Wundern übers Wunderkind

Alle Welt wollte einst Martin Ödegaard verpflichten. Er kam zu Real Madrid – und geriet aufs Abstellgleis. Jetzt spielt er in Holland.

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Der 18-Jährige, den sie einst Wunderkind nannten und den neuen Messi, hatte nun also die Chance. Freitagabend, es lief die 42. Minute, Martin Ödegaard dribbelte durch den Strafraum von Willem II Tilburg, den Ball eng am Fuss, der Körper aufrecht, der Blick Richtung Rückraum.

Zwei, drei Sekunden dribbelte er, da lief ihm ein Mitspieler entgegen. Ödegaard sah ihn, er passte, und jetzt würde er endlich seine nächste Vorlage geben, die Diskussionen um sich beenden, wenigstens ein bisschen. Dann schoss sein Mitspieler Sam Larsson, aber unterwegs überlegte der Ball es sich anders, er hielt es für eine gute Idee, sich auf der Linie noch aufhalten zu lassen. Kein Tor für den SC Heerenveen. Keine Vorlage für Martin Ödegaard.

Andererseits: War das nicht ein Fortschritt, dass er so nah dran war an einer Vorlage? Und dass er in dieser 42. Minute überhaupt auf dem Platz stand?

Bayern? ManU? Real!

Es ist gar nicht so lange her, da galt Ödegaard, 1998 geboren im norwegischen Drammen, als einer der angesagtesten Bubis im europäischen Fussball. Er machte Sachen, die in seinem Alter kein anderer machte. Er war 14, als er bei Strömsgodset IF mit der ersten Mannschaft trainierte. Er war 15, als er in Norwegens erster Liga spielte. Er war der bis dahin jüngste Spieler, der je in einem EM-Qualifikationsspiel auflief, 15 Jahre und 300 Tage alt – in solchen Fällen zählen die Menschen immer sehr genau.

Feine Technik am Ball: Martin Ödegaard zaubert. Video: Youtube

Das «Time»-Magazin nahm ihn auf die Liste der 30 einflussreichsten Teenager der Welt, und er konnte sich aussuchen, zu welchem Club er gehen würde. Ödegaard machte Probetrainings beim FC Bayern, bei Manchester United.

Dann ging er zu Real Madrid, im Winter 2015 war das. Und von da an nahm Ödegaards Geschichte eine entscheidende Wendung: Dem Wunderkind gelangen kaum noch wunderbare Dinge. Ödegaard wurde zum Fallbeispiel, an dem sich zeigt, was Erwartungen, Etiketten mit einem jungen Spieler machen können.

Aber von vorne: Sein Vertrag sicherte dem damals 16-Jährigen zu, bei Real mit der ersten Mannschaft zu trainieren, mit Ronaldo, Bale, Kroos, Modric. An den Wochenenden spielte Ödegaard dagegen mit der zweiten Mannschaft in der dritten Liga. Doch die Schlagzeilen über ihn handelten nun nicht zuallererst von Heldentaten auf dem Platz. Es ging zum Beispiel darum, dass er sich mit Trainer Zinédine Zidane stritt.

Der Wechsel aus PR-Gründen

Im Mai 2015 spielte Ödegaard das erste Mal für die Profis, beim 7:3 gegen Getafe wechselte der damalige Real-Trainer Carlo Ancelotti ihn ein: in der 58. Minute, für Cristiano Ronaldo. Der alte Galaktische geht raus, der neue kommt, diese Symbolik steckte in dem Wechsel. Aber in seiner Biografie ordnete Ancelotti diesen Wechsel später ein, von «PR-Gründen» sprach er, Real-Präsident Florentino Pérez habe das von ihm verlangt. Danach spielte Ödegaard nur noch in der zweiten Mannschaft. Seine Bilanz dort: 62 Spiele, fünf Tore, acht Vorlagen.

Es gibt viele Geschichten von Fussballern, die als überirdische Talente gehandelt wurden, aber dann vergleichsweise irdische Karrieren erlebten. Freddy Adu etwa, der 14 war, als er beim Erstligisten D.C. United einen Vertrag unterschrieb. Endlich sollten die USA auch ihren «soccer hero» haben, hiess es damals. Dann aber tingelte Adu von Club zu Club, ohne gross aufzufallen. Zwischenzeitlich spielte er in Serbien und der vierthöchsten Liga in Finnland, seit diesem Jahr ist er ohne Verein. Mit 27 Jahren ist die Karriere vorbei.

Oder Bojan Krkic, der einst bei Barcelona als neuer Messi angetreten war. Und der jetzt, mit 26, an Mainz 05 ausgeliehen ist, wo er bis zu seinem Tor in München an diesem Samstag wenig zeigte.

«Ein Wunderkind?»

Und Ödegaard? «Ein Wunderkind? Ich bin ein ganz normaler Junge»: Diesen Satz hat er kürzlich selbst gesagt, im Januar war das, als er beim SC Heerenveen vorgestellt wurde. Ödegaard war gerade 18 geworden, deshalb durfte Real ihn ausleihen (die Leihe endet im Sommer 2018). Die holländische Ehrendivision schien passend für einen wie ihn, einen Techniker mit viel Gefühl im Fuss. Andererseits hat er in den vergangenen Monaten gelernt, dass man den Ruf des Wunderkinds mit einem Satz nicht einfach loswird.

Bei Heerenveen hat er 13-mal gespielt, siebenmal von Anfang an, er hat drei Vorlagen gegeben. Das ist eine durchschnittliche Bilanz, aber bei einem wie ihm wird Durchschnitt schnell als Scheitern interpretiert.

Eine kurze Sache: Sein Debüt bei Heerenveen in der Ehrendivision. Video: Youtube

Sein Trainer Jurgen Streppel sagt: «Er kann es besser, denke ich. Er muss entscheidend sein auf dem Platz, kreativ und mehr Überzahlsituationen schaffen.» Und fügt an: «Andererseits ist das ja der schwierigste Aspekt des Fussballs.» André Bergdölmo, einst Profi und Norweger wie Ödegaard, findet, bei Heerenveen habe Ödegaard «erst gelernt, was es heisst, Profifussballer zu sein».

Es ist ja so: Wenn es darum geht, Ödegaards Entwicklung zu beurteilen, kommt es immer auch darauf an, woran man ihn misst. Daran, dass er mit 15 für die Nationalmannschaft gespielt hat, dass er als grösstes Versprechen in Europa galt? Oder daran, dass er immer noch erst 18 ist? Und dass es nicht so viele andere Spieler in seinem Alter gibt, die regelmässig in einer der grössten europäischen Ligen spielen?

Unbeirrter Glaube an sich selber

Martin Ödegaard ist noch immer ein junger Spieler, und er ist noch immer ein begabter junger Spieler, das zeigen seine Dribblings, seine Pässe. Aber für ihn geht es nun vor allem um eines: um Zeit. Sein Mitspieler Reza Ghoochannejhad sagt: «Wir müssen ihm vor allem die Zeit geben, um sich zu akklimatisieren. Er hat enorme Qualitäten, das sieht man im Training.»

Sein Trainer Streppel sagt: «Er braucht Zeit, um sich anzupassen. Und Ödegaard selbst sagte neulich einer Lokalzeitung: «Ich merke, dass ich hier ein besserer Spieler werde.» Und: «Es ist keine Krise, meine Zeit kommt noch.» Es klang ein bisschen so, als müsse er es nur mal erwähnen, damit es auch eintrifft.

Erstellt: 25.04.2017, 10:05 Uhr

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