«Wer einmal Geld genommen hat, wird nicht begeistert sein»

Der Basler Strafrechts-Professor Mark Pieth hat den Auftrag, der Fifa neue Glaubwürdigkeit zu geben. Auch die Vergangenheit soll nicht mehr tabu sein.

Fand viele Mängel: Mark Pieth, Antikorruptionskämpfer mit einwandfreiem Ruf.

Fand viele Mängel: Mark Pieth, Antikorruptionskämpfer mit einwandfreiem Ruf. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mark Pieth sagt es gleich zu Beginn: «Ich habe zwei verschiedene Hüte an.» Es ist der Hut der Basler Universität, wo er als Professor Strafrecht und Kriminologie lehrt. Und es ist der Hut der Fifa. Seit Ende des vergangenen Jahres steht er einer unabhängigen Kommission vor, dem sogenannten «Independent Governance Committee». Es soll dem rufgeschädigten Weltfussballverband nach Affären um Schmiergeldzahlungen, korruptionsverdächtigte WM-Vergaben und Stimmenkäufe vor Präsidentschaftswahlen ein entschieden besseres Ansehen geben.

In seinem ersten Bericht hatte Pieth über 39 Seiten die Mängel im Fifa-System festgehalten, in dem die 24 Männer der Exekutive mit Präsident Sepp Blatter an der Spitze alle wichtigen Entscheide fällen und Milliardengeschäfte steuern (wenn es wie vorgesehen 24 sind, zuletzt wurden einige wegen Verfehlungen immer wieder ausgeschlossen oder suspendiert). Und Pieth, der Antikorruptionskämpfer mit einwandfreiem Ruf, hat viele Mängel gefunden. Unter anderem das Fehlen «systematischer Kontrollen in Bezug auf das Korruptionsrisiko».

«Keine Liebe zu Blatter»

Pieth wusste, dass er mit seinem Engagement bei der Fifa «ein Risiko» eingeht, weil er den Ruf des Weltverbandes kannte. Nun kam der Donnerstag dieser Woche und das Geständnis von Blatter, alles gewusst zu haben von den Schmiergeldzahlungen an die Mitglieder des Exekutivkomitees im Rahmen des ISL-Bankrotts. Pieth hat die Vorgänge mit grossem Interesse verfolgt. Er sagt, er sei erfreut gewesen über den Bundesgerichtsentscheid und die Veröffentlichung der ISL-Einstellungsverfügung.

Die Dokumente aus dem Konkursfall des Zuger Sportvermarkters belegen, dass sich viele Fifa-Funktionäre Bestechungsgelder bezahlen liessen, 16 sind aufgeführt. Pieth findet es wichtig für die Öffentlichkeit, «schwarz auf weiss» zu erfahren, wie bei der Fifa bisher gearbeitet worden sei.

Kann Blatter Kollegen überzeugen?

Dass auch Blatter eine zweifelhafte Rolle gespielt hat, daran mag sich Pieth nicht aufhalten. Er sagt: «Es ist nicht meine Aufgabe zu beurteilen, ob Blatter als Präsident der Fifa noch tragbar ist.» Er hat gelernt bei seinen Auftraggebern, Widersprüche Widersprüche sein zu lassen. Er sagt: «Es ist auch nicht so, dass zwischen Blatter und mir eine besondere Liebe besteht.» Ihm liegt nur daran, «den Moment zu nutzen». Und dieser Moment ist mit Blatter verbunden. Der Fifa-Präsident bemüht sich seit dem Sommer 2011 um einen Wandel im eigenen Haus. Pieth sagt: «Man kann über Blatter denken, was man will. Wir sind in der paradoxen Situation, dass wir den Fifa-Präsidenten für die Reformen brauchen, weil er die Person ist, welche die Sache vorantreibt.»

Am Dienstag tagt das Exekutivkomitee der Fifa. Und es wird abstimmen über Vorschläge, die Pieth mit seinem Team erarbeitet hat. Im Weltfussballverband soll es in einem unabhängigen Ethikkomitee zukünftig einen Ankläger und einen Richter geben. «Unabhängige und starke Profis mit gutem Ruf» müssen es gemäss Pieth sein. Der Bündner hat eine Liste mit Personen ausgearbeitet. Und er hat auch den neuen Ethikcode vorgeschlagen, über den abgestimmt wird.

Pieth betonte bislang immer, er schaue bei seiner Arbeit für die Fifa nicht in die Vergangenheit, das sei nicht seine Aufgabe. Ihm gehe es darum, Strukturen zu schaffen, um der Fifa eine neue Glaubwürdigkeit zu geben. Das sagt er auch jetzt noch, nach dem Donnerstag: «Wir sind kein Gericht. Es ist nicht meine Aufgabe, Probleme der Vergangenheit abzuklären. Ich habe nie behauptet, dass ich der grosse Aufräumer sein werde. Wir sind Geburtshelfer, um die neuen Strukturen in Kraft zu setzen.»

Auch WM-Vergaben im Visier

Was er erzählt, ist gleichwohl nur die halbe Wahrheit. Und deshalb schmunzelt Pieth auch und erklärt: «Sie können mich bezichtigen, dass ich ein Schelm bin.» Dass er nicht in die Vergangenheit schauen will, das mag für ihn persönlich stimmen. Mit dem Ethikcode hat er aber ein Reglement geschaffen, das es den neu geschaffenen Fifa-Instanzen erlauben würde, bis 15 Jahre zurückzuschauen und die Vergangenheit aufzuarbeiten – mit Konsequenzen für die Funktionäre. Und auch mit möglichen Konsequenzen für Ausrichter von Weltmeisterschaften, die sich die Organisation des Turniers erkauft haben sollen.

Freilich fragt sich Pieth, ob die Exekutivmitglieder bereit sein werden, seine Vorschläge und den Code anzunehmen. Er kennt den Widerstand, den Blatter mit seinem neuen Kurs unter den alten Funktionären der Fifa ausgelöst hat. Pieth sagt: «Die grosse Frage ist, ob es Blatter gelingt, seine Kollegen zu überzeugen. Wer irgendeinmal Geld genommen hat, wird nicht begeistert sein.» Ausserdem hat Pieth Opposition auch bei jüngeren Funktionären und möglichen Blatter-Nachfolgern ausgemacht, die dem Präsidenten den Triumph des eingeleiteten Wandels nicht gönnen würden.

Noch ist kein Drittel geschafft

Bringt Blatter die Reformvorschläge durch, wäre für Pieth mit der Einsetzung einer Finanzaufsicht, einer unabhängigen Gewaltenteilung und dem Ethikcode ein Drittel des Weges geschafft, den er für die Fifa vorsieht. Weiter erreichen will er Transparenz bei den Löhnen (noch immer ist unklar, wie viel Blatter verdient – es ist mindestens eine Million Dollar); eine Amtszeitbeschränkung; eine Altersgrenze, externe Personen im Exekutivkomitee; eine Mehrjahresplanung zum Einsatz von Entwicklungsgeldern, damit diese im Wahlkampf nicht zum Stimmenkauf benützt werden können. Ein Jahr gibt er sich noch Zeit, um die Ziele zu erreichen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2012, 09:47 Uhr

Bildstrecke

Schmiergeldaffäre bei der Fifa

Schmiergeldaffäre bei der Fifa Sepp Blatter gesteht: Als Fifa-Generalsekretär wusste er von Bestechung, als Präsident tolerierte er sie.

Artikel zum Thema

Blatter rechtfertigt die Bestechungen bei der Fifa

Hintergrund Schmiergeldaffäre bei der Fifa: Die Zahlungen seien legal gewesen, sagt Präsident Blatter. Nun sollen diese Bestechungen ein Offizialdelikt werden. Mehr...

«Ein Elfmeter für Sepp Blatter»

Die Einführung der Tortechnik durch die Fifa wird von nationalen und internationalen Medien grundlegend begrüsst – aber auch kritisch kommentiert. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...