Volksfest zwischen Feld und Ferrari

Die 1. Hauptrunde des Schweizer Cups ist bekannt für die Spiele von Klein gegen Gross. Am grossen Tag für die Aussenseiter geht es auch immer um die Frage, was sie für die Sicherheit leisten müssen.

In Gränichen der Spezialgast: Sions Sonnenkönig Christian Constantin mit seinem Lieblingsspielzeug, einem Ferrari. Foto: Sedrik Nemeth

In Gränichen der Spezialgast: Sions Sonnenkönig Christian Constantin mit seinem Lieblingsspielzeug, einem Ferrari. Foto: Sedrik Nemeth

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Christian Constantin ist noch unschlüssig. Soll er morgen mit dem Ferrari vom Wallis in den Aargau reisen oder doch mit seinem Flugzeug und dafür den ­Umweg via Kloten in Kauf nehmen? Eines weiss er aber mit Sicherheit: Er muss früh aufbrechen, schon um 13 Uhr wird der Match seines FC Sion ange­pfiffen.

In Gränichen, einer Gemeinde mit 7750 Einwohnern, warten sie voller Freude auf ihn, den Chef der Walliser Cupspezialisten. Seit dem Tag der Auslosung für die erste Runde im Schweizer Cup wird er als eine der grossen Attraktionen angekündigt. Ein schillernder Präsident in Gränichen, ein Sonnen­könig in der Provinz unweit von Aarau – gibt es eine idealere Kombination für diesen Wettbewerb?

Ehrensache ist für Constantin, dass er nicht schwänzen wird: «Ich bin ­immer da, wo meine Mannschaft ist.»

Das Licht ist auf ihn gerichtet, wenn er auf der engen Zehnder-Matte auftaucht, die für diesen Sonntag vom Sportplatz zum schmucken Kleinstadion aufgerüstet worden ist. Über 3000 Stehplätze bietet dieses, 150 Zuschauer haben das Privileg, sitzen zu können, vom ­Gemeinderat über Sponsoren bis eben zu Christian Constantin.

Er packt einen dicken Stapel Autogrammkarten ein, und schon bevor er da ist, hat er beim Zweitligisten gepunktet. Er überwies 200 Franken und zählt nun zur Schar der Matchball­spender. Für ihn gehört es sich so, dass der Grosse dem Kleinen hilft. Er sagt: «Ich liebe den Cup. Und wir müssen seine Tradition wahren und pflegen.»

Das wird an diesem Wochenende an vielen Orten getan, nicht nur in Gränichen, auch in Montfaucon, Chippis, ­Romont oder Wettswil-Bonstetten, wo der grosse Fussball sonst weit weg ist. Und sich ­immer die Frage stellt: Was müssen die Gastgeber an Sicherheits­vorkehrungen leisten, wenn Clubs wie Xamax, Zürich, GC oder Basel ihre Aufwartung machen? Wie gross ist die Angst, dass etwas passiert, dass Sportplätze gestürmt werden wie einst die Schützenmatte in Basel, als der FC Zürich gegen die Black Stars spielte? Oder wie in Eschenbach, als die Basler keine Lust verspürten, Eintritt zu bezahlen?

16 Polizisten in Montfaucon

In Montfaucon, mitten in den Freibergen des Juras, umgeben von Wald und Wiesen, trennt die Zuschauer nur ein einfaches Geländer vom Platz des ­lokalen Fünft­ligisten. Die zuständige Kantonspolizei will, dass 16 Polizisten im Einsatz stehen, wenn Xamax kommt. Dabei ­endet an solchen Orten die ­Geschichte meist einfach: Der Favorit gewinnt, und Kinder rennen auf den Platz und wollen ein Autogramm.

Der Schweizerische Fussballverband als Ausrichter des Cups rät den Vereinen, sich an guten Beispielen zu orientieren, um ihnen die Bedenken zu nehmen, dass etwas passieren könnte. Jean-Yves Python hält sich als Präsident des CS Romontois daran, bevor die Grass­hoppers im Freiburgischen auftreten. Denn Python nimmt gleich den eigenen Club zum Vorbild und das Spiel vom ­vergangenen Jahr, als der FC Sion zu ­Besuch war und 3000 Zuschauer ­kamen, «wir erlebten ein Superfest», ­sagt er.

Eine provisorische Tribüne gibt es auch diesmal nicht, weil sie zu teuer wäre für einen Club mit einem Jahresbudget von 240'000 Franken. Es ist ­ohnehin etwas, was der Verband den kleinen Clubs für einen derartigen Anlass im Cup empfiehlt: Überlegt es euch, ob ein Zusatzbau etwas bringt – oder ob er nicht nur vor allem Geld kostet und ein Sicherheitsrisiko sein kann.

Beim FC Wettswil-Bonstetten, vor den ­Toren Zürichs, hat man sich das auch überlegt. Und hat entschieden, dass es eine zusätzliche Tribüne braucht. Das hat mit dem Gegner zu tun, dem FC Basel. «Wenn gegen 1000 Basler vor dem Sportplatz stehen und das Spiel ­sehen wollen, muss man ihnen auch den Platz dafür geben», sagt Präsident Markus ­Fischer. Der Match wird zum Brocken für den Kleinen. Die Infrastruktur mit Tribüne, Zelten und Getränkeständen kostet gegen 100'000 Franken, die Sicherheit im Stadion rund 30'000 bis 35'000 Franken.

Der Verband rät den Vereinen auch: Sorgt für genug Parkplätze, für genug WC-Anlagen, redet mit euren Nachbarn, den Bauern von nebenan, und erklärt ­ihnen, dass ein Fan manchmal eine Wiese als WC sieht. Verlangt keine horrenden Preise für Tickets und Getränke. Stellt den Fussball in den Vordergrund. Und vor allem: Begrüsst die Gäste noch als Gäste, freundlich und offen.

550 Zürcher in Chippis

Wer dagegen für ein Super-League-Spiel zum Letzigrund kommt, sieht manchmal als Erstes einen Wasserwerfer der Polizei. Ob der ein paar Hitzköpfe im ­Voraus abkühlt, ist die Frage. Nur, wenn er nicht da steht, und es gibt Ausschreitungen, was heisst es dann? Dann hat die Polizei versagt.

Gut 500 FCZ-Sympathisanten werden morgen Sonntag in Chippis erwartet, einem Vorort von Sierre. Beim Club aus der 2. Liga inter ging man immer davon aus, den FCZ in seinem Dorf zu begrüssen und nicht an einen anderen Ort auszuweichen. Es wird eine kleine Tribüne für 500 Leute aufgestellt, die erste Mannschaft hilft mit, die Infrastruktur herzurichten, der Kanton übernimmt einen Teil der Sicherheitskosten, bis zu 2000 Zuschauer werden erwartet, und Clubvorstand Luc Devanthéry sagt schon einmal zufrieden: «Wir rechnen mit einem grossen Fest.»

In Gränichen, da eben, wo Constantin seinen Auftritt bestimmt geniessen wird, wird für diese eine Partie gegen Sion ein Budget von rund 120'000 Franken gestemmt. Der Verein, der jährlich mit einem Gesamtbudget von rund 400'000 Franken haushaltet, hätte die Option prüfen können, ins 15 Minuten entfernte Aarauer Brügglifeld aus­zuweichen, aber er verzichtete darauf. «Nach der Auslosung fassten wir im Verein den Beschluss: Wir machen das – und zwar richtig», erzählt Präsident Samuel Keppler.

Zuerst ging es darum, ein lückenloses Sicherheitskonzept zu erstellen, um überhaupt eine Bewilligung für das Spiel zu erhalten. Die Behörden gaben die ­Erlaubnis mit Auflagen: Auf dem Sportplatz muss ein eigener Sektor für die Fans des FC Sion eingerichtet werden; rund 30 Polizisten sollen – das ergab die Risikobeurteilung – ausserdem auf der Zehnder-Matte präsent sein. Die Rechnung für den Einsatz erhält der FC Gränichen, der aber nur 25 Prozent dieser Kosten zu tragen hat. Den Rest übernimmt der Kanton.

Und was bleibt am Schluss für die Clubkasse? Müsste ein Cuplos wie dieses nicht ein finanzieller Segen sein? «Wenn 2000 Besucher kommen, schreiben wir eine schwarze Null», sagt Keppler, der aber das Erlebnis über alles stellt: ­«Natürlich ist es schön, wenn uns ein gewisser Betrag bleibt. Aber wir wollen für unser Dorf etwas tun, wir wollen ein Volksfest.»

Den Matchball einfliegen

Das Drehbuch des Volksfests sieht vor, dass sieben Minuten vor dem Kick-off der Ball eingeflogen wird – mit einem Helikopter. Und dazu gehören natürlich auch Lokalhelden, die Kicker des FCG, die Christ oder Kiybar heissen, Wehrli oder Züllig.

Ihre Prämie für diesen Match haben die Spieler bereits bekommen: Sie dürfen das eigens dafür angefertigte Dress behalten. Nach dem Match sind sie zum Essen ein­geladen, auf der Speisekarte stehen ­Raclette und Aargauer Braten. Und am Abend werden sie gemeinsam vor dem Fernseher sitzen, wenn das «Sport­panorama» läuft und ein Beitrag auch vom Nachmittag in Gränichen handelt. Es wird der letzte Teil ihres Highlights sein, bevor die sportliche Normalität einkehrt und wieder 150 Zuschauer da sein werden, wenn die Gegner aus Othmarsingen oder Gontenschwil, Klingnau oder Fislisbach kommen.

Christian Constantin wird sich bis dann verabschiedet haben. Bleibt immer noch die Frage zu klären, die in Gränichen genüsslich diskutiert wird: Wie reist er nun an, fliegend oder fahrend? Ein Parkplatz ist für ihn jedenfalls reserviert. «Okay», sagt er und grinst, «dann komme ich vermutlich mit dem Ferrari.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 23:33 Uhr

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