«Was heisst schon verrückt?»

Nach Real Madrid und Manchester City trainiert Manuel Pellegrini Hebei China Fortune. Er sagt, was 20 Millionen Franken Ablöse aus einem chinesischen Fussballer machen.

Mit Ball und Luft nach oben: Chinesische Buben beim Kopfballtraining. Foto: Wang He (Getty Images)

Mit Ball und Luft nach oben: Chinesische Buben beim Kopfballtraining. Foto: Wang He (Getty Images)

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Sie haben zwei der grössten Vereine des Weltfussballs trainiert. Jetzt arbeiten Sie bei einem, den es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Wann haben Sie den Namen Ihres neuen Clubs zum ersten Mal gehört?
Das war, einige Monate bevor ich den Vertrag unterschrieb. Ich hatte auch ­andere Angebote aus China vorliegen. Im Rahmen der Sondierung habe ich mich dann zum ersten Mal mit Hebei China Fortune beschäftigt.

Wieso haben Sie sich für diesen Verein entschieden?
Der Präsident hat sich sehr um meine Verpflichtung bemüht. Er ist ­eigens nach Chile gereist, um mich dort zu besuchen und mir seine Vision vor­zustellen, die er für seinen Verein ent­wickelt hat. Dieser soll jedes Jahr kontinuierlich wachsen, und der Präsident hat sich zum Ziel gesetzt, ihn in China an die Spitze zu führen. Dieses Engagement hat mich überzeugt. Und bislang geht das Konzept auch auf. Der Verein ist 2015 in die erste Liga aufgestiegen und hat sich in der vergangenen Saison gleich in der oberen Tabellenhälfte der Super League etabliert.

Welche Rolle hat bei Ihrer ­Entscheidung das Geld gespielt?
Wenn man sich für einen neuen Arbeitsplatz entscheidet, spielt Geld natürlich auch immer eine Rolle. Aber es ist sicher nicht das einzige Argument. Es geht um das Gesamtpaket. Sportliche Perspektiven und gemeinsame Vorstellungen über den richtigen Weg müssen zwingend vorhanden sein, sonst ergibt es ­keinen Sinn.

Ihr Club hat für einen chinesischen Nationalspieler von Beijing Guo’an, der mit einem Marktwert von einer halben Million ­gehandelt wurde, über 20 Millionen Franken ausgegeben. Sind solche Transfersummen nicht völlig verrückt?
Was heisst schon verrückt? Ein Spieler ist immer das wert, was ein Club bereit ist, für ihn auszugeben. Wir haben uns entschieden, dass wir die besten chinesischen Spieler nach Hebei holen wollen, um unser Potenzial weiter zu ­erhöhen und der Konkurrenz die Stirn zu bieten. Die Zahl der Ausländer ist begrenzt, also muss man heimische Spieler suchen, die einen weiterbringen.

Aber wird der Druck nicht viel zu gross für die Spieler, wenn plötzlich 20 Millionen für sie fliessen, ­obwohl sie im internationalen Vergleich nur einen Bruchteil davon wert sind?
Druck ist wichtig für die jungen chinesischen Spieler. Wenn sich der Fussball im Land weiterentwickeln soll, dann müssen die Profis lernen, mit solchen Dingen umzugehen. Der Druck wird ja nicht weniger, je stärker eine Liga wird.

Die vergangene Saison schloss Ihre Mannschaft als Aufsteiger auf dem siebten Platz ab. Was erhoffen Sie sich für die neue Spielzeit?
Wir sind bereit, die grossen Teams wie Guangzhou Evergrande oder Shanghai SIPG im Titelkampf heraus­zufordern. Wir haben uns gut verstärkt und im Trainingslager gut gearbeitet.

Sie haben im September letzten Jahres ihren Dienst angetreten. Waren sie vorher überhaupt schon einmal in China?
Ich war schon in Shanghai und in Hongkong. Insofern war China kein völliges Neuland für mich. Aber natürlich ist es ein Unterschied, eine Stadt nur für ­einige Tage zu besuchen oder seinen ­Lebensmittelpunkt dorthin zu verlegen.

Jetzt leben Sie in Qinhuangdao, einer 2,7-Millionen-Stadt knapp 300 km östlich von Peking. Gefällt es Ihnen?
Die Stadt ist wunderschön. Sie liegt ­direkt am Meer. Vielleicht ein bisschen weit weg von den grossen Metropolen, aber um hier zu arbeiten, ist es völlig okay. Bislang habe ich mich aber weit­gehend mit meiner Arbeit beschäftigt und wenig Zeit gehabt, die Stadt zu ­geniessen. Ich habe die Mannschaft erst gegen Ende der vergangenen Saison ­mitten im Spielbetrieb übernommen und bin nach Saisonende erst einmal wieder weg aus China. Da blieb mir nicht viel Zeit, um das Umfeld genauer kennen zu lernen.

Ist der chinesische Fussball besser als sein Ruf?
Das glaube ich schon. Natürlich sind wir hier nicht in England oder Deutschland. Mit den europäischen Spitzenligen kann China noch nicht mithalten. Aber die Fussballbegeisterung im Land ist sehr gross, und es gibt ausreichend finanzielle Möglichkeiten. Viele ausländische Spitzenspieler finden inzwischen den Weg in das Land und heben das Niveau. Die Basis für eine positive Entwicklung ist also gegeben.

Wie integrieren sich die ausländischen Spieler in die Mannschaft? Viele scheitern daran, weil sie sprachlich komplett isoliert sind.
Auch das ist natürlich eine Herausforderung für die Spieler, die hier einen ­Vertrag unterschreiben. Aber mein Eindruck ist, dass das bislang gut funktioniert. Die ausländischen Spieler vermitteln, dass sie sich integrieren wollen.

Schaden die zum Teil gewaltigen Gehaltsunterschiede zwischen ausländischen Stars und chinesischen Spielern der Harmonie?
Gehaltsunterschiede gibt es überall im Fussball. Ich denke, die chinesischen Spieler akzeptieren das. Solange alle das gleiche Ziel erreichen wollen, gibt es keine Probleme.

Wie kommunizieren Sie mit Ihrer Mannschaft?
Ich benötige einen Dolmetscher, um mit den chinesischen Spielern zu sprechen. Englisch funktioniert da leider nicht. Das geht nur mit den Ausländern. Mit Ezequiel Lavezzi kann ich aber beispielsweise auch Spanisch sprechen, weil er Argentinier ist.

Kostet Sie der Umweg über den Dolmetscher viel Energie?
Ja, das ist schon anstrengender, als wenn man sich direkt mit den Spielern austauschen kann. Es macht die Sache komplizierter. Die Herausforderung ist, dass auch meine Emotionen und Leidenschaft transportiert werden müssen, denn die sind natürlich unmittelbarer Bestandteil meiner Art und Weise, eine Mannschaft zu trainieren. Der Dolmetscher hat deswegen eine sehr wichtige Rolle.

Sind Sie zufrieden mit Ihrem?
Ja, das läuft bislang gut. Ausserdem habe ich begonnen, ein wenig Chinesisch zu lernen.

Was können Sie denn schon sagen?
Noch nicht so viel. «Ni hao» vielleicht, also «hallo».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 23:41 Uhr

Manuel Pellegrini
Der Chilene Manuel Pellegrini holte in einer Saison mit Real Madrid mehr Punkte als jeder andere Trainer vor ihm. Dennoch reichte es 2010 nur zum zweiten Platz, und er wurde entlassen. Besser lief es für ihn bei Manchester City, mit dem er 2014 als erster nicht europäischer Trainer den Titel in der Premier League gewann. Seit Sommer 2016 steht der 63-Jährige in China unter Vertrag, wo am Freitag die neue Saison der Super League begann. Sein Club Hebei China Fortune ist in der Provinz Hebei zu Hause, genauer in Qinhuangdao. Die 2,7-Millionen-Stadt liegt östlich von Peking am Gelben Meer. Mit dem TA sprach Pellegrini in Andalusien während eines Trainingslagers.

Begierden eines Fussballniemands

60'000 Fussballplätze und 50'000 Nachwuchsakademien im Land, Teilnahme und Siege an internationalen Endrunden: Die Ziele von Chinas Staatspräsident Xi Jinping für seinen Lieblingssport Fussball haben es in sich. Praktisch vom Reissbrett soll das Land eine globale Fussballmacht werden. Und weil der Präsident die Clubbesitzer mit Steuererleichterungen lockt und eine Nähe zu ihm guttut, versuchen diese mit prominenten Namen wie Lavezzi, Oscar oder Hulk dem chinesischen Fussball zu zusätzlichen Glanz zu verhelfen.

Doch dieses Streben nach internationaler Grösse hat seinen Preis für den chinesischen Fussball. Die Wintertransfers haben zu einer unheimlichen Kostenexplosion geführt. Zudem nehmen die Fussballimporte den chinesischen Spielern die Plätze in den Mannschaften weg. Kommt dazu, dass es in China keine Nachwuchsligen gibt. Jugendteams müssen teilweise monatelang auf das nächste Spiel warten. Also hat die chine­sische Liga ihre Regeln angepasst: Künftig dürfen statt vier nur drei Ausländer pro Team spielen. Bei jedem Club müssen pro Partie mindestens zwei Nachwuchsspieler, die jünger als 22 sind, im Kader stehen.

Tatsächlich hat Chinas Fussball zuletzt international wenig erreicht: 2002 schaffte es die Nationalmannschaft letztmals an eine WM-Endrunde. 2004 wurde sie bei der Asienmeisterschaft Zweite, doch seither dümpelte sie im Niemandsland herum – auch die WM 2018 wird sie verpassen. (czu)


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