemark. Aber das ändert nichts daran, dass sie in der nächsten Tranche unter Druck stehen, um sich direkt für die Endrunde 2020 zu qualifizieren.

Das sagten die Schweizer zum 3:3 gegen Dänemark. Desaströse zehn Minuten machten aus einer Gala ein Debakel. (Video: Fabian Sangines)

Und die Gegner heissen: am nächsten Samstag Dänemark in Kopenhagen und drei Tage darauf Irland in Genf. Vier Punkte sind das Minimum, das die Schweizer erreichen müssen.

Einige Anmerkungen zu Coach und Spielern, die sich am Montag in Lausanne zur Vorbereitung treffen.

Vladimir PetkovicReisefreudig

Innert zweieinhalb Wochen war Vladimir Petkovic in Dortmund bei Roman Bürki, in Augsburg bei Stephan Lichtsteiner und in Liverpool bei Xherdan Shaqiri. Er machte damit etwas, was er in den ersten fünf Jahren als Nationalcoach tunlichst vermieden hatte: Er reiste zu Spielern, um im direkten Gespräch ihre Lage zu klären. Der Aufwand hat sich gelohnt. Im Fall von Bürki, der Nummer 1 in Dortmund, ist klar, dass er bis nach der kommenden EM auch im Notfall nicht aufgeboten wird. Bürkis Problem ist seine fehlende Lust, weiter hinter Sommer anzustehen. Lichtsteiner dafür ist wieder dabei. Und Petkovics Ausflüge haben sich vor allem wegen Shaqiri gelohnt, dessen Absenz im September viel Unruhe heraufbeschworen hatte. In einem zweistündigen Gespräch hat Shaqiri Petkovic versichert, wieder bereit zu stehen, sobald die Wadenverletzung ausgeheilt ist. Er ist gut beraten gewesen, den Eklat zu vermeiden.

Der Spieler und der Coach tun öffentlich alles, die Realität auszublenden und den lange zwischen ihnen schwelenden Konflikt nicht zu thematisieren. Das mag man verstehen. Trotzdem ist es gar dick aufgetragen, wenn Petkovic sagt: «Ich liebe Xherdan, und ich werde ihn immer lieben.»

Stephan LichtsteinerUnermüdlich

35 Jahre und 105 Länderspiele alt, 7 Meistertitel mit Juventus, Einsätze in vier der fünf grossen Ligen (Frankreich, Italien, England und nun Deutschland): Stephan Lichtsteiner hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Vor allem hat er keine Lust, sich bereits aus dem Nationalteam zurückzuziehen. Nie hat der Rechtsverteidiger das trefflicher zum Ausdruck gebracht als im März, als er versprach: «Ich spiele, bis es mich verbläst.»

Die späten Gegentore gegen Dänemark und in Irland zeigten, wie unerfahren Kevin Mbabu auf diesem Niveau ist und wie unverzichtbar die Routine Lichtsteiners. Intern führt er die Captain-Hierarchie vor Xhaka, Shaqiri und Sommer weiterhin an.

Ricardo RodriguezZurückgebunden

In der Schweizer Auswahl gibt es immer einmal wieder Problemzonen. Mal im Sturm, mal in der Innenverteidigung, mal am Flügel. Seit Jahren aber nicht auf der Position des Linksverteidigers, auf der Ricardo Rodriguez zuverlässig seinen Part erfüllt. Gleichwohl stagniert der 67-fache Nationalspieler schon länger in seiner Entwicklung. Einst wurde er mit Real, Barcelona, Bayern und sämtlichen Premier-League-Grössen in Verbindung gebracht. Mittlerweile hat der selten dynamisch wirkende Rodriguez beim kriselnden Milan aber gar seinen Stammplatz an Theo Hernandez, den Bruder von Bayerns Lucas Hernandez, verloren. Eine Gewissheit hat er wenigstens: Auf seinen Status im Nationalteam hat das vorerst keinen Einfluss.

Granit XhakaUnerschütterlich

Wahrscheinlich hat Xhaka den richtigen Vornamen. Weil der treffliche Redewendungen ermöglicht: «Auf Granit beissen» oder «hart wie Granit». Xhaka ist widerstandsfähig genug, um an Kritik nicht zu zerbrechen. Das zeigt sich in diesen Tagen wieder einmal. Seit er in England ist – und das ist er mittlerweile seit drei Jahren und seinem Transfer für 49,5 Millionen Franken aus Mönchengladbach – verfolgen sie ihn. Mal sind sie beim Fernsehen und prominent, wie die früheren Spieler Alan Shearer und Danny Murphy. Mal tauchen sie aus der Anonymität auf, tun ganz so, als wären sie Dennis Bergkamp, dieser grosse Spieler grosser Tage von Arsenal, und twittern unter seinem Namen: Xhaka müsse rausgeworfen werden.

Seit dieser Saison ist Xhaka der Captain bei Arsenal. Es ist eine grosse Ehre, die er Unai Emery zu verdanken hat. Der Trainer wird sich dabei etwas gedacht haben. Das Amt schützt Xhaka aber selbst nach 142 Einsätzen für die Gunners nicht vor Angriffen. Nach dem 1:1 am letzten Montag bei Manchester United sind die Attacken wieder einmal heftig. Das hat nicht zuletzt mit dem Schuss von McTominay zu tun, der abgefälscht wird und Xhaka aussehen lässt, als würde er den Kopf einziehen. Weicheier mögen sie in England nicht, aber Xhaka ein Weichei, ausgerechnet er, der keinen Zweikampf scheut? Xhaka hat schon vor längerer Zeit gesagt: «Mich macht keiner kaputt.»

Am Sonntag stand er auch beim 1:0 gegen Bournemouth in der Startformation, am Montag verkündete er auf Instagram, dass er Vater einer Tochter geworden ist. In den nächsten Tagen ist Xhaka wieder der Nationalspieler, der bei Coach Petkovic so unangefochten ist wie im Club bei Emery.

Manuel AkanjiSelbstgefällig

An einem fehlt es Manuel Akanji gewiss nicht: an Talent. Er gilt dank seiner Schnelligkeit, Technik und Physis als Abbild eines modernen Verteidigers. 24 ist er inzwischen, er hat sich in Basel durchgesetzt und jetzt auch in Dortmund einen Stammplatz erarbeitet. Und im Nationalteam ist er neben Fabian Schär ebenfalls gesetzt.

Es fehlt ihm auch nicht an Selbstvertrauen. Und das ist seine Schwäche, weil er gerne die schmale Grenze zur Selbstgefälligkeit überschreitet. So war es diese Saison zum Beispiel schon beim 1:3 in Berlin gegen Union. So ist es auch beim 2:2 an diesem Samstag in Freiburg, dem dritten 2:2 von Dortmund in Folge. Beim ersten Gegentor unternimmt er nichts, um den Schuss von Waldschmidt zu unterbinden – Roman Bürki im Tor sieht übrigens auch nicht gut aus. Und beim zweiten Ausgleich Freiburgs in der 89. Minute unterläuft er zuerst eine Flanke und lenkt den folgenden Querpass schliesslich ins eigene Tor ab. Ein solcher Akanji wird der Schweiz nächste Woche nicht helfen.

Breel EmboloHoffnungsvoll

Es ist sein Neustart nach drei – auch verletzungsbedingt – komplizierten Jahren in Gelsenkirchen. Nur 12 Tore gelangen Breel Embolo in 61 Pflichtspielen für Schalke, der kraftvolle Angreifer erfüllte die hohen Erwartungen als teuerster Zugang der Vereinsgeschichte mit einer Ablösesumme von knapp 30 Millionen Franken nie. Im Sommer wechselte er für noch 11 Millionen ins eine Autostunde entfernte Mönchengladbach. Und es könnte sein, dass sich Embolo als Schnäppchen entpuppt. Er ist jedenfalls endlich auf dem Weg, das Versprechen einzulösen, ein aufregender Offensivspieler zu sein. Er ist wie Yann Sommer, Nico Elvedi und Denis Zakaria unbestrittene Stammkraft, agiert meistens in neuer Rolle hinter zwei Stürmern, hat drei Tore erzielt und fühlt sich wohl. Zakaria sagte diese Woche in einem «Sport Bild»-Interview, es sei keine Überraschung, sei Embolo stärker, wenn er aus der Tiefe kommen könne und nicht als Spitze oder am Flügel eingesetzt werde. «Für mich ist Breel mit seinem Tempo, seiner Wendigkeit und seiner Wucht ein offensiver Mittelfeldspieler.»

Und bei Schalke meinte der neue Trainer David Wagner kürzlich, es sei enorm schade, habe er nicht mit Embolo zusammenarbeiten können: «Auf ihn hatte ich mich am meisten gefreut, er besitzt riesiges Potenzial.» Falls man es vergessen haben sollte: Der frühere Basler ist immer noch erst 22. Es ist trotzdem an der Zeit, gelingt ihm auch im Nationalteam ein überzeugender Auftritt. Gerade zuletzt in Irland und gegen Gibraltar fiel er komplett durch.



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Erstellt: 07.10.2019, 12:16 Uhr

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