«Wie kann sich einer vor dem Spiegel rasieren, wenn er ein notorischer Lügner ist?»

Hakan Yakins Karriere neigt sich dem Ende entgegen. Der 35-Jährige spricht über Ziele, Zukunft, Ängste, seine Rolle bei der AC Bellinzona, Gespräche mit dem FC Basel, Lance Armstrong und Doping im Fussball.

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Hakan Yakin, in der Vorrunde waren Sie mehrere Wochen verletzt. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Wieder sehr gut. Ich stecke mit der AC Bellinzona mitten in der Vorbereitung und kann die Trainingseinheiten problemlos mitmachen. Die Bedingungen hier in der Türkei sind geradezu ideal.

Wo haben Sie das Trainingscamp aufgeschlagen?
In Side.

Sie sprechen Türkisch und werden deshalb bestimmt auch als Dolmetscher gebraucht?
Ja, das ist so. Ich habe auch mitgeholfen, das Trainingslager zu organisieren.

Im Tessin sind Sie ja so etwas wie ein Allrounder geworden.
Wie meinen Sie das?

Sie sind Spieler, im Verwaltungsrat, helfen als Botschafter mit, das neue Stadionprojekt voranzutreiben. Und zuletzt sind Sie ja auch bei den Vertragsverhandlungen für zwei neue Spieler dabei gewesen. Sind Sie jetzt auch noch der heimliche Sportchef?
Nein, das bin ich nicht. Richtig ist, dass ich bei einem Deal in Basel dabei war. Als wir unser Interesse an den beiden Stürmern Pascal Schürpf und dem Nordkoreaner Pak anmeldeten, habe ich mit Basels Sportdirektor Georg Heitz die Gespräche geführt. Aber das soll vorerst eine Ausnahme bleiben.

Offenbar war auch ihr Bruder Murat, Basels neuer Trainer, dabei. Weshalb?
Man darf nicht vergessen: Murat und ich haben ja lange in Basel gespielt. Der FCB ist etwas ganz Besonderes für uns. Und jetzt ist Murat auch noch Trainer dieses Clubs. Diese Synergien sollten wir gezielt nutzen.

Weshalb will Bellinzona gerade zwei Offensivkräfte aus Basel verpflichtet?
Diese Verpflichtungen wurden ganz bewusst getätigt. In der vergangenen Saison haben uns für das Erreichen der Barrage zwei Tore gefehlt. Diese hatte dann Aarau gegen Sion bestritten. So etwas darf uns im Kampf um den direkten Aufstieg nicht noch einmal passieren.

Am 22. Februar werden Sie 36 Jahre alt. Ihr Vertrag als Spieler läuft in Bellinzona noch anderthalb Jahre, dann werden Sie in einer anderen Funktion im Verein eingebunden. Wie heiss sind Sie überhaupt noch auf das Fussballspielen?
Ich bin noch topmotiviert. Dieses Spiel, das mein Leben prägte, fasziniert mich immer noch. Ich will immer Erfolg haben, mit Bellinzona aufsteigen und noch einmal, wenn es die Gesundheit zulässt, in der Super League spielen. Das wäre ein krönender Abschluss meiner Karriere. Dann geht ein neuer Lebensabschnitt für mich los.

Haben Sie keine Angst vor der Zukunft?
Angst ist immer ein schlechter Wegbegleiter. Wer Angst hat, hat schon zum Vornherein verloren. Zudem ist und war die Zeit als Profifussballer auch eine hervorragende Lebensschule. Ich habe viel erlebt, aus Fehlern auch viel gelernt. Die neue Aufgabe in Bellinzona betrachte ich als grosse Herausforderung, der ich mich auch stellen werde.

Martin Andermatt ist wieder als Trainer zur AC Bellinzona zurückgekehrt. Wie denken Sie darüber?
Unser Präsident Gabriele Giulini hat sich bei Andermatt ja entschuldigt. Er hat eingesehen, dass es damals ein Fehler war, den Vertrag mit ihm nicht zu verlängern. Andermatt hatte schon damals seine unbestrittene Fachkompetenz eindrücklich unter Beweis gestellt, und die Barrage nur wegen zwei Toren verpasst. Unser Präsident zeigt Grösse, indem er Andermatt das Vertrauen wieder ausspricht.

Bellinzona hat in dieser Saison schon den dritten Trainer unter Vertrag genommen. Liegt es wirklich nur an den Trainern?
Nein, überhaupt nicht, jetzt stehen wir Spieler in der Verantwortung. Wir müssen auf den Punkt parat sein, wenn es um den Aufstieg geht. Die Konkurrenz schläft nicht. Leader Aarau hat ebenfalls aufgerüstet und mit dem ehemaligen St. Galler Jiri Koubsky einen sehr routinierten Abwehrchef verpflichtet. Wir liegen zurzeit auf Rang zwei mit zwei Punkten Rückstand auf Aarau. Winterthur und Wil sind in Lauerstellung, das wird eine ganz enge Kiste.

Themawechsel: Der US-Amerikaner Lance Armstrong hat bei einer Voraufzeichnung im amerikanischen Fernsehen jetzt offenbar systematisches Doping zugegeben. Überrascht Sie das?
Nein, keineswegs. Ihm wurden ja schon sämtliche Tour-de-France-Titel aberkannt. Die Beweislast war erdrückend. Ich wundere mich bloss, wie sich ein Mensch jeden Tag vor dem Spiegel rasieren kann, wenn er eigentlich genau weiss, dass er ein notorischer Lügner ist.

Denken Sie, der Fussball ist sauber?
Ja, da bin ich ganz sicher. Der Fussball war ja eine der ersten Sportarten, die mit regelmässigen Dopingproben systematisch kontrolliert wurde.

Erstellt: 16.01.2013, 10:39 Uhr

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