«Wir setzen uns in Brasilien keine Grenzen»

Der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld findet nach der WM-Auslosung kaum Schlaf, dafür aber viel Zuversicht. Nur die brasilianische Hitze und die Gefahr von Tropenkrankheiten macht ihm zu schaffen.

Bester Laune: Ottmar Hitzfeld steht den Medien Rede und Antwort.

Bester Laune: Ottmar Hitzfeld steht den Medien Rede und Antwort. Bild: Keystone

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Ottmar Hitzfeld ist aufgeräumter Stimmung. Die Zimmerkarte vom Hotel liegt bereit zum Check-out, die Krawatte hat er im Koffer gelassen – das Hemd trägt er für einmal leicht offen, die Ärmel hat er hochgekrempelt. «Es ist schon ganz heiss hier, aber zum Glück schwitze ich nicht so schnell», sagt er und blinzelt in die Morgensonne. Die Augen sind noch etwas klein, er hat kaum geschlafen. Die Festlichkeiten vor seinem Hotel in Costa do Sauípe haben erst spät in der Nacht ein Ende genommen und ihm in seiner Suite den Schlaf geraubt. «Halb so wild», sagt der 64-jährige Deutsche lässig und schlendert am Schwimmbecken vorbei, wo der Reinigungsdienst noch die letzten Spuren beseitigt.

Es ist der Tag nach der grossen Fifa-Gruppenauslosung, der Zirkus um die Ziehung der 32 WM-Mannschaften ist vorbei, die Aufräumarbeiten haben schon vor Sonnenaufgang eingesetzt. Der Lärm von Bohrmaschinen und das Klimpern von Metallstangen ertönen aus der Ferne, wo das gigantische weisse Galazelt hinter dem Eingangsportal sich langsam in ein Skelett verwandelt. Hunderte Helfer säumen die Strassen, vereinzelt markieren Polizei und Sicherheitskräfte noch Präsenz, der Exodus der Delegierten und Funktionäre ist aber längst vollzogen.

Nur Ottmar Hitzfeld ist noch da und empfängt kurz vor seinem Flug nach Zürich ein halbes Dutzend Schweizer Journalisten auf der Terrasse vor seinem Hotelzimmer. «Dieser Ort ist wirklich sehr schön», sagt Hitzfeld und geniesst den Blick in die malerische Idylle. Ein endloser Palmenhain zieht sich den Strand entlang, das Wasser ist von der Flut leicht aufgewühlt und bringt zu dieser Jahreszeit immer wieder Meeresschildkröten an Land. «Die Umgebung ist einfach fantastisch», schwärmt Hitzfeld noch einmal. «Nur die Hitze ist ein Problem», und trotzdem fühlt er sich wohl hier, so wohl, dass er am liebsten das Luxusresort für die WM im kommenden Jahr buchen würde. Die Nähe zu Salvador do Bahia, dem zweiten WM-Spielort im Triangel zwischen der Bundeshauptstadt Brasilia und Manaus, wäre ideal.

Zum grossen Bedauern von Hitzfeld ist der Luxuspark Costa do Sauípe für die WM nicht auf der Liste der Fifa-Hotels, und das bereits reservierte Schweizer Teamhotel im Süden von São Paulo ist mit den Spielorten der WM-Gruppe E nicht vereinbar. «Wir müssen umdenken und die Planung neu vorantreiben. Es gibt noch viele Fragezeichen und wir sind selber gespannt, wie wir das strategisch gestalten», sagt Hitzfeld und warnt vor dem Abenteuer in Brasilien vor den klimatischen Bedingungen im Amazonas, wo die Schweiz im letzten Gruppenspiel in Manaus gegen Honduras antreten muss. «Manaus wird eine Hitzeschlacht. Da will ja wegen der hohen Temperaturen und der grossen Luftfeuchtigkeit eigentlich keiner spielen. Aber wir müssen die Situation jetzt so akzeptieren und die beste Lösung finden.» Die latente Gefahr von Malaria und dem Denguefieber, der Knochenfieberkrankheit, will der Nationaltrainer so schnell wie möglich von der medizinischen Abteilung des Verbandes abgeklärt haben, um frühzeitige Impfungen zu veranlassen.

«Das Wetter hat einen Einfluss auf die Spielweise»

Einen kleinen Vorteil sieht Ottmar Hitzfeld jedoch in der Reihenfolge der Spielorte. Beim Startspiel gegen Ecuador ist nicht die Hitze, sondern die Trockenheit das grösste Problem. Umgekehrt fällt das Spiel gegen Frankreich in Salvador genau in die lokale Regenzeit, bei gemässigten Temperaturen. «Das erste Spiel in Brasilia ist für uns die Vorstufe zu den Tropen. Danach wird es von Spiel zu Spiel anspruchsvoller - ein schöner Steigerungslauf», sagt Hitzfeld und macht sich dabei auch Gedanken zu seiner taktischen Marschroute. «Das Wetter hat einen grossen Einfluss auf die Spielweise.» Hitzfeld erhofft sich nach der Partie gegen Ecuador wichtige Hinweise hinsichtlich der physischen Belastung. «Es ist wohl kaum möglich, 90 Minuten lang Pressung zu spielen», sagt Hitzfeld und lächelt verschmitzt.

«Frankreich ist ein sehr attraktiver Gegner für uns»

«Wir müssen so schnell herausfinden, wie wir unsere Kräfte während des Spiels einteilen können.» Mit klimatischem Vorgeschmack geht die Reise von Brasilia nach Salvador do Bahia, wo die Schweiz auf Frankreich trifft und eine Vorentscheidung um den Gruppensieg herbeiführen will. «Frankreich ist ein sehr attraktiver Gegner für uns», sagt Hitzfeld und denkt dabei vor allem an Franck Ribéry, «einen der weltbesten Fussballer». Den kongenialen Flügelspieler kennt er noch aus seiner Zeit in München, wo er bei seiner Rückkehr zu den Bayern zweimal das Double gewann. Eine spezielle Verbindung hat Hitzfeld auch mit seinem fast 20 Jahre jüngeren Trainerkollegen Didier Deschamps. 1997 unterlag dieser als Spieler von Juventus Turin im Champions-League-Final Borussia Dortmund, angeführt von Trainer Ottmar Hitzfeld. «Didier und ich verstehen uns blendend. Wir haben uns nach der Auslosung noch unterhalten und waren uns sehr sympathisch.»

Viel mehr Zeit als für ein gemeinsames Foto blieb den beiden Kontrahenten nach der Gala aber nicht. Erst am Abend konnte sich die Schweizer Delegation ernsthaft Gedanken machen, wie die kommenden sechs Monate bis zur WM optimal ausgenutzt werden, um in Brasilien die Achtelfinals zu erreichen. «Ecuador und Honduras können zu Stolpersteinen werden, aber ich denke, wir kämpfen mit Frankreich um den Gruppensieg», sagt Hitzfeld. «Wir setzen uns in Brasilien keine Grenzen.» Ein möglicher Gegner im Viertelfinal wäre Deutschland in Rio de Janeiro. «Wenn die Deutschen so weit kommen», scherzt Hitzfeld. Es wäre bei allem Spass die perfekte Krönung seiner Karriere die nach der WM zu Ende geht

Erstellt: 08.12.2013, 11:16 Uhr

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