Wenn Weltmeister Müller im Dirndl serviert

Der Film «Die Mannschaft» zeigt das Innenleben der deutschen Fussballer an der WM in Brasilien. Das Werk über den Weltmeister sorgt in der Heimat nicht nur für Applaus.

Intime Einblicke: Der Film «Die Mannschaft» läuft ab Donnerstag in deutschen Kinos. (Youtube/Constantin Film AG)


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Die Dokumentation «Die Mannschaft» läuft ab übermorgen in den deutschen Kinos. Dabei wird die DFB-Auswahl vom WM-Vorbereitungscamp bis zur Party auf der Fanmeile in Berlin begleitet. «Bei der Weltpremiere am Potsdamer Platz in Berlin feierten die WM-Helden ausgelassen mit», schreibt die PR-Abteilung der Constantin Film AG, welche für die Produktion verantwortlich zeichnete. Die schreibende Zunft sieht das Werk von Martin Christ, Jens Gronheit und Ulrich Voigt etwas differenzierter: Der Film wird von deutschen Medien zwar nicht verrissen, erhält aber auch keine glänzenden Noten.

«Erlebe die Fifa-WM, wie du sie noch nie gesehen hast, verspricht die Werbung über den Film, den der Deutsche Fussball-Bund (DFB) aus eigenen Aufnahmen zusammengestellt hat. Aber dieses Versprechen kann ‹Die Mannschaft› nicht halten», schreibt «Spiegel online». «Der Film verspricht Einblicke in das Innenleben der Nationalelf. Zu sehen ist aber fast nur Bekanntes. Die Mannschaft setzt auf die Emotionen des Weltmeistersommers, den Spielern kommt er aber nicht wirklich nah.» Der Kritiker des Onlineportals zeigt sich nicht überrascht über das Ergebnis der Dokumentation. «Uli Voigt, der Verantwortliche des Films, ist beim DFB seit Jahren für die Pressebetreuung der Fernsehleute zuständig. Er ist einer, der ganz nahe am Geschehen ist. Das hilft und schadet dem Film gleichzeitig.» Es erstaunt auch nicht, dass «Spiegel online» die Dokumentation als «einen langen coolen Werbespot» bezeichnet.

Ein Film ohne Konflikte

Der Fan kommt in den Kinositzen durchaus auf seine Rechnung. Captain Philipp Lahm, der im Pool steht und mit Bundestrainer Jogi Löw debattiert. Thomas Müller, der nach einer verlorenen Golfwette mit Physio Christian Huhn schon im Trainingscamp vor der WM in einem Dirndl die Teamkollegen bedienen muss. Er sei an einem Loch betrogen worden, erklärte der Goalgetter der Bayern – in der Tat hatten die deutschen Fussballer im vergangenen Sommer nebst Ernstkämpfen auf dem grünen Rasen auch viel Gaudi. «Es ist ein Film ohne Konflikte, obwohl er den tragischen Autounfall mit zwei Schwerverletzten bei einem PR-Termin im Trainingslager nicht ausspart. Spass, Jubel, Gesänge – das liebt der Fussballfan. Und das funktioniert auch in diesem DFB-Film», meint die «Frankfurter Allgemeine».

Die «Süddeutsche» bemängelt: «Kritische Töne fehlen, was nicht überrascht: Der Film ist eine Co-Produktion von DFB und Weltverband Fifa. Dies gipfelt in einer Szene, die Captain Bastian Schweinsteiger zeigt, wie er morgens am Pool steht, die Arme wie zum Gebet zu einem Sonnengott nach oben gereckt, er sagt: ‹Obrigado Sepp Blatter.› Er habe dem Fifa-Boss dafür gedankt, die WM nach Brasilien vergeben zu haben, erklärt er. Dass für diesen Wettbewerb Dörfer umgesiedelt und Proteste unterdrückt wurden? In Deutschland, sagt wieder Bierhoff aus dem Off, sei gar nicht rübergekommen, wie die deutsche Mannschaft in Brasilien angekommen sei, ‹wie wir mit Indianern getanzt haben›. Dazu laufen Bilder von Mertesacker und Podolski über die Leinwand: wie sie mit Pataxo-Indianern tanzen.» «Die Mannschaft» sei demnach ein Werk über viel Gefühlsduselei, das Porträt einer Gruppe junger Menschen, die sich vor der Kamera gut verstehen würden, ein Film eben, der die Anhänger der deutschen Nationalmannschaft glücklich mache, meint die Zeitung aus München weiter.

Intime Momente

Welt.de bezeichnet den Brasilien-Trip der deutschen Fussballer als «Studienreise mit Wohlfühlfaktor. Im Gegensatz zur WM 1978, als sich die DFB-Elf in einer Akademie der argentinischen Militärjunta einquartierte und während des Turniers auch noch geflohene Nazis als Ehrengäste empfing, wirkte das Gastgeberland dieses Mal hochgradig inspirierend. Dieses Mal spiegelte sich die fremde Kultur im lockeren Auftreten der Deutschen wider». Der Kritiker hebt noch hervor, dass es dem Film nicht an intimen Momenten fehle. So lungere Trainer Löw gedankenverloren an einer Medienkonferenz herum. Und Per Mertesacker erkläre seinen verbalen Ausraster in einem Interview mit dem ZDF-Reporter: «Da habe ich mal ehrlich geantwortet – vielleicht das erste Mal in meinem Leben.» Ästhetisch, so urteilt «Welt online», fände die Doku auf solidem Werbeclip-Niveau statt.

Fussballfreunde in der Schweiz, die den Film «Die Mannschaft» auf der grossen Leinwand sehen möchten, müssen den Trip über die Grenze wagen. Wie Constantin Film erklärt, laufe die Dokumentation vorerst nur in deutschen Kinos. Das ist auch verständlich. Schliesslich handelt es sich um ein filmisches Werk, in dem sich der DFB ein Denkmal in schönen Bildern gesetzt hat, ganz nach dem Werbeslogan: Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.11.2014, 14:37 Uhr

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