Weiler wirbelt

Der 43-jährige Winterthurer René Weiler schlägt als Trainer von Anderlecht ein hohes Tempo an. Er ist direkt im Umgang mit Spielern und Medien – und getrieben vom Ehrgeiz, belgischer Meister zu werden.

Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zeichnet René Weiler aus – «ohne geht es nicht, aber es darf nicht aufgesetzt sein», sagt er. Foto: Getty Images

Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zeichnet René Weiler aus – «ohne geht es nicht, aber es darf nicht aufgesetzt sein», sagt er. Foto: Getty Images

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Manchmal breitet er die Arme aus wie ein Pfarrer, manchmal dreht er ab und kommentiert vor seinen Assistenten auf der Bank, was falsch gelaufen ist. Manchmal lehnt er sich zurück und schaut genüsslich zu, wie seine Spieler jubeln. Am Ende wird der Trainer gefragt: «Zufrieden, Monsieur Weiler?» Er nickt: «Sehr zufrieden.» Die meisten der 18'800 Zuschauer sind es auch, das 3:1 Anderlechts gegen Sint-Truidense entschädigt sie dafür, dass sie den Sonntagabend bei eisiger Kälte im engen Brüsseler Constant-Vanden-Stock-Stadion verbracht haben.

Der Königliche Sportclub (RSC) ist ideal ins neue Jahr gestartet, ganz den Ambitionen entsprechend. Nach 22 Meisterschaftsrunden belegt das Team Platz 2, nur zwei Punkte trennen es von Leader Brügge. Und in der Europa League ist Anderlecht auch noch vertreten, im Sechzehntelfinal wartet Zenit St. Petersburg. Es ist spät am Sonntag, als René Weiler sagt: «Es entwickelt sich hier vieles in die gewünschte Richtung.»

Es fängt alles im Juni 2016 an, als der belgische Grossclub, dekoriert mit 33 Meistertiteln, einen neuen Trainer sucht. Einer «mit Ecken und Kanten» soll es sein, «Durchsetzungsvermögen» gehört ebenfalls zum Anforderungsprofil, was irgendwie nach einiger Aufräumarbeit tönt. Nach der Absage des Franzosen Claude Puel rückt Weiler auf der Liste ganz nach oben, ein Schweizer, der immer noch Trainer des Zweitbundes­ligisten 1. FC Nürnberg ist. Die Belgier treffen den Kandidaten ein erstes Mal in Zürich, sie laden ihn nach Brüssel zu einem ausführlichen Gespräch ein. Anderlecht ist angetan, Weiler ist angetan, das Ergebnis: Einigung.

Weiler drängt auf den sofortigen Ausstieg aus dem bis 2017 laufenden Vertrag in Nürnberg und erreicht dieses Ziel. Wie in Schaffhausen und in Aarau schon geht er vorzeitig, aber nicht lautlos. Für die «Sport-Bild» ist er «die grösste Ich-AG», für die Fans ein Abtrünniger. «Ich verstehe die kritische Haltung», gibt er zu, «aber dazu eine Gegenfrage: Wie oft kommt es vor, dass ein Club den Trainer vorzeitig entlässt?» Und eine Bemerkung folgt auch noch: «Jeder Verein hat finanziell davon profitiert, dass ich ­gegangen bin. Das wird gern verschwiegen.» Anderlecht gibt ihm einen Zweijahresvertrag und überweist 800'000 Euro auf Nürnbergs Konto.

In Uccle, einem vornehmen Brüsseler Quartier, bezieht Weiler eine Wohnung. Natürlich hat er sich Gedanken darüber gemacht, ob die Stadt, die im vergangenen Jahr von Terrorattentaten erschüttert worden ist, wirklich sein vorüber­gehender Arbeitsort werden soll. «Wenn meine Frau gegen den Wechsel gewesen wäre, hätte ich abgesagt.»

Der Anruf von Antonio Conte

Er erhält also einen Chefposten in einem Unternehmen mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Er nennt es «ein Privileg». Und erzählt von den hochprofessionellen Bedingungen im grosszügigen Trainingszentrum, der medizinischen Versorgung, den filigranen Köchen, den Flügen in einer Chartermaschine zu den Europacupspielen, der Begeisterung im Umfeld, von einem plötzlichen Anruf von Chelseas Trainer Antonio Conte, der ihm einen seiner Spieler empfohlen hat. All das lässt Weiler zum Schluss kommen: «Anderlecht ist eine Topadresse.»

Der 43-Jährige aus Winterthur ist in Belgien mit dem Ehrgeiz und einer Überzeugung unterwegs, die ihn schon immer ausgezeichnet haben. Als Jugendlicher ist der Sohn eines Kriminalpolizisten Fan des EHC Kloten, ein Leibchen von Peter Schlagenhauf mit der «7» ist sein Stolz. Hingezogen fühlt er sich aber stärker zum Fussball. Als er beim FC Winterthur anfängt, demonstriert er sein ­Talent am Ball, er entwickelt auch ein strategisches Denkvermögen. «Ich habe früh gewusst, wie das Spiel funktioniert und was es braucht, um Erfolg zu ­haben.» Nach abgeschlossener KV-Lehre verlässt er den FC Winterthur, um Profi beim FC Aarau zu werden, wechselt nach einer Saison 1994 zu Servette, 1996 landet er beim FCZ, bestreitet gegen Russland in Hongkong sein einziges Länderspiel, plagt sich mit einer Fussverletzung herum, wird mehrmals operiert.Mit 28 ist Schluss.

Weiler steigt in einer Werbeagentur mit einem Teilzeitpensum als Berater ein, erwirbt Trainerdiplome, studiert Kommunikation und Leadership, wird beim FC Winterthur unter anderem sportlicher Leiter und lernt Hannes W. Keller kennen. Der Präsident bringt ihm etwas besonders bei: «Alles muss auf den Tisch.» Was so viel heisst wie: Sag, was du denkst. An diesen Grundsatz hält er sich, als er später in St. Gallen Sportchef und dort von Edgar Oehler angegriffen wird. Der Investor spottet, Weiler tauge höchstens zum Papierkorbleerer. Die ­Replik: «Oehler hat kaum Ahnung.» 2007 endet das Kapitel mit der Entlassung. Heute sagt Weiler zwar, er würde die Botschaft in andere Worte verpacken, sich aber immer noch unmissverständlich äussern: «Jeder meint, bestens Bescheid zu wissen im Fussball.» Solche Leute nennt er «Tagesplauderi».

Giftige Tonalität der Zeitungen

Weiler übernimmt die U-16 von GC, bevor die Reise nach Schaffhausen und über Aarau und Nürnberg nach Belgien führt. Er beobachtet, wie sich Kollegen verhalten, an der Seitenlinie, vor der Fernsehkamera, an der Pressekonferenz. Er will niemanden kopieren, findet aber ein Vorbild, was Spielphilosophie und Akribie angeht: Lucien Favre.

Wo Weiler auftritt, was er tut, wie er redet – zum Vorschein kommt stets sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. «Ohne geht es nicht, aber es darf nicht aufgesetzt sein», sagt er, «und dieses Selbstbewusstsein möchte ich den Menschen um mich herum vermitteln.» Wenn ihm zuweilen Arroganz vorgehalten wird, entgegnet er: «Es interessiert mich nicht mehr, was über mich gedacht wird von Leuten, die mich nur oberflächlich kennen.»

Nach ein paar Wochen verschärft sich die Tonalität in den Zeitungen, ihm schlagen giftige Kommentare entgegen, weil er es wagt, am Status vermeintlicher Leistungsträger zu rütteln. Als sich etwa der 35-jährige Olivier Deschacht im Herbst darüber beklagt, dass er nicht auf der rechten Seite verteidigen könne, sondern nur links, reagiert Weiler auf­gebracht: «Wir spielen Fussball im Jahr 2016, mein Gott! Da wird einer mit 560 Partien für Anderlecht wohl fähig sein, einmal auf einer ungewohnten Position Leistung zu bringen!»

Weiler legt sich mit Journalisten an, wenn er findet, ungerecht behandelt zu werden, mittlerweile verweigert er einzelnen gar die Auskunft. «In Belgien ist man entweder für oder gegen ihn. Dazwischen gibt es nichts», sagt Stephan Kygnaert, der Fussballchef der Tages­zeitung «Het Laatste Nieuws», «Weilers direkte Art ist für viele ungewohnt. Stellt einer eine dumme Frage, sagt er, dass er sie dumm findet.» Und: «Anderlecht gilt in unserem Land als unantastbare Institution wie PSG in Frankreich oder Ajax in Holland. Wehe, es getraut sich einer, etwas zu hinterfragen. Weiler hat aber genau das gemacht – mit Recht: Wenn Anderlecht zweimal in Folge nicht Meister wird, kann nicht alles gut sein.» Aber er merkt auch an: «Wenn Weiler eine ganz grosse Karriere machen will, muss er lernen, diplomatischer zu werden.»

Unbeirrt geht Weiler voran, er lehnt sich gegen alles Lethargische auf, ohne den Anspruch zu haben, an seinem ­Beliebtheitsgrad zu feilen: «Ich muss in diesem Beruf vor allem gut sein.» Er kennt die Hauptregel, die in der realen Welt gilt: «Als gut angesehen wird, wer gewinnt. Also: Es zählt nur der Sieg.» Und Siege kann er einige vorweisen: Er führte Aarau aus dem grauen Challenge-League-Mittelmass in die Erstklassigkeit, Nürnberg aus dem Niemandsland der 2. Liga an die Schwelle zur Bundesliga, und mit Anderlecht ist er nun auch auf Kurs.

Vom Leben leiten lassen

In Belgien kommt sich Weiler zuweilen vor «wie in einem Schnellzug, so rasend schnell geht alles». Ihm fällt es schwer, Gedanken an den Fussball ruhen zu lassen, zu entschleunigen. Er sieht sich mittendrin in einer Mission, die es zu erfüllen gilt – und erfüllen heisst: belgischer Meister werden. David Sesa und Thomas Binggeli assistieren ihn, sie sind nicht nur zwei Landsleute, sondern auch die beiden engsten Vertrauten. Und er, Weiler, entscheidet am Ende.

Sind Sie autoritär? «Das ist jeder Trainer.» Haben Sie bei Anderlecht einen Traumjob? Ein Lächeln. «Der Job ist faszinierend, aber ist er auch ein Traum?» Pause. «Nein, sonst würde ich ständig ­lachen und wäre ich endlos beflügelt. Das geht nicht. Ich stehe unter immensem Druck und dauernd unter Beobachtung.» Und was kommt als Nächstes, nach Anderlecht? «Keine Ahnung. Ich weiss nicht, ob ich in fünf Jahren noch Trainer bin. Ich möchte mich vom Leben leiten lassen.»

Für Journalist Keygnaert hängt Weilers Zukunft bei Anderlecht ganz davon ab, was bis zum Saisonende passiert: «Wird er Meister, darf er bleiben. Wenn nicht – ist er weg.» Und Weiler sagt: «Wenn es vorbei ist, werden sie es mir schon sagen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2017, 22:37 Uhr

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