Was der geheime Fifa-Bericht enthüllt

Geschenke, Gratisreisen, verschollene E-Mails: Der «Garcia-Report» ist die bisher detaillierteste Aufarbeitung der Korruption im Weltfussball.

Ein Lächeln für die WM: Sepp Blatter mit dem Emir von Katar (links). Foto: Michael Probst (AP)

Ein Lächeln für die WM: Sepp Blatter mit dem Emir von Katar (links). Foto: Michael Probst (AP)

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Der Emir von Katar? 53 Mal erwähnt. Sepp Blatter? 85 Mal. Das Wort «missbräuchlich»? 42 Mal.

Zwei Jahre und neun Monate lang waren die 430 Seiten unter Verschluss. Nun hat der Weltfussballverband Fifa den sogenannten Garcia-Report veröffentlicht – und zum Vorschein kommt eine endlose Liste von Geschenken. Gratisreisen in Privatjets. Vertrauliche Deals auf Regierungsebene. Job-Angebote für Familienmitglieder. Exklusive Treffen mit Barack Obama, Wladimir Putin oder dem englischen Premier James Cameron. Und: plötzlich unauffindbare E-Mails.

Vieles, was der Bericht aufarbeitet, ist bereits öffentlich bekannt – zum Beispiel die Rolle des katarischen Funktionärs Mohamed Bin Hammam, dessen Zahlungen an alle möglichen Amtsträger schon rund um den Globus für Schlagzeilen gesorgt haben. Neu ist der Detailgrad und die Dichte der Vorwürfe: Der Bericht ist die bisher ausführlichste Zusammenstellung der korruptionsverseuchten Amigo-Kultur im Weltfussball.

Bereits am 4. September 2014 hatten die Fifa-Ermittler Michael Garcia und Cornel Borbély ihr Papier der Fifa abgeliefert. Der Auftrag hatte gelautet, die Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 nach Russland und Katar zu untersuchen. Die Fifa schickte den Bericht danach mit einer Strafanzeige an die Bundesanwaltschaft – und entschied aus rechtlichen Gründen, nur eine Zusammenfassung zu publizieren. Weil diese seiner Meinung nach zu positiv ausfiel, trat Chef-Ermittler Garcia zurück.

Nun hat die Fifa ihre Meinung zur Geheimhaltung geändert. In einem Statement schreibt sie, der neue Präsident Gianni Infantino sei schon länger für eine Publikation gewesen, aber die inzwischen nicht wiedergewählten Ethiker Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert hätten sich dagegen ausgesprochen. Diese hatten mit dem Schutz von Zeugen und Ermittlungen argumentiert.

Nur ein Bewerber war sauber

Im Report fehlt ein direkter Beweis dafür, dass die Weltmeisterschaften von 2018 oder 2022 gekauft waren. Garcia und Borbély stellen aber auch fest, dass sie nicht alle Beweise zusammentragen konnten – sie waren keine Staatsanwälte. Sie hatten nicht die Macht, Dokumente zu beschlagnahmen oder Razzien durchzuführen. So konnten sie nichts tun, als das russische Bewerberteam ihnen mitteilte, dass es nicht gelungen war, bei Google die E-Mails aus der Zeit des Bewerbungsprozesses herauszuverlangen – und dass die Computer nicht mehr auffindbar waren, auf welchen die Mails gespeichert gewesen waren. Auch das spanisch-portugiesische Komitee teilte mit, dass der Mailverkehr aus jener Zeit nicht mehr aufzufinden sei. Schliesslich seien seither drei, vier oder gar fünf Jahre vergangen.

Am Ende ihrer Ermittlungen stellten Garcia und Borbély ernüchtert fest: Von neun Bewerbungen, welche die WM 2018 oder 2022 in ihr Land holen wollten, war nur eine vollkommen sauber: Holland/Belgien.

Im Fall der USA und Japan stiessen die Ethiker nur auf leichte Unregelmässigkeiten – eine auffällige Reise-Einladung hier, Gratis-Digicams und kunstvoll gefertigte Handtaschen dort. Bei Russland und ­Spanien liessen sich infolge fehlender ­Beweise keine Verstösse feststellen.

Bei England dagegen, dessen Vertreter zu den lautesten Kritikern der grassierenden Korruption gehört hatten, häuften sich die Missstände. Es begann mit Jack Warners Treiben. Der Funktionär aus Trinidad und Tobego, inzwischen lebenslang gesperrt, amtete vor der WM-Vergabe als Fifa-Vizepräsident und war als Mitglied des Exekutiv-Komitees ein mächtiger Mann im Weltfussball. Er bombardierte das englische WM-Komitee geradezu mit Anfragen: ob man dem Sohn seines Bankers einen Job verschaffen könne? Man konnte, beim Club Aston Villa. Ob man dem U-20-Team von Trinidad und Tobago ein Trainingslager in England organisieren könne? Kein Problem, kam zurück – ob eine Woche in Sheffield samt Hotel, Transport und Freundschaftsspielen genehm sei?

Die Einflussnahme auf die Abstimmung beschränkte sich nicht auf solche Gefallen. Komitee-Präsident Geoff Thompson gab während einer Befragung zu, mit dem Leiter der südkoreanischen Bewerbung einen Pakt geschlossen zu haben: Du stimmst für mich, ich für Dich. Die Absprache fand kurz vor der Abstimmung im Dezember 2010 im Zürcher Hotel Baur au Lac statt – laut Report in Anwesenheit des englischen Premiers David Cameron und Prinz Williams. Der Südkoreaner bestritt den Deal, aber Garcia und Borbély halten fest, Thompson sei glaubwürdiger.

Eine zweite Absprache, die schon länger in den Medien kursiert, ging noch weiter: sieben der 24 abstimmungsberechtigten Funktionäre sollen eine Allianz geschlossen haben, um für Spanien/Portugal 2018 und Qatar 2022 zu stimmen. Die Betroffenen bestreiten den Vorwurf durchs Band; Garcia und Borbély fanden dafür keinen hieb- und stichfesten Beweis.

Geschenke aus der Wüste

Das längste Kapitel des Berichts ist Katar gewidmet – 122 Seiten. Darin ist zum Beispiel eine Reise des Emirs nach Brasilien dokumentiert – zu dem Treffen wurden südamerikanische Funktionäre eingeflogen und mit «nice gifts» beschenkt. Darin finden sich auch Zahlungen des damaligen katarischen Fifa-Vizepräsidenten Mohammed bin Hammam an afrikanische Fifa-Vertreter und eine Zwei-Millionen-Pfund-Überweisung an die 10-jährige Tochter des brasilianischen Verbandsmanns Ricardo Teixeira. Aber auch hier fand sich kein direkter Beweis für Bestechung.

Mail aus dem Präsidentenbüro

Im Zuge der Untersuchung stiessen die Ermittler an unerwarteten Stellen auf interessantes Material. Zum Beispiel bei Christine Botta, Sepp Blatters Bürochefin: Sie nutzte ihre Stellung, um für ihren Mann Kontakte zu Katars Organisationskomitee einzufädeln: «Kann ich Dich um einen Gefallen bitten – ich bräuchte den Kontakt zu Hassan Al-Thawadi, dem CEO der Katar-Bewerbung», schrieb sie 2010 an einen katarischen Mitarbeiter. Charles Botta, Architekt, war mit seiner Firma in der Vergangenheit bei WM-Turnieren für die Stadien zuständig gewesen und hoffte darauf, auch in Katar wieder Aufträge zu erhalten. Die Ermittler schrieben dazu: «Diese E-Mails waren unangemessen. [...] Christine Botta scheint ihre Position zu ihrem Vorteil ausgenutzt zu haben.» Und: «Für hochrangige Mitarbeiter im Präsidentenbüro und andere Angestellte in ähnlichen Positionen scheint ein Ethik-Training angemessen.»

Und Sepp Blatter selbst? Garcia und Borbély schreiben, der langjährige Präsident habe viele wichtige Reformen umgesetzt und sei verantwortlich dafür, dass es den Report überhaupt gebe. Auf der anderen Seite sei er aber auch für die Fehler der Fifa verantwortlich, für die Intransparenz, für die Bevorzugung einiger Insider, für die korruptionsanfällige Doppelvergabe der Turniere.

Zwei sind übrig

Nachdem sie ihren Bericht abgeschlossen hatten, erhielten die Fifa-Ethiker Hilfe aus den USA: New Yorker Staatsanwälte hatten während Jahren im Geheimen gegen Dutzende Funktionäre ermittelt. Die Verhaftungswelle im Mai 2015 in Zürich – und das Offenlegen der dazugehörigen Beweise – führte zu einer Flut von Sperren. Von den 24 Fifa-Funktionäre, die 2010 über die WM-Vergaben 2018 und 2022 abstimmten, wurden 13 aus dem Fussball ausgeschlossen, einer verstarb, einer musste wegen Interessenkonflikten abtreten, einer wurde abgewählt, sechs haben ihre Karriere beendet. Zwei sind noch im Amt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2017, 23:39 Uhr

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