Weisse Tinte, weisses Papier

Was ein Investmentmanager, ein Schriftsteller und ein Fussballer mit dem Cupfinal 1980 verbindet.

«Ich liebe die Ungerechtigkeit mehr als die Unordnung»: Als Sion-Trainer hatte Daniel Jeandupeux sich diesen Satz vor dem Cupfinal 1980 herausgestrichen.

«Ich liebe die Ungerechtigkeit mehr als die Unordnung»: Als Sion-Trainer hatte Daniel Jeandupeux sich diesen Satz vor dem Cupfinal 1980 herausgestrichen. Bild: Archiv/Keystone

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Von Philip Collins zu Henry de Montherlant zu Daniel Jeandupeux zu Jure Jerkovic. Manchmal führt ein Name zum nächsten, zufällig, und zu einem nächsten Gedanken. Und zu Erinnerungen.

Collins war ein früherer ­Investmentmanager und später Chefredenschreiber des damaligen britischen Premierministers Tony Blair, Montherlant ein französischer Schriftsteller und Dramatiker, Jeandupeux ein Fussballspieler und -trainer – der Fussballer Jerkovic ist kürzlich 69-jährig gestorben.

Und am Anfang stand ein langes Interview mit Philip Collins im «Spiegel», das Thema war die Kraft der Sprache und die Sehnsucht nach der grossen politischen Rede. Er zitierte in einer Antwort Montherlant, der einmal sagte: «Glück schreibt mit weisser Tinte auf weisses Papier.»

Montherlant? Das war doch ein Name damals am Pfingst­montag 1980 im Stadion von Bern, es hiess noch Wankdorf, Cupfinal zwischen Sion und den Young Boys, und Daniel Jean­dupeux, erst 31-jährig, war der junge Trainer der Walliser. Er stand in Jeans und weissem Hemd am Spielfeldrand. In der Hand hielt er, auch nach dem Schlusspfiff, als die Walliser auf dem Rasen jubelten, ein ­Taschenbuch von Henry de Montherlant, «Les Olympiques» hiess es, und einen Satz hatte sich Jeandupeux noch als Spielvorbereitung herausgestrichen: «Ich liebe die Ungerechtigkeit mehr als die Unordnung.»

Beim Interviewtermin: Fredy Wettstein (l.) vom Tages-Anzeiger befragt Daniel Jeandupeux, der von 1986 bis 1989 die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft trainierte. (Bild: zvg)

Jeandupeux, ein Intellektueller und oft auch Grübler und Zweifler, für den Fussball aber doch nie eine Wissenschaft war und nichts Absolutes, sondern auch ein Spiel mit der Kreati­vität, schrieb Kolumnen und viel Kluges. Er wurde früh Trainer, weil er nach einer schweren Beinverletzung nicht mehr Spieler sein konnte, doch einmal wollte er es nochmals sein, der FC Zürich war mit ihm bereits Meister, es war das letzte Spiel der Saison, und der Trainer Jeandupeux stellte gegen Chênois den Spieler Jeandupeux nochmals auf. 6:0 hiess es am Ende, Jeandupeux schoss ein Tor und gab zwei Vorlagen. Jure Jerkovic war der Star dieser Mannschaft, ein Künstler und Kämpfer, seine genialen Einfälle begeisterten die Zuschauer – und auch den Trainer, sagt Jeandupeux.

Jeandupeux wusste immer, dass Glück auch im Fussball nicht fassbar ist. Fussball bleibt unberechenbar, so intensiv man sich auch mit ihm auseinandersetzt, bei allen Laptop-Theorien. Glück schreibt sich mit weisser Tinte auf weisses Papier. Vielleicht hat Jeandupeux damals auch diesen Satz herausgestrichen. Er übersetzt ihn so: alles schreiben, alles erfinden und dafür zu sorgen, dass jeder sein Glück finden kann.

Erstellt: 18.06.2019, 10:06 Uhr

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