Wie gemacht für Winterthur

Auf der Schützenwiese ist keiner beliebter als Patrick Bengondo. Morgen stürzt sich der Stürmer aus Kamerun im Cup in den Kampf gegen den FC Basel.

Posiert für jedes Foto und schüttelt auf dem Weg in die Kabine jede Hand: Patrick Bengondo in der Bierkurve. Foto: Dieter Seeger.

Posiert für jedes Foto und schüttelt auf dem Weg in die Kabine jede Hand: Patrick Bengondo in der Bierkurve. Foto: Dieter Seeger.

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Der frühere Bürgermeister von Akonolinga wurde in der tiefsten Abgeschiedenheit von Kamerun geboren, ungefähr 1939, so genau weiss das keiner. Er hatte zwei Frauen, dreizehn Kinder und eine unumstössliche Regel: Wer nach der Schule weiterstudiert, dem hilft er finanziell. Wer das nicht will, der hat eben Pech gehabt und muss für sich selbst schauen.

«Da gab es keine Diskussion», sagt ­Patrick Bengondo. Er weiss das, weil der frühere Bürgermeister sein Vater ist, aber er, Patrick, ist seinem eigenen ­Willen gefolgt. Er wäre gern Jagdpilot ­geworden. Ein kleiner Augenfehler ­genügte schon, die Ausbildung zu beenden, bevor sie begonnen hatte. So ist Bengondo eben Fussballer geworden.

33 wird er in einer Woche, «das ist mein genauer Geburtstag», sagt er und lacht sein breitestes Lachen, «wirklich». Er hat schon einen langen Weg hinter sich, von Afrika nach Europa, von der Kleinstadt Akonolinga nach Winterthur, von einer Heimat, die er seit vier Jahren nicht mehr besucht hat, in die nächste. «Wenn du sein Freund bist, macht er ­alles für dich», sagt Andreas Mösli, der Geschäftsführer des FCW, «solche Leute braucht der Verein.»

Der Gang in die Bierkurve

In Winterthur ist keiner den Fans näher als Bengondo, und das zeigt er, wenn er nach einem Spiel in die Bierkurve geht und nahezu eine Viertelstunde braucht, bis er auf dem Weg zurück in die Kabine jede Hand geschüttelt, jede Frage beantwortet und für jedes Foto posiert hat. Das ist für ihn keine Pflicht, sondern ein Vergnügen, er redet vom «Austausch», der da stattfinde. Die Fans fragen: «Bengo, warum hast du geschossen statt zu passen?» Und er sagt: «Ja, das war ein schlechter Entscheid.»

Bengondo hat es mit seiner Art zu ­einer lokalen Identifikationsfigur gebracht, zu einem Max Meili der Neuzeit. «Publikumsliebling und Stimmungs­macher» nennt ihn Jürgen Seeberger, sein neuer Trainer. Was die Leute an ihrem kräftigen Stürmer schätzen, ist sein bedingungsloser Einsatz, seine Hart­näckigkeit im Zweikampf. Das macht ihn zum Typ Spieler, den man lieber in der eigenen Mannschaft hat als beim Gegner. Damit passt er in eine Stadt, die er als Stadt der Arbeiter versteht. Und darum sagt er: «Wenn du hier die Arbeit machst, wirst du belohnt.»

Als er das erste Mal in Winterthur war, in der Saison 2005/06, dauerte es nicht lange, bis er sich mit seinen drei Toren zum 4:2 im Cup gegen die Grass­hoppers bereits einen Platz im kollektiven Gedächtnis gesichert hatte. Jetzt ist er zum dritten Mal auf der Schützenwiese tätig. Die Erkenntnis nach den ­vielen Reisen ist einfach: Am besten funktioniert das System Bengondo hier, nirgends sonst.

Von Schottland bis in den Iran

Er spielte für Olympic Mvolyé aus Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, als er vom Schweizer Trainer Claude Andrey entdeckt und 2001 zu Etoile Carouge vermittelt wurde. Nach einer Saison in Genf wechselte er nach Bellinzona, nach einer nächsten zu Uni Craiova. Er war jung und fiel auf einen italienischen Spieleragenten herein, der nur am eigenen Profit ­interessiert war. Nach einem halben Jahr war das unerfreuliche Abenteuer in ­Rumänien beendet, weil er während vier Monaten keinen Lohn erhalten hatte. Er ging heim nach Kamerun, kam bald ­zurück in die Schweiz, schaute kurz bei Biasca in der 1. Liga vorbei, bis er in ­Winterthur landete.

Den Unsteten zog es nach einer Saison schon wieder weg von der Schützenwiese, ein halbes Jahr Aarau, ein halbes Jahr Servette, weil er auf dem Brügglifeld nicht erfolgreich gewesen war, ­zurück nach Winterthur und 2008 wieder nach Aarau, diesmal für drei Jahre mit 17 Toren in 80 Meisterschaftsspielen. Dann machte er sich wieder auf die Suche. In Aberdeen lag ihm, erzählt er, ein Zweijahresvertrag vor. Weshalb es trotzdem nicht zum Abschluss kam, erfuhr er erst später einmal: Sein Agent hatte offenbar zu viel Geld für sich verlangt.

Er stellte sich bei Benevento Calcio aus Italiens dritthöchster Liga vor und danach im Iran, bei einem Verein aus Bushehr. Ob es verrückt gewesen sei, dahin zu wechseln, fragt er. «Wenn man das Geld sieht, das ich im Iran hätte verdienen können, bin ich gern verrückt». Es soll so viel gewesen sein, wie in der Schweiz nur beim FC Basel üblich ist. Aber Bengondos Pech war, dass er am Knie verletzt war und der Transfer deshalb scheiterte.

Da war er 30 und ohne Verein, und wo konnte er sonst landen als in Winterthur? Im November 2011 war er wieder daheim, auf der «Schützi», und kaum da, erzielte er gleich ein Tor zum Sieg ­gegen die Young Boys. Das war in jener famosen Cupsaison, die für den FCW erst im Halbfinal gegen Basel endete.

Am liebsten wäre er Ronaldo

Morgen kommt Basel wieder in die Stadt, und für den FCW ist es in diesem Cupspiel so wie für den FCB am Dienstag, als er in der Champions League auf Real Madrid prallte. Er ist der Kleine gegen den Grossen, der an normalen Tagen chancenlos ist. «Basel wird sehr verärgert, sehr konzentriert sein», vermutet Bengondo nach dem 1:5 von Madrid. «Aber, wir spielen daheim, und auch wir sind sehr konzentriert.» 2012 ist nicht vergessen, das 1:2, das deshalb so bitter war, weil der ­Favorit vom Schiedsrichter profitierte. Deshalb fügt Trainer Seeberger bei: «Wir brauchen Glück und einen Schiedsrichter, der nicht auch noch gegen uns ist.»

Im Sommer lag Bengondo die Offerte eines Clubs aus der Super League vor, es muss St. Gallen gewesen sein. Sie war gut genug, um ihn ins Grübeln zu bringen. Aber schliesslich entschied er: «Ich will hier bleiben», in Winterthur. Mit dem FCW fuhr er dann nach Effretikon zum Testspiel gegen den FC Zürich, an der Seite standen seine beiden Kinder, 9 und 6, und nach dem Einlaufen meldeten sie ihm aufgeregt: «Papi, der Goalie von Zürich ist nicht so gut auf hohe Bälle.» Er lachte darüber und bezwang David Da Costa beim 3:3 zweimal.

Ende Saison läuft sein Vertrag beim FCW aus. Mal schauen, was dann wird. Bengondo hat schon angefangen, an seiner Zukunft zu arbeiten. Seit zwei Jahren betreibt er in Winterthur ein kleines Unternehmen für Sportartikel, das sich im Internet als Spezialist für personalisierte Schienbeinschoner anbietet. Es heisst B Diamond, das B steht für Bengondo, der drei Angestellte beschäftigt und als Firmenauto eine Jaguar-Limousine steuert.

Als Fussballer wäre er am liebsten wie Ronaldo, Ronaldo der Erste. Er ist auch so zufrieden geworden und hat in Winterthur sein Glück gefunden: «Als ich hierher kam, war ich ein kleiner Junge. Jetzt bin ich ein Mann.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2014, 02:54 Uhr

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