Wie Klinsmann nach St. Gallen gefunden hat

Er hat einen berühmten Vater, aber noch nirgends einen Platz als Nummer 1 im Tor. Jetzt versucht Jonathan Klinsmann es in der Super League.

Jonathan Klinsmann – welche Rolle spielt der Youngster mit dem grossen Namen im St. Galler Tor? Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Jonathan Klinsmann – welche Rolle spielt der Youngster mit dem grossen Namen im St. Galler Tor? Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

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In den frühen Jahren ihrer Karriere liess die Linguistin Susan M. Ervin-Tripp zweisprachige Frauen Sätze in verschiedenen Sprachen beenden. Die amerikanische Forscherin wollte mit ihrer Studie die Frage beantworten, ob sich die Persönlichkeit zweisprachiger Menschen mit dem Wechsel der Sprache verändert.

Viele Jahre später sitzt Jonathan Klinsmann auf einem Fauteuil in der Lounge des Grand Resort Bad Ragaz und sagt: «That’s actually proven», das sei tatsächlich erwiesen.

Der 22-jährige Fussball­goalie muss es wissen. Er ist in Kalifornien zweisprachig aufgewachsen, sein Vater ist der ­ehemalige deutsche Spitzenfussballer und Nationaltrainer Jürgen Klinsmann. Zudem hat er in Berkeley, an der University of California, neben dem Studium der Medienwissenschaften mehrere Vorlesungen in Psychologie besucht. Womöglich kennt er die Arbeiten der 2018 verstorbenen Ervin-Tripp, denn diese hatte in Berkeley gelehrt.

Und plötzlich sitzt ein anderer Mensch da

Der 194 Zentimeter grosse Klinsmann verschränkt die Arme. Das Gespräch darüber, wie er als amerikanischer Goalie beim FC St. Gallen einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat, will er in Deutsch führen. Und so sitzt er also da, in diesem Luxushotel im Rheintal, wo die St. Galler ihre Saison vorbereiten, und wirkt fast ein wenig unsicher. Bis er nach einer Viertelstunde sagt: «Ach, ich mache lieber in Englisch weiter, es geht einfach besser.»

Ab diesem Moment sitzt ein anderer Mensch da. Klinsmann redet offener, er scherzt, lacht viel, und er ist schlagfertig. Sein Vokabular ist grösser und seine Lust zu erzählen ganz offensichtlich ebenfalls. In Englisch lässt es sich halt besser reden über Basketball, über Kobe Bryant und die National Basketball Association, die Major League Soccer oder das Leben an den Colleges, von dem junge Menschen in Amerika träumen.

In dieser Welt ist Klinsmann gross geworden. Er wurde zwar 1997 in Deutschland geboren, als sein Vater zwei Jahre für den FC Bayern München spielte. Aber er sagt: «Orange County, California, das ist meine Heimat.» Und diese Heimat will er mitnehmen nach Europa. Als er sich mit dem FC St. Gallen einig wird, sucht er zuerst nach Basketballplätzen in der Ostschweizer Stadt. Er will seiner Leidenschaft nachgehen, dieser amerikanisch geprägten Sportart. Wie er das in Berlin auch schon getan hatte.

Klinsmann wollte immer nach Europa gehen, obwohl ihn auch die amerikanische Major League Soccer reizt. Nach Deutschland kommt er, weil ihm die Fifa an der U-20-Weltmeisterschaft 2017 den Goldenen Handschuh überreicht, die Auszeichnung für den besten Goalie. Klinsmann absolviert bei Hertha Berlin ein Probetraining und unterzeichnet den ersten Profivertrag. Er kommt direkt vom College und lernt eine neue Welt kennen. Eine harte. Die Regionalliga ist sein Zuhause, für die erste Mannschaft von Hertha spielt er nur einmal: In der Europa League hält er 2017 einen Elfmeter im letzten Gruppenspiel gegen den schwedischen Östersunds FK.

Zum ersten Mal wohnt er nicht bei seinem Vater und seiner ­Mutter, dem ehemaligen amerikanisch-chinesischen Modell Debbie Chin. Und dann gleich in der Grossstadt Berlin, einer «amazing city», wie Klinsmann sie nennt.

Klinsmann wohnt im Stadtteil Charlottenburg und fühlt sich zu Beginn einsam. Er war zwar schon als Student weg vom Elternhaus. Aber da war er innert einer Flugstunde bei seiner Familie. Zwischen Berlin und den USA liegt ein ganzer Ozean. Zudem ist die Kultur eine andere, auch wegen der deutschen Sprache, die ihm nicht vertraut ist, weil er seinem Deutsch sprechenden Vater immer in Englisch antwortet.

Es gibt Tage, da weiss er nach dem Training nicht, was er tun soll. «Das erste halbe Jahr in Berlin war eine der schwierigsten Zeiten meines Lebens», sagt Klinsmann.

Mit der zweiten grossen Liebe gibt es einen Titel

Halt gibt ihm der Basketball, er lernt neue Leute kennen. Es ist neben dem Fussball Klinsmanns zweite grosse Liebe. Mit seinem Highschool-Team gewinnt er einen Meistertitel. Dass er dabei nur Ersatzspieler ist, stört ihn nicht, schliesslich gibt es in der Mannschaft Akteure wie Stanley Johnson, der inzwischen für die New Orleans Pelicans in der NBA spielt.

Die Familie Klinsmann hat Jahreskarten im Staples Center, der Heimat der legendären NBA-Franchise LA Lakers. Klinsmann bewundert den Überbasketballer Kobe Bryant: «Er war sehr inspirierend für mich. Als Athlet, als Persönlichkeit, als Kopf, als Marke – seine ganze Mentalität. Kobe war einfach überall.»

Trotz seiner Faszination für die NBA und den Basketball entscheidet sich Klinsmann für den Fussball. Dieser ist wegen des Vaters seit jeher Teil seines Lebens. Die Familie folgt dem Vater, der nach seiner Zeit bei Bayern zu Sampdoria Genua wechselt und danach in London bei Tottenham seine Karriere auf der Weltbühne beendet. Ein Hindernis sei die Vita des Vaters nicht für ihn, sagt Jonathan Klinsmann. Eher eine Hilfe. «Er hat das alles durchgemacht und gibt mir Ratschläge. Er ist eine Art Berater und agiert als mein Agent.»

Zwei Schweizer helfenbei der Entscheidung

Nicht nur mit dem Vater spricht Jonathan Klinsmann über den Wechsel zu St. Gallen. Sondern auch mit den Schweizern Valentin Stocker und Fabian Lustenberger, die er bei Hertha kennen lernt. Trotzdem weiss er wenig über die Super League, ausser dass es eine Liga mit vielen jungen Spielern sei.

Klinsmann hofft auf möglichst viel Einsatzzeit. Das wird wohl schwierig. Nach Daniel Lopars Abgang ist Dejan Stojanovic sein Konkurrent, der Stammgoalie der abgelaufenen Saison. Doch Jonathan Klinsmann sagt: «Ich habe mit Alain (Sutter, Sportchef) und dem Trainer (Peter Zeidler) gesprochen, und sie haben mir gesagt, ich hätte eine faire Chance auf die Nummer 1. Genau diese Aussage habe ich gebraucht.»

Und wenn es mit der Nummer 1 nicht klappt, dann bleibt Klinsmann in St. Gallen immer noch der Basketball. Seine Leidenschaft. Und ein Stück Heimat.

Erstellt: 10.07.2019, 21:58 Uhr

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