Vom Mobbing-Opfer zum Hoffnungsträger

Der frühere Bundesliga-Profi Kevin Pezzoni steht für den Höhenflug des Challenge-League-Leaders FC Wohlen. Er hat eine bewegte Geschichte und eine schwere Lebensphase hinter sich.

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Beim 1. FC Köln war Kevin Pezzoni nach schwachen Leistungen des Teams der Buhmann der Fans. Der 25-Jährige wurde bespuckt, bedroht und gar tätlich angegangen. Während des Kölner Karnevals brach ihm ein Unbekannter das Nasenbein. Pezzoni musste operiert werden.

Auf Facebook wurde eine Gruppe «Kevin Pezzoni muss weg!!!» gegründet. Seine Mitspieler distanzierten sich mit einem offenen Brief für das unsägliche Verhalten der Fan-Hooligans. Sie erhofften sich mehr Fairness und Respekt der Anhänger. Es nützte nichts. Selbst der damalige Trainer Holger Stanislawski kapitulierte: «Es sind Dinge vorgefallen, die Kevin das Fussballspielen in diesem Club nicht mehr ermöglichen.»

Den Vertrag gekündigt

Für Pezzoni gab es nur einen Weg – die Kündigung. Mitausschlagebend für seinen Entscheid war ein Tag im Training, an dem auch die Polizei mit einem grossen Aufgebot Präsenz markierte. Sie war wegen Pezzoni da, weil der 1. FC Köln im Internet gesehen hatte, dass 200 Kölner Fans ihn auf dem Vereinsgelände bedrängen wollten. «Das ging zu weit. Ich beschloss, Köln zu verlassen», sagte der Profi.

Im September 2012 zog er den Schlussstrich und verliess die «Geissböcke» nach 90 Spielen in der 1. und 2. Bundesliga vorzeitig. Er hatte genug von den steten Anfeindungen. Er habe sich extrem unwohl und unsicher gefühlt, sagte der Mittelfeldspieler.

Pezzoni wechselte in die 3. Liga zu Erzgebirge Aue und später nach Saarbrücken. Notlösungen seien das gewesen, sagt er.

Der Neustart im kleinen Wohlen

Nun macht der ehemalige deutsche Junioren-Nationalspieler fernab der Heimat einen Neustart in der Schweiz – allerdings nicht bei Servette Genf oder beim FC Schaffhausen, die ihn auch verpflichten wollten. Nein, er unterzeichnete beim kleinen FC Wohlen einen Zweijahresvertrag.

Die Aargauer sind nach dem 2:1 über den FC Wil mit vier Siegen aus vier Spielen das Team der Stunde der Challenge League. Einen grossen Anteil an den Erfolgen hat Pezzoni. Der 25-Jährige ist innert kurzer Frist zum Schlüsselspieler geworden. Er beeindruckt nicht nur äusserlich mit 1,93 m Grösse, sondern als Stabilisator im defensiven Mittelfeld mit sicherem Passspiel. Er fühlt sich wohl in der Provinz.

Selbstbewusste, nie gehörte Töne

Pezzoni sagt ganz deutsch-selbst­bewusst: «Wir können jeden schlagen.» Es sind ungewohnte Töne in Wohlen. Ein solcher Höhenflug wäre vor nicht allzu langer Zeit kaum vorstellbar gewesen. Zwar spielen die Aargauer bereits seit 2002 in der zweithöchsten Spielklasse, Spitzenplatzierungen allerdings blieben rar. Meist ging es um den Ligaerhalt – so auch letzte Saison.

Der Ur-Wohlener Ciriaco Sforza half ab Anfang 2014 als Team-Manager. Die Entlassung von Trainer David Sesa konnte aber auch er nicht verhindern. Nach nur einem Sieg in 21 Spielen stand das Team am Abgrund der Challenge League. Sforza wurde Mitte Februar zum Nachfolger bestimmt. Mit dem früheren Nationalspieler stabilisierten sich die Wohlener, schafften den ­Ligaerhalt und legten auch die Basis für die Zukunft – so beispielsweise mit der Verpflichtung von Pezzoni.

Sforza «Er ist noch lange nicht bei 100 Prozent»

«Seine Qualität und Präsenz sieht man in jedem Spiel», sagt Sforza über seinen neuen Strategen. Und der 44-Jährige glaubt, dass sich Pezzoni noch weiter steigern wird. «Er ist noch lange nicht bei 100 Prozent.»

Bereits am Mittwoch spielen die Wohlener beim noch sieglosen Tabellenletzten FC Biel, dann kommt es zum Spitzenduell gegen den FC Winterthur. Pezzoni sagt: «Wir müssen mit breiter Brust auftreten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2014, 10:45 Uhr

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Challenge League

36. Runde

03.06.FC Aarau - Neuchatel Xamax FCS2 : 0
03.06.FC Wil 1900 - FC Schaffhausen2 : 1
03.06.FC Winterthur - FC Chiasso3 : 1
03.06.FC Zürich - FC Wohlen3 : 0
03.06.FC Le Mont LS - Servette FC0 : 1
Stand: 03.06.2017 19:48

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Zürich36267391:3085
2.Neuchatel Xamax FCS36227766:3673
3.Servette FC361881055:4362
4.FC Schaffhausen361631764:5951
5.FC Aarau361361757:6445
6.FC Winterthur361181745:6241
7.FC Wohlen361232142:6039
8.FC Chiasso369101743:6337
9.FC Le Mont LS368111731:5435
10.FC Wil 1900361071935:5834
Stand: 03.06.2017 19:48

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