Wenn der Ehrenpräsident «Sir Elton John» heisst

Almen Abdi weckte einst mit dem Wechsel zu Watford Unverständnis. Jetzt spielt er in der Premier League. Ein Besuch beim ehemaligen FCZ-Spieler in England.

Die andere Seite der englischen Hochglanz-Liga: Almen Abdi vor 20?000 Zuschauern an der Vicarage Road von Watford. Foto: Richard Heathcote (Getty Images)

Die andere Seite der englischen Hochglanz-Liga: Almen Abdi vor 20?000 Zuschauern an der Vicarage Road von Watford. Foto: Richard Heathcote (Getty Images)

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Watford sieht so eintönig aus, wie man sich englische Vorstädte gerne vorstellt. Ein Bahnhof für die schnelle Durchreise, eine Hauptstrasse mit den Geschäften und Imbissketten, die es überall auch gibt: das Nando’s, das bekannt ist für seine Hähnchengerichte, der Valery ­Beauty-Salon, der verspricht, sich um Geist, Körper und Seele zu kümmern. Das ist Watford, «eine kleine, coole Stadt», hält Almen Abdi dagegen.

Die Stadt mit 90'000 Einwohnern liegt 20 Zugminuten vom Zentrum Londons entfernt. Zu ihr gehört der Friedhof an der Vicarage Road. Und schräg gegenüber der Bau, der für Aufmerksamkeit sorgt wie nichts sonst. Schön ist er nicht, er steht nicht für den Hochglanz des Emirates und des Etihad, den Stadien in London oder Manchester, sondern dafür, dass es in der Premier League auch noch die andere Seite gibt. Die Watfords dieser Liga, Orte wie das Vicarage Road Stadium.

«Als ich hierherkam, war nichts da», erinnert sich Abdi, «es war schlimm. Es sieht jetzt schon besser aus.» Die enge Occupation Road hat trotzdem noch ­immer ihre Schlaglöcher. Auf der einen Seite stehen lottrige Garagen, auf der ­anderen Seite erhebt sich die Haupt­tribüne, die vor einem Jahr erst gebaut wurde. Die roten Teppiche zu den Eingängen für VIPs und Spieler sind sparsam ausgelegt. Für Pomp ist kein Platz.

Das Projekt der Pozzos

Die neueste Tribüne heisst wie ihr prominentester Fan, wie der Mann, der den Verein vor 40 Jahren ein erstes Mal übernommen und ihn 1982 als Geld­geber und Präsident von der vierten in die höchste Liga geführt hatte: Sir Elton John. Der Cupfinal von 1984 war einer der Höhepunkte in jener Ära.

Schlaglöcher statt Pomp: Hinter der Haupttribüne. Foto: Tom Ship

Von der Rolle des heutigen Ehrenpräsidenten Elton John hatte Abdi gewusst, als vor drei Jahren das Angebot des damaligen Zweitligisten Watford auf den Tisch kam. Er besprach es mit seinem Berater. Und dann sagte er Ja dazu, zum Unverständnis vieler, die ihn fragten: «Wie kannst du von der Serie A in die Championship wechseln?» Abdi wollte es, weil er in Italien nicht so oft gespielt hatte, wie er sich das wünschte. Und er konnte es, weil er Watford als Projekt der Familie Pozzo verstand, von Vater Giampaolo und Sohn Gino.

Die Pozzos sind eine Unternehmer­familie, die ihr Geld in der Werkzeug­industrie machte und die nun den Fussball als Geschäft versteht. Udinese Calcio gehört ihnen seit 1986, der FC Granada seit 2009 und der FC Watford seit 2012. Die Vereine dienen als Plattform für einen Spielerhandel, den es in dieser Form sonst nicht gibt. Rund 25 Scouts fliegen um die Welt, um regionale Nachwuchsmeisterschaften zu beobachten, grosse Ligen in Südamerika und kleinere in Europa wie Belgien, Schweden oder Kroatien. Die Ambitionen der Pozzos ­haben keine Grenzen.

Abdis Satz zum Ausschneiden

2005 entdeckten ihre Scouts in Chile einen 17-Jährigen, den sie sechs Jahre später für 45 Millionen Franken von Udine an Barcelona verkauften. Er heisst Alexis Sánchez und spielt jetzt bei Arsenal. Der Chilene ist das Paradebeispiel, wie das System der Pozzos funktionieren soll. Der Erfolg ist sportlich da: Udinese ist in der Serie A etabliert und schrieb vor zwei Jahren 50 Millionen Gewinn. Granada kämpfte in der 3. Liga ums Überleben, als die Pozzos einstiegen, nun hält sich der Verein die fünfte Saison in der Primera División. Und Watford ist seit diesem Sommer zurück in der Premier League.

Zu Beginn überschwemmten die Pozzos Watford mit ihren Leihspielern, zehn von Udinese und zwei von Granada, bis die Football League das unterband und die Spieler definitiv übernommen werden mussten. Einer hiess Abdi.

Die Fans fürchteten damals um die Zukunft ihres Vereins und den Verlust seiner Seele. Dann gingen die Abdis und die vielen anderen zum Essen ins Nando’s, sie waren zugänglich, und so, sagt Abdi, «sind wir heute noch. Wir sind doch nichts anderes, nur weil wir Fussballer sind.» Ein Satz zum Ausschneiden.

Abdi ist heute seltener in Watford ­unterwegs, der 29-Jährige lebt in Hamp­stead, einem schicken Stadtteil in London. Den Verlockungen Londons droht er nicht zu erliegen. «Ich bin nicht mehr 20», sagt er.

«Ich habe alles richtig gemacht»

In dem Alter begann er sich beim FCZ hochzuarbeiten, er wurde mit dem Club seiner Jugend dreimal Meister, 2006, 2007 und 2009 (und kam in dieser Zeit zu seinen bislang sechs Einsätzen im ­Nationalteam). Präsident Ancillo Canepa erklärte ihn zu seinem Lieblingsspieler und prophezeite ihm eine Zukunft bei Arsenal. Ein Krach mit Abdis Berater im Herbst 2009 beendete sein Schwärmen über einen hochtalentierten Spieler. Abdi wurde nach Le Mans ausgeliehen und geriet aus dem Blickfeld des Nationalteams, bevor er 2010 bei den Pozzos im Friaul landete.

Mit Watford verpasste er in der ersten Saison den Aufstieg nur wegen einer Niederlage im Playoff-Final gegen Crystal Palace. Von den Fans wurde er zu ­ihrem Spieler des Jahres gewählt. In der zweiten Saison war seine Bilanz wegen einer Fussverletzung durchzogen. Die dritte verlief stürmisch, weil es gleich vier Trainer gab, aber sie endete mit dem Aufstieg als Erlösung.

«Ich habe alles richtig gemacht», fasst Abdi heute zusammen. Nach überstandener Knieverletzung arbeitet er daran, auch in der Premier League Stamm­spieler zu werden. In den Jahren in der Championship hat er gelernt, sich durchzubeissen. An kalten Winterabenden ­irgendwo spielen zu müssen, «auf einem Acker in Blackpool oder Reading», das hat abgehärtet. Selbstvertrauen bringt Abdi genug mit, um die grossen Namen der Liga nicht zu fürchten: «Sie sind cleverer, aber auch sie machen Fehler.»

Einer von 37

Alles richtig gemacht, das gilt bislang auch für Gino Pozzo, der in Watford als Besitzer auftritt. Mit dem Aufstieg gibt es diese Saison im Minimum 100 Millionen Franken vom Fernsehen, und weil es ab kommendem Jahr schon rund 170 Millionen sein werden, versteht sich von selbst, wie zentral für die wirtschaftlichen Planungen der Ligaerhalt ist.

Die Transferbilanz seit Pozzos Einstieg weist ein Minus von nur 22 Millionen Franken aus. 4,5 Millionen gehen zulasten von Valon Behrami, der diesen Sommer als einer von elf Neuen aus Hamburg kam. 37 Spieler umfasst das Kader, sieben haben eine Vergangenheit in Udine, vier in Granada, zehn sind aus dem eigenen Nachwuchs, und Abdi sagt: «Es ist klar, dass es intern jetzt mehr Konkurrenz gibt. Es ist schon einmal ein Erfolg, wenn man für ein Spiel zum 18er-Aufgebot gehört.»

Die Zugehörigkeit zur Premier League hat Watford so attraktiv gemacht, immerhin einen Coach wie Quique Sánchez Flores verpflichten zu können. Der 50-jährige Spanier hatte seine beste Zeit in Valencia, das er 2007 in die Viertel­finals der Champions League führte, und bei Atlético Madrid, mit dem er 2010 die Europa League gewann. «Das ist eine Familie hier», erklärt er, wieso er in Watford gelandet ist. Aber genauso weiss er um die Chance, sich nach wenig aufregenden Engagements in Dubai und Getafe wieder profilieren zu können.

Sánchez Flores ist mit Watford erstaunlich gut gestartet. Daran ändert auch das 0:1 in einem zähen Match ­gegen Crystal Palace wenig. Abdi spielt zum vierten Mal von Beginn an, zum vierten Mal wird er ausgewechselt.

Erstellt: 29.09.2015, 08:05 Uhr

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