Wer will einen Vergewaltiger im Verein?

Ched Evans ist Fussballprofi – und ein verurteilter Vergewaltiger. Dass ihn immer wieder Clubs verpflichten wollen, löst in Grossbritannien heftige Proteste aus. Sogar hohe Politiker äussern sich.

Bangt um seine Zukunft als Fussballprofi: Ched Evans im Einsatz für Sheffield United. (28. März 2012) Bild: Gettyimages

Bangt um seine Zukunft als Fussballprofi: Ched Evans im Einsatz für Sheffield United. (28. März 2012) Bild: Gettyimages

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Ched Evans ist im besten Fussballeralter. Als Profi absolvierte der 26-Jährige 147 Meisterschaftsspiele in den höchsten drei Ligen Englands und erzielte 53 Tore. 13-mal durfte er für die Nationalmannschaft von Wales auflaufen. Ein Stürmer seiner Klasse findet im Normalfall problemlos einen neuen Verein – zumal Evans überhaupt keine Ansprüche stellt.

Das Problem: Evans ist ein verurteilter Vergewaltiger. Im Mai 2011 hatte er in einem Hotelzimmer Sex mit einer 19-Jährigen gehabt, sie zeigte ihn wegen Vergewaltigung an. Das Gericht verurteilte den Waliser zu fünf Jahren Haft. Im Urteil hiess es, die junge Frau sei zu betrunken gewesen, um zum Sex einzuwilligen.

Seit der Fussballprofi im letzten Oktober nach der Hälfte seiner Strafe vorzeitig auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wurde, sucht er verzweifelt einen Arbeitgeber. Doch über jeden Club, der öffentlich über die Verpflichtung Evans’ nachdenkt, ergiesst sich eine Welle des Protests.

160'000 Unterschriften gegen Evans

Zuerst über Sheffield United. Im Team aus der dritten englischen Liga spielte Evans, bevor er im April 2012 seine Haftstrafe antrat. Nach seiner Freilassung wollten ihm die Verantwortlichen zunächst einen neuen Vertrag anbieten. Als diese Absicht an die Öffentlichkeit gelangte, kamen innert Kürze 160'000 Unterschriften zusammen, die sich gegen eine Verpflichtung Evans’ aussprachen. Jessica Ennis-Hill, Olympiasiegerin im Siebenkampf, wollte ihren Namen von der nach ihr benannten Tribüne in Sheffields Stadion entfernt haben, falls Evans auch nur mit der Mannschaft trainieren würde. Auch Sponsoren drohten, sich vom Verein abzuwenden.

Damals äusserte sich der stellvertretende Premierminister Grossbritanniens, Nick Clegg, ausführlich zum Fall. In einer Radiosendung sagte er, er würde Evans keinen Vertrag anbieten. Fussballer hätten eine Vorbildfunktion, und Evans’ Vergehen wiege sehr schwer.

Ein Vertrag lag bereit

Nach ähnlichen Überlegungen erteilten auch Hartlepool und die Tranmere Rovers dem Stürmer eine Absage. Oldham Athletic fühlte sich nach Gerüchten Anfang Dezember gar gezwungen, auf seiner Website eine Erklärung abzugeben und festzuhalten, dass man mit Evans keinen Vertrag abschliessen werde.

Die Absicht hat sich vor ein paar Tagen offenbar geändert, gemäss Medienangaben hat sich der Drittligaverein entschieden, den Waliser ins Team zu holen. Doch dann passierte, was bisher immer passierte: Sofort kamen Tausende Unterschriften gegen Evans zusammen. Die Petition auf der Internetseite Change.org war die am schnellsten wachsende, seit es die Plattform gibt. Im Schnitt sprach sich mehr als eine Person pro Sekunde gegen Evans aus. Auch in Oldham gingen Sponsoren schliesslich auf die Barrikaden. Der Club sagte eine für heute Montag geplante Pressekonferenz ab und berief eine Sondersitzung ein, um das weitere Vorgehen zu beraten.

Unter dem Hashtag #ChedEvans twittern Menschen ihre Gedanken zum Fall im Sekundentakt. Praktisch alle britischen Medien berichten über Evans’ Jobsuche. Die Meinungen gehen auseinander: Während die einen auf das Recht einer zweiten Chance pochen, meinen andere, er habe sein Privileg durch seine Tat verspielt. Es gebe auch noch andere Berufe als Fussballprofi.

Evans bestreitet die Vergewaltigung

Was ihm seine Gegner besonders vorwerfen: Evans hat die Vergewaltigung stets bestritten, er hat sich nie entschuldigt. In einem Video, in dem er nach seiner Freilassung um eine zweite Chance bat, entschuldigte er sich bloss dafür, seine Freundin betrogen zu haben.

Ched Evans' Videostellungnahme nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis. Video: Youtube/SoccerTube

Sie steht nach wie vor auf seiner Seite. Bei der Jobsuche hilft das nicht. Sogar seine Versuche, im Ausland anzuheuern, scheiterten. Die Hibernians aus der höchsten Liga Maltas legten Evans einen Vertrag vor. Doch das britische Justizministerium verhinderte seine Reise ins Ausland – wegen der Bewährung, die noch zweieinhalb Jahre dauert.

Evans hofft weiter, bei Oldham Athletic unterzukommen und dort seine sportlichen wie auch seine menschlichen Qualitäten unter Beweis stellen zu können. In britischen Medien schätzen Insider seine Chancen auf 50 Prozent. Schliesslich hat Oldham im Jahr 2007 bereits Lee Hughes unter Vertrag genommen. Hughes sass wegen eines Verkehrsdelikts mit Todesfolge zuvor drei Jahre im Gefängnis. Gemäss BBC wird der Verein bis morgen Dienstag über seinen Entscheid informieren.

Erstellt: 05.01.2015, 15:36 Uhr

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