YB würde ihn am liebsten in Watte packen

Fabian Lustenberger ist schon nach wenigen Wochen der wichtigste Spieler beim Meister.

Ramponiert, fast furchterregend: Fabian Lustenberger gegen Lugano.

Ramponiert, fast furchterregend: Fabian Lustenberger gegen Lugano. Bild: Anthony Anex/Keystone

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Es gibt ein paar Bilder von ­Fabian Lustenberger aus der noch jungen Saison, die hängen geblieben sind. Erstes Heimspiel mit YB: Nach einem harten Foul von Servettes Koro Koné bleibt Lustenberger am Boden liegen, später muss er mit einer schweren Rückenprellung ausgewechselt werden.

Zweites Heimspiel mit YB: Eine tiefe Kopfwunde wird gegen Lugano getackert, zuerst auf dem Feld, später in der ­Pause, Lustenberger trägt erstmals in seiner Karriere einen Turban. Er sieht mit Bart und Blutspuren fast furchterregend aus. «Schmerzhaft» seien die kleinen Operationen gewesen, sagt er. «Aber das Spiel ging ja weiter, es gab keine andere Lösung.»

Erst ein paar Wochen ist Fabian Lustenberger bei den Young Boys. Aber es ist, als sei der 31-Jährige immer da gewesen. Das hängt damit zusammen, dass er Vorgänger Steve von Bergen ­beinahe wie einen Zwilling ersetzt. ­Lustenberger ist: Captain, Abwehrchef, Führungskraft, Sprachrohr. Er erledigte seine Aufgaben: professionell, routiniert, teamorientiert. Dabei ist er ein anderer Spielertyp als von Bergen, mit dem er seit gemeinsamen Berliner Zeiten befreundet ist, die Familien haben schon zusammen Ferien verbracht.

Lustenberger ist spielerisch stärker, aber weniger robust, wobei er sich trotz seines schmalen Körpers gleichfalls unerschrocken in die Zweikämpfe wirft, mit starkem Stellungsspiel brilliert, ­viele im Ansatz heikle Aktionen des Gegners gar nicht erst gefährlich werden lässt.

«Er spielt extrem schlau», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane, der Charakter, Erfahrung und Klasse seines wichtigsten Fussballers lobt. Man hat jedenfalls eine solide Ahnung erhalten, warum Sportchef Christoph Spycher bereits vor einem Jahr zum Entschluss kam, Lustenberger sei mit seiner ­«Sozialkompetenz, Mentalität und Führungsqualität» der perfekte Spieler, um als Steve von Bergen 2.0 ab Sommer 2019 die YB-Defensive zu leiten.

Die Liebe seines Lebens

12 Jahre spielte Lustenberger bei der Hertha in Deutschlands Hauptstadt. Er hat dort die Liebe seines Lebens kennen gelernt, ist dreifacher Vater geworden und befasste sich aus privaten Gründen mit der Rückkehr in die Schweiz. Im Herbst überzeugte ihn Spycher bei einem ­langen Gespräch in Berlin vom Projekt. «Ich war begeistert», sagt Lustenberger, «und sofort von YB überzeugt.»

Er hat nun endlich die Möglichkeit, Trophäen zu gewinnen. Mit dem FC Luzern verlor er, gerade 19 geworden, 2007 den Cupfinal im Stade de Suisse gegen den FCB 0:1. Lustenberger wurde in der 91. Minute gegen Ersatztorhüter Besnik Zukaj ausgewechselt, nachdem Goalie David Zibung wegen eines angeblichen Notbremsefouls eine umstrittene Rote Karte gesehen hatte. Daniel Majstorovic verwandelte den Elfmeter zum Last-Minute-Sieg Basels.

Favres Lobeshymne

Wenige Wochen später ging der ­Innerschweizer in die Bundesliga zu Trainer Lucien Favre, der die aussergewöhnliche Spielintelligenz Lustenbergers erkannte und den jungen Landsmann in Berlin förderte. Als der Defensivspieler die Hertha nach über 300 Pflichtspielen, davon 220 in der Bundesliga, als Clubikone verliess, schrieb Dortmunds Coach Favre im Berliner «Tagesspiegel» eine liebevolle Lobeshymne, die sich am besten so zusammenfassen lässt: «Er spürt den Fussball.»

Nun möchte Lustenberger auch sein Standing in der Heimat aufpolieren. Nur drei Länderspiele hat er absolviert, die Konkurrenten im zentralen Mittelfeld sowie in der Innenverteidigung standen bei den Medien sowie den Nationaltrainern Ottmar Hitzfeld und Vladimir ­Petkovic höher im Kurs. Zumindest sieht das Lustenberger so.

In der Übersicht über die Schweizer Fussballer in Topligen sei in den Zeitungen bei den anderen meistens eine exakte Beschreibung der Leistungen zu lesen gewesen. «Und bei mir hiess es einfach: Hertha mit Lustenberger», sagte er bei einem Besuch im Frühling in Berlin.

Ein dänischer Innenverteidiger für YB

Lustenberger fühlte sich ungerecht behandelt. Einen Rücktritt aus dem Nationalteam jedoch empfände er als lächerlich, er sei ja nie Stammspieler gewesen. Nach seinen länderspielreifen Vorstellungen zuletzt sagt er zum Thema Nationalteam: «Das ist nicht wichtig, wir haben bei YB hohe Ziele.»

Sein Fokus gilt den Young Boys. Der Saisonstart ist gelungen: Rang 1 in der Liga, 1:0 am Freitagabend im Cup beim ­unbequemen Etoile Carouge aus der Promotion League. Meisterlich aber agiert YB nicht. «Es gab bei uns im ­Sommer viele Wechsel, zudem haben wir einige Verletzte», sagt Lustenberger. «Niemand hat erwartet, dass wir durchmarschieren. Wir benötigen Geduld.»

Am liebsten würden die Young Boys Lustenberger nach den schweren Verletzungen von Sandro Lauper (Kreuzbandriss) und Mohamed Camara (Schienbeinbruch) in Watte packen. Um für den strengen Herbst gerüstet zu sein, verpflichten sie den dänischen Innenverteidiger Frederik Sörensen, unter ­anderem bei Juventus ausgebildet, von Köln leihweise bis Ende Saison.

Am Mittwoch tritt YB zu Hause gegen Roter Stern Belgrad zum Hinspiel des Champions-League-Playoff an. Selbst für Routinier Lustenberger ist das eine besondere Begegnung. In der Königsklasse hat er nie gespielt.



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Erstellt: 18.08.2019, 11:46 Uhr

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