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Was haben die Schweizer eigentlich im Training gemacht?

Mit dem Sieg über Montenegro gab Wales der Schweiz im EM-Rennen die Hoffnung zurück. Das Team von Ottmar Hitzfeld nutzte gegen Bulgarien die Chance. Doch das 3:1 war keineswegs souverän herausgespielt.

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Der Schweizer Nationaltrainer war vor dem Spiel gegen die Bulgaren in Basel zum Risiko gezwungen. Im Vergleich zum 0:0 in Sofia waren nur noch vier Spieler in der Startelf verblieben: Lichtsteiner, Ziegler, Inler und Dzemaili. Frei, Streller und Grichting haben inzwischen ihren Rücktritt erklärt. Stocker und Von Bergen sind verletzt, Behrami gesperrt und Wölfli diesmal nur Ersatz.

Weil auch Hakan Yakin bei Hitzfeld zurzeit keine Rolle spielt, bleibt ihm keine andere Wahl, als auf die Karte Jugend zu setzen. In der Offensiv-Abteilung standen gegen Bulgarien der 18-jährige Granit Xhaka, der 19-jährige Xherdan Shaqiri, der 20-jährige Admir Mehmedi und als ältester Spieler, der 23-jährige Eren Derdiyok, in der Stammformation.

Mit Xhaka pokerte Hitzfeld hoch

Die Voraussetzungen waren für dieses Spiel nicht gut. Torhüter Diego Benaglio hat zuletzt mit Wolfsburg keinen souveränen Eindruck wie sonst gemacht. Arsenals Innenverteidiger Johan Djourou wurde gegen Manchester United bei der 2:8-Niederlage geradezu zerzaust. Djourous Abwehrpartner in der Nationalmannschaft, Philippe Senderos, sass zuletzt bei Fulham nur auf der Ersatzbank – wie auch Eren Derdiyok in Leverkusen. Reto Ziegler ist bei Juventus Turin nicht mehr erwünscht und wurde in die Türkei zu Fenerbahce Istanbul abgeschoben.

Zudem haben Stephan Lichtsteiner, Gökhan Inler und Blerim Dzemaili wegen des Streiks in der italienischen Serie A noch keinen Ernstkampf bestritten. Doch das grösste Risiko ging Hitzfeld ein, indem er Granit Xhaka in die Startelf beordert hat. Der Basler hat in dieser Saison in sieben Runden gerade mal zehn Minuten für den Meister gespielt, weil er mit einem Innenbandanriss verletzt hatte Forfait erklären müssen.

Die Zuordnung fehlte

«Die Frage ist, kann man es mit Granit Xhaka riskieren», sagte Hitzfeld im Vorfeld der Partie. Die Antwort erhielt der Deutsche auf dem Platz. Er pokerte hoch und gewann das Spiel, auch wenn Xhaka unter dem Strich eine mittelmässige Leistung ablieferte. Hitzfeld hatte seine Mannschaft erstmals vor einem Spiel eine Woche zur Vorbereitung zur Verfügung gehabt. Man muss sich schon fragen, was die Schweizer in dieser Zeit im Training gemacht haben. Denn schon in der 9. Minute fehlte bei einem stehenden Ball die Zuordnung. Nach einem Eckball war die Schweizer Hintermannschaft unsortiert und absolut nicht im Bilde. Nachdem Benaglio den Kopfball von Stiliyan Petrov noch hatte abwehren können, war dann Verteidiger Ivan Ivanov zur Stelle und konnte erben, weil sich kein Schweizer für den Bulgaren verantwortlich fühlte.

Die Leidenschaft kehrte das Spiel

Das taktische Konzept von Hitzfeld war bereits über den Haufen geworfen. Zumindest zeigten die Schweizer nach dem Rückstand Leidenschaft, übten einen gewaltigen Druck auf das gegnerische Tor aus und provozierten im Spiel eins gegen eins gefährliche Freistösse. Offensichtlich war aber auch, dass den Schweizern auch bei stehenden Bällen nicht eben viel einfiel. Ziegler schoss einen Freistoss weit über die Latte, Derdiyok den nächsten in die Mauer. Und als Shaqiri vor der Pause einen Eckball zu weit schlug und gleich wieder ins Aus beförderte, konnte man sich getrost wieder die Frage stellen: Was haben die Schweizer im Training gemacht?

Die erste wirklich gelungene Kombination führte nach einem Doppelpass zwischen Derdiyok und Shaqiri zum Auslgleich durch den kleinen Basler Stürmer. Kurz vor der Pause, in der 48. Minute, zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt. Die Schweizer blieben prompt am Drücker. Und Shaqiri war zum zweiten Mal zur Stelle, als man ihn brauchte. Er buchte den Führungstreffer. Als die Schweizer in der Schlussphase die Führung nur noch verwalten wollten, hätte dieser grosse taktische Fehler beinahe fatale Folgen gehabt. Die Gäste kamen noch zu zwei Ausgleichschancen. Shaqiri machte dann mit seinem herrlichen dritten Treffer alles klar.

Die Barrage wieder in Sichtweite

Die Schweiz ist wieder im EM-Rennen und kann aus eigener Kraft Montenegro noch abfangen und die Barrage erreichen. Der Sieg über die Bulgaren ist jedoch alles andere als souverän zustande gekommen. Die Klasse von Xherdan Shaqiri bewahrt Hitzfeld nach der 0:1-Niederlage in Montenegro und dem enttäuschenden 0:0 von Sofia vor einer weiteren Blamage in dieser EM-Qualifikation.

Erstellt: 07.09.2011, 06:06 Uhr

Thomas Niggl leitet das Ressort Sport von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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