Von den eigenen Fans getötet

Albert Ebossé träumte davon, möglichst bald in Europa zu spielen. Nun ist der Torschützenkönig der algerischen Liga tot. Die Zustände in Algeriens Fussballstadien sind traurig.

Der Fussball dient in Algerien als Ventil: Albert Ebossé (Mitte) während des Spiels in Tizi Ouzou. (<nobr>23. August</nobr> 2014)

Der Fussball dient in Algerien als Ventil: Albert Ebossé (Mitte) während des Spiels in Tizi Ouzou. (23. August 2014) Bild: EPA

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Er war ihr Lieblingsspieler, der Star der Mannschaft. Die Fans der Jeunesse Sportive de Kabylie (JSK), Algeriens Rekordmeister aus der Berberregion Kabylei und Stolz so vieler Kabylen in der ganzen Welt, sangen seinen Namen jeweils schon, bevor Albert Ebossé überhaupt den ersten Ball berührte. So kräftig stürmte er, so sehr hing die Fortüne von ihm ab. Und der 24-jährige Stürmer aus Kamerun, Torschützenkönig der vergangenen Saison, dankte die Zuneigung mit vielen Toren und fröhlichem Torjubel. Nun haben sie ihn getötet, die eigenen Fans. Mit einem Steinwurf von der Tribüne. Aus Frust, aus Wut über eine Niederlage im Spiel.

Es passierte am Samstagabend in Tizi Ouzou, dem Hauptort der Kabylei. Die JSK hatte gerade ihr «Derby» gegen den reichen Hauptstadtverein USM Alger verloren, ihren grössten Rivalen. 1:2. Ebossé hatte das Tor zum zwischenzeitlichen Unentschieden erzielt, hatte an der Eckfahne getanzt, wurde gefeiert. Nach dem Schlusspfiff hob sich der Unmut der Fans. Sie brüllten und warfen Gegenstände auf den Rasen des Stade du 1er Novembre.

Fussball als Ventil

Es war nicht das erste Mal, dass sie so reagierten. Der Fussball dient überall in Algerien als Ventil, die Stadien sind Bühnen des sozialen und politischen Protests, fast ohne Kontrolle. Es gibt keine Überwachungskameras, keine schwarzen Listen für besonders gewaltbereite Ultras. Es heisst gar, die Polizei lasse die Gewalt komplizenhaft zu, weil es immer noch besser sei, dass sich die Jugend im Stadion abreagiere. Fast jedes Wochenende kommt es zu Vorfällen, zu Raseninvasionen und Attacken gegen Schiedsrichter, Spieler, Trainer. Es sind traurige Zustände. Und das gebotene Spektakel ist dürftig.

Die Spieler der JSK wussten also, was sie zu befürchten hatten. Sie rannten zur Treppe, die zu den Umkleideräumen führt. Doch die aufgebrachtesten Anhänger hatten sich mittlerweile in jenem Sektor der Tribüne versammelt, der sich gleich oberhalb der Treppe befindet. Sie warfen mit allem, was sie finden konnten, aus nächster Nähe, verletzten mehrere Spieler. Albert Ebossé wurde von einem Stein am Kopf getroffen, sackte zusammen. Als sie ihn ins Krankenhaus brachten, stand sein Herz schon still.

Nationalspieler spielen im Ausland

In den algerischen Medien wurde am Sonntag die Tragödie wie ein Skandal behandelt, wie die logische Konsequenz einer Kette von längst erkannten, nie behobenen Missständen. Kein einziges algerisches Vereinsstadion erfüllt die Standards des Weltverbands Fifa. Die algerischen Zeitungskommentatoren erinnern wieder daran, dass sich der nationale Fussballverband ohnehin nur für die Nationalmannschaft interessiere, für dieses Team aus begabten Spielern, von denen die meisten im Ausland geboren und aufgewachsen sind, vorab in Frankreich, und die unlängst in Brasilien beinahe den späteren Weltmeister Deutschland aus dem Turnier geworfen hätten. Man nennt sie die «importierte Nationalmannschaft». Nur einige wenige von ihnen haben je in einem algerischen Verein gespielt, in der unglamourösen, heimatlichen Meisterschaft.

Auch für Albert Ebossé war Algerien nur ein Sprungbrett, besser noch: ein Katapult. Er träumte davon, möglichst bald in Europa zu spielen. In Frankreich oder in England. Zwei Vereine aus der französischen Ligue 1 hatten sich zuletzt stark für seine Dienste interessiert, einer war Montpellier. Dessen Trainer Rolland Courbis hatte davor in Algerien gecoacht. Er hielt viel von Ebossé. Er nannte ihn nun einen «super mec», einen Supertypen. Das Interesse aus Europa klang süss nach der Erfüllung des grossen Traums. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2014, 16:43 Uhr

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