«Wir sind heute unberechenbarer»

Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld spricht über die WM-Qualifikation und das junge Schweizer Team, über sein umstrittenes Engagement beim «Blick» und die Problematik mit den gebürtigen Kosovaren im Nationalteam.

<b>Auf Erfolgskurs – und in der Kritik:</b> Ottmar Hitzfeld stand in den letzten Wochen in den Schlagzeilen.

Auf Erfolgskurs – und in der Kritik: Ottmar Hitzfeld stand in den letzten Wochen in den Schlagzeilen. Bild: Keystone

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Man konnte in den letzten Monaten viel vom neuen Geist im Nationalteam hören. Was hat sich für Sie konkret verändert?

Ottmar Hitzfeld: Das Gesicht der Auswahl hat sich in den letzten zwei Jahren massiv verjüngt. Dabei haben wir auch Glück, gibt es in der Schweiz eine goldene Generation mit Spielern wie Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka oder Ricardo Rodriguez. Zudem ist es uns gelungen, spielerisch Fortschritte zu erzielen. Das ist wichtig, weil es keine kleinen Nationalteams mehr gibt, alle sind gut organisiert. Es braucht technische Mittel, um Tore zu schiessen.

Ist das aktuelle Team jene Auswahl, die am meisten Potenzial besitzt, seit Sie 2008 die Schweiz übernommen haben?

Es ist heikel, Teams zu vergleichen. Auch jene Mannschaft, die sich für die WM 2010 qualifizierte, verfügte über viel Qualität. Wir sind heute unberechenbarer, frischer, frecher. Früher waren wir ein bisschen torgefährlicher und hatten mehr Stürmer, die in ihren Vereinen stark spielten. Es gibt, bei aller Zufriedenheit über den guten Start in die WM-Qualifikation, schon noch Problemzonen wie die Innenverteidigung oder den Sturm, wo wir nicht so viele Alternativen besitzen.

Ist es für Sie kein Problem mehr, sind selbst Schweizer Leistungsträger wie Shaqiri bei Bayern, Tranquillo Barnetta bei Schalke und vor allem Johan Djourou bei Arsenal keine Stammspieler?

Ich habe ja vor kurzem erklärt, dass ich meinen Vorsatz, nur Akteure aufzubieten, die im Klub gesetzt sind, nicht aufrechterhalten kann und will. Man muss sich anpassen können. Djourou hat zuletzt in Slowenien und gegen Albanien gut gespielt. Das Risiko, ihn ohne Praxis einzusetzen, hat sich ausbezahlt. Wir sind derzeit relativ eingespielt, das kann wichtiger sein als Spielpraxis im Klub. Die Schweiz ist nun mal nicht Deutschland oder Spanien.

Xhaka fühlt sich im defensiven Aufbau wohler, bei Ihnen spielt er als Regisseur weiter vorne. Dort würde gerne Shaqiri agieren, es ist jene Position, auf der er sich aufstellen würde...

(lacht) ...die meisten Fussballer wären am liebsten Spielmacher, das war schon immer so. Shaqiri hat bei Bayern und bei uns auch im Zentrum überzeugend gespielt, aber ich sehe ihn im Moment am Flügel noch einen Tick besser. Für mich ist es wunderbar, solche Optionen zu besitzen.

Auch über Xhakas Rolle im Nationalteam wird fleissig diskutiert. Er würde am liebsten den Sechser vor der Abwehr geben.

Es ist schwieriger, als Zehner zu spielen. Man muss den Ball oft mit dem Rücken zum Tor annehmen und hat weniger Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Xhaka kann das sehr gut. Aber er könnte auch neben Gökhan Inler vor der Abwehr spielen. Gute Fussballer finden immer zueinander.

Man vernahm zuletzt, Sie hätten sich verändert. Inwiefern?

Man lernt laufend dazu, das ist ein Prozess, man sucht ständig nach neuen Ideen und Lösungen. Stimmen die Resultate wie bei uns zuletzt, heisst es sofort, der Trainer hat alles richtig gemacht und sich positiv verändert. Ich weiss das einzuschätzen. Und ich bin ein offener Mensch, sonst hätte ich mich nicht so lange bei Bayern und Dortmund halten können. Letztlich ist man als Trainer von den Spielern abhängig.

Haben Sie in der Teamführung wegen der vielen jungen Fussballer etwas umstellen müssen?

Man entwickelt ein Gespür dafür, was das Team gerade braucht. Jetzt haben wir jüngere Spieler, da muss man anders vorgehen. Es ist immer ein Abwägen, wie straff oder locker man führt.

Ist es für Sie angenehmer, wenn Spieler wie Alex Frei und Marco Streller, die in der Schweiz polarisieren, nicht mehr dabei sind?

Nein. Ich hatte zu beiden stets ein gutes Verhältnis. Es waren wertvolle, für mich pflegeleichte Spieler, die sich gut eingebracht haben. Frei und Streller polarisierten halt, weil sie beim FC Basel spielten, dem besten Klub des Landes. Aber so schlimm war das auch nicht, da wurde vieles aufgebauscht. Heute sind die meisten Nationalspieler im Ausland engagiert, sie bieten dadurch weniger Angriffsfläche.

Nun steht eine Doppelrunde mit Partien gegen Norwegen und in Island auf dem Programm. Mit zwei weiteren Siegen könnte sich die Schweiz schon absetzen.

Die Ausgangslage ist gut. Aber das werden schwierige Spiele gegen kampfstarke, solide, kräftige Teams. Viele Leute in der Schweiz haben ja das Gefühl, die Qualifikation für die WM sei ein Selbstläufer. Doch das ist nicht so.

Würden Sie also für 4 Punkte aus den 2 Partien unterschreiben?

(lacht) Ich würde nie unterschreiben, wenn ich 6 Punkte gewinnen kann. Und sowieso denke ich nicht an die zwei nächsten Spiele, sondern nur an die Partie gegen Norwegen. Wir wollen unsere Heimspiele gewinnen.

Sie dürften besonders froh um die positive Haltung dem Nationalteam gegenüber sein. Als bekannt wurde, dass Sie in Zukunft für den Ringier-Verlag arbeiten und für den «Blick» Kolumnen schreiben werden, waren die Reaktionen sehr negativ gewesen. Hat Sie das überrascht?

Es war für mich schon klar, dass es Kritik gibt. Trotzdem habe ich das gemacht, weil jeder weiss, dass bei mir die Integrität immer an erster Stelle steht. Ich habe eine Vorbildfunktion, und nur weil ich ein paar Kolumnen für den «Blick» schreibe, heisst das nicht, dass ich diese Zeitung bevorzuge.

Darum geht es ja gar nicht.

Und zudem habe ich früher schon für andere Zeitungen Kolumnen geschrieben und mache das in Deutschland immer noch.

Aber haben Sie die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nicht doch ein wenig unterschätzt?

Nein, zumal ich mit Kritik umgehen muss. Mir war klar, dass einige Journalisten meinen Ruf in Frage stellen und dafür fadenscheinige Argumente finden würden. Das gehört dazu, ich habe als Trainer sehr viel erlebt.

Würden Sie das nicht machen, gäbe es keine Angriffsfläche.

Man kann auch mal Dinge machen, die Angriffsfläche bieten.

Haben Sie denn Verständnis, dass man Ihr Engagement ungewöhnlich finden kann? Es ist zum Beispiel unvorstellbar, dass Bundestrainer Joachim Löw für die «Bild» schreiben würde.

Warum? Wenn Joachim Löw für den angesehenen Springer-Verlag als Repräsentant arbeiten würde, wäre das auch für ihn eine Ehre.

Und es wäre nicht vielleicht besser gewesen, Ihre Tätigkeit für Ringier und den «Blick» erst nach dem Ende Ihrer Arbeit als Nationaltrainer zu beginnen?

Nein, ich beginne jetzt und fahre dann weiter (lacht). Diese ganze Geschichte wird überschätzt.

Kürzlich kritisierten Sie in der «Sport-Bild» in einer Kolumne Mehmet Scholl, der für die Bayern als Trainer des zweiten Teams arbeitet und Bayerns Nationalspieler als ARD-Experte teilweise hart attackiert hat...

...das ist jetzt wirklich etwas völlig anderes...

...aber es besteht ebenfalls ein Interessenkonflikt...

...ich schreibe über internationale Themen und greife doch im «Blick» nicht Nationalspieler an.

Das wäre aber grosser Boulevard.

(lacht) Da hätten die Journalisten Freude, das ist mir klar. Scholl hat teilweise mit giftigen Worten Bayern-Spieler kritisiert, etwa an der EM, als er über Stürmer Mario Gomez sagte, dieser bewege sich zu wenig und habe sich wund gelegen. Das ist problematisch.

Es ist dennoch erstaunlich, sehen Sie mit Ihrer riesengrossen Erfahrung die Problematik dieser Zusammenarbeit nicht. Wenn es dem Nationalteam nicht gut läuft, sind die «Blick»-Journalisten ausserdem nicht frei in ihrer Schreibe über Sie.

Sie sind selbstständig. Ringier-CEO Marc Walder hat sicher nicht die Direktive herausgegeben, der «Blick» dürfe nur noch positiv über mich schreiben. Es gab halt Aufregung, weil das etwas Neues und Unerwartetes ist.

Etwas Neues ist für Sie auch die Kosovo-Problematik.

Unsere Nationalspieler aus Kosovo wurden vor dem Länderspiel gegen Albanien angegriffen, das hat sie getroffen. Das muss schlimm gewesen sein. Ich werde als Deutscher in der Schweiz vielleicht auch mal beleidigt. Aber meine Familie ist dann nicht auch davon betroffen.

Xhaka hat sich in einem offenen Brief an die Albaner gewandt.

Er wollte sich rechtfertigen, seine Wurzeln sind in Kosovo, sein Herz schlägt auch für die Heimat.

Hätte er sich nicht besser mit Ihnen absprechen sollen?

Dafür haben die Spieler ja alle eigene Berater.

Wie gross ist denn die Gefahr, dass Xhaka, Shaqiri, Valon Behrami, Blerim Dzemaili und Admir Mehmedi abspringen, falls Kosovo ein Nationalteam stellen darf?

Das kann noch lange dauern. Und ich glaube nicht, dass diese Spieler gehen würden. Sie haben eine hohe Verbundenheit zur Schweiz, fühlen sich wohl und können mit uns mehr erreichen. Würde die Schweiz nicht in der gleichen Gruppe wie Albanien spielen, gäbe es diese Diskussion gar nicht.

Erstellt: 06.10.2012, 10:49 Uhr

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