Wenn der Gönner vielleicht ein Schwindler ist

Die Frauen des Dorfclubs FC Neunkirch stehen an der Spitze der Nationalliga A. Doch jetzt scheint ihre Geldquelle zu versiegen.

Bedingungen wie bei den Profis: Die Frauen des FC Neunkirch trainieren im Frühjahr 2016 in einer Kunstrasen-Halle in Deutschland.

Bedingungen wie bei den Profis: Die Frauen des FC Neunkirch trainieren im Frühjahr 2016 in einer Kunstrasen-Halle in Deutschland. Bild: Valeriano Di Domenico

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Sie spielen für einen Dorfverein. Sie stehen an der Spitze der Nationalliga A. Sie sind Ende Mai wie 2016 im Cupfinal gegen den FC Zürich. Und jetzt, sieben Runden vor Schluss der Meisterschaft, kurz vor dem ersten Meistertitel in der Clubgeschichte vielleicht, dreht sich beim Frauenteam des FC Neunkirch trotzdem kaum mehr etwas um die Fussballerinnen. Es geht beim Verein aus dem Kanton Schaffhausen nur noch um den Sportchef B.S., der bei seinem Arbeitgeber einen sechsstelligen, aber nicht genauer bekannt gewordenen Betrag veruntreut und damit den Erfolg des Teams wesentlich ermöglicht haben soll.

Die Konkurrenz hat den Dorfclub schon lange misstrauisch beäugt. Weil der FC Neunkirch, mit der Männermannschaft in der 3. Liga zu Hause, mit den Frauen vor allem darum erfolgreich ist, da er ausländische Spielerinnen verpflichtet, ihnen Arbeit beschafft bei der Rimuss- und Weinkellerei in Hallau. Weil einmal das Arbeitsinspektorat einschritt. Weil das Team unter professionellen Bedingungen trainiert. Sechs- bis achtmal pro Woche, inklusive Kunstrasen- oder Hallenmiete im benachbarten Deutschland, inklusive Athletiktrainerin oder Spezialeinheiten unter der Leitung des früheren GC-Profis Antonio dos Santos, inklusive GPS-Messgeräten und Datenauswertung.

Gezweifelt haben sie, genau hingeschaut nicht

Wer bezahlte das alles? Der Club gab an, das Frauenteam koste ihn etwa 70’000 Franken pro Jahr, der Rest werde vor allem von einem «stillen Gönner» getragen. Wer genau die Rechnungen deckte, das kümmerte offenbar niemanden richtig im Verein, auch wenn der eine oder andere ein «komisches Gefühl» hatte, wie jemand aus dem Club erzählt. Wichtig war letztlich offensichtlich nur, dass stets alles beglichen war und nie unbezahlte Rechnungen auftauchten. Und wenn sich die Medien für B.S., sein Engagement und das Geld interessierten, dann sagte er jeweils, dass die Spielerinnen kein zusätzliches Geld für ihre Auftritte als Fussballerinnen erhielten. Und dass alles mit rechten Dingen zugehe.

Jetzt gibt es Zweifel, ob das so stimmt. Ob nicht doch Geld ohne Arbeitsleistung in der Privatwirtschaft an die Spielerinnen geflossen ist. Und vor allem, ob der stille Gönner sein Geld rechtmässig verdient und weitergegeben hat. Die Firma, die den alkoholfreien Kinderschampus herstellt, war auch Arbeitgeberin von Neunkirchs Sportchef B.S. – bis sich dieser selbst anzeigte und kurz darauf entlassen wurde. Jetzt untersucht die Staatsanwaltschaft Schaffhausen.

Insider denken, dass der Betrieb des Frauenteams des FC Neunkirch in dieser Form gegen 200’000 Franken pro Saison kostet. Das könnte noch vorsichtig geschätzt sein – der FC Zürich wendet für seine Frauenabteilung inklusive Juniorinnen 500’000 Franken auf. Den Frauen des FC Neunkirch wurden teilweise auch Wohnungen und Sprachkurse bezahlt.

Dank Profibedingungen wurden die Spieler besser

Wer B.S. kennt, beschreibt ihn als vielleicht etwas einzelgängerisch, aber auch nett und nicht aufschneiderisch. Und vor allem: Er habe für den Frauenfussball gelebt, sei für die Spielerinnen wie ein Vater gewesen und habe diese auch deutlich besser gemacht mit seinen Trainings unter professionellen Bedingungen.

Er begann 2001 als Trainer der eigenen Tochter auf Juniorinnenstufe. Er meldete später ein Team in der 3. Liga an und stieg immer wieder auf. Er, in jungen Jahren ein Spitzenleichtathlet und schneller Sprinter, nennt sich Sportchef. Faktisch sei er aber auch der Trainer, wissen Eingeweihte, nur fehlten ihm die dafür notwendigen Papiere.

«Diese Saison werden wir sicher fertigspielen», sagt jetzt Vereinspräsident Reto Baumer. Der Sportchef ist weiterhin im Amt, weil der «eigentliche Auslöser ein arbeitsrechtliches Verfahren ist», wie Baumer sagt, «als Verein können wir ihm nichts vorwerfen. Er hat nicht nur bei uns, sondern auch im Schweizer Frauenfussball viel bewegt».

Die Frage ist, ob es wirklich problemlos weitergehen wird, weitergehen kann beim FC Neunkirch. Nur schon bis Ende Saison. Die Gönnervereinigung des Frauenteams hat bereits einen Brief an mögliche Sponsoren verschickt, die Kosten für das Team seien in den vergangenen Jahren «markant angestiegen» und von einem «stillen Gönner» gedeckt worden, heisst es darin, jetzt allerdings sei dieser Gönner ausgestiegen. Es sieht nicht gut aus für die Frauen vom FC Neunkirch. Spätestens ab kommender Saison dürfte es schwierig werden mit Spitzenfussball beim Dorfverein. Ganz schwierig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2017, 16:30 Uhr

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