Von der Resterampe Richtung Bundesliga

Mit Spielern, die sonst keiner haben wollte, kann Darmstadt 98 heute den Aufstieg in die Eliteklasse des deutschen Fussballs perfekt machen.

Wo bitte gehts in die Eliteklasse? Die Darmstädter stehen kurz vor einem veritablen Fussballwunder.

Wo bitte gehts in die Eliteklasse? Die Darmstädter stehen kurz vor einem veritablen Fussballwunder. Bild: Reuters

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Im August 2013 wäre der SV Darmstadt 98 eigentlich nur noch viertklassig gewesen – und ohne einen einzigen Spieler mit einem gültigen Vertrag für die Regionalliga Südwest. Dann aber entzog der Deutsche Fussball-Bund den Offenbacher Kickers die Lizenz, und der sportliche Absteiger durfte sich noch einmal in der 3. Liga versuchen. Es folgte der wundersame Aufstieg über die Relegation, welche Darmstadt gegen Bielefeld trotz einer 1:3-Niederlage im Hinspiel durch einen 4:2-Auswärtssieg in letzter Minute noch gewann.

Den grössten Anteil am unverhofften Höhenflug hatte ein zuvor notorisch erfolgloser Stürmer mit dem Namen Dominik Stroh-Engel. Der 1,97-Meter-Mann traf in 36 Spielen 28-mal. «Er ist für die Lilien das, was Messi auf der Playstation ist: Man gebe ihm den Ball, und er befördert ihn schon irgendwie ins Tor», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Angekommen in der 2. Bundesliga, war der Fast-Viertligist Darmstadt 98 für die versammelte Expertenschar Abstiegskandidat Nummer 1. Doch, oh Wunder, die von Trainer Dirk Schuster geforderte und geförderte Mischung aus Demut, Laufbereitschaft und Kampfkraft setzte sich auch eine Klasse höher so gut durch, dass die Darmstädter als Tabellenzweiter in die letzte Runde gehen. Gewinnen sie daheim gegen den Abstiegskandidaten FC St. Pauli, ist die grösste Aufstiegssensation der Bundesliga-Geschichte perfekt. Selbst der SC Paderborn, der im letzten Jahr den Sprung ins Oberhaus schaffte, ist verglichen mit Darmstadt ein Arrivierter.

Vom blinden Huhn zum Leistungsträger

Schuster, der zum Karlsruher Jahrhundert-Team gehörte, das im Uefa-Cup Valencia mit 7:1 bezwang, setzt bei der Zusammenstellung des Kaders nicht auf vergangene Meriten oder grosse Namen, sondern auf sein Bauchgefühl. Ein sympathischer Spieler, der sich neu beweisen will, ist für den Coach ein guter Spieler. Marcel Heller, der im Mittelfeld eine tragende Rolle spielt, lotste Schuster etwa vom Viertligisten Alemannia Aachen ans Böllenfalltor, die baufällige Heimstätte seines Vereins.

Heller ist neben Abwehrchef Romain Brégerie und Mittelfeldmann Tobias Kempe einer von drei Spielern beim SV 98, die einst bei Dynamo Dresden aussortiert wurden. Der Flügel, in der Jugend als Supertalent gefeiert, stand in Dresden im Ruf, ein schnelles, aber eben auch blindes Huhn zu sein. Kempe galt als physisch stark, aber hölzern, Brégerie schliesslich machte die Dynamo-Fans nervös, weil er sich immer wieder Aussetzer in den dümmsten Momenten leistete. In Darmstadt sind vor allem Brégerie und Heller absolute Leistungsträger. Mit «Kicker»-Notenschnitten von 2,9 und 2,8 gehören sie zu den am höchsten bewerteten Spielern der Liga. Dumm nur, dass der Verteidiger gegen St. Pauli wegen einer Ampelkarte im letzten Spiel fehlt.

Zuversichtlicher Captain, marodes Stadion

Captain Aytaç Sulu, ein 29-jähriger Deutsch-Türke, der seine erste Saison im Bundesliga-Unterhaus bestreitet, glaubt trotzdem fest an den Aufstieg. «Wir wissen, was es braucht, um in solch einem Endspiel erfolgreich zu sein», sagt er mit Blick auf die Duelle mit Bielefeld im vergangenen Jahr. «Das haben wir im Hinterkopf, und das ist vielleicht ein Pluspunkt gegenüber St. Pauli. Wir wissen, in welchen Situationen man cooler sein muss und in welchen man heisser sein muss.»

Die Infrastruktur hinkt der Entwicklung der Mannschaft freilich gewaltig hinterher. Das Stadion hat seit drei Jahrzehnten keine nennenswerten Veränderungen mehr durchgemacht und ist entsprechend marode. «Das einzig Neue ist die Sauna, die ist erst 20 Jahre alt», lautet einer der Lieblingsscherze von Trainer Schuster. Weil es am Böllenfalltor zudem nur wenige Sitzplätze gibt, beträgt der Erlös pro Zuschauer gerade einmal 10 Euro. Damit kann man keine grossen Sprünge machen. Aber eben: Manchmal ist ein Team mit einem Budget von 6 Millionen Euro trotzdem besser als eines mit einem 25-Millionen-Etat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.05.2015, 09:06 Uhr

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