Zickige Geliebte

Bruno und Luca reden über Pep Guardiola. Sie brechen ab, sie werden sich nie einig.

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Sie reden und reden und ereifern sich und merken gar nicht, dass der Espresso kalt geworden ist, sie haben nur ein Thema.

Einen wie ihn werden wir nie mehr in unserer Nähe haben, sagt der eine.

Zum Glück, sagt der andere.

Er hat den Fussball schöner ­gemacht, sagt der eine.

Es war doch nur noch langweilig, dieses ständige und ewige Den-Ball-­einander-Zuschieben, sagt der andere.

Es war Fussball in seiner schönsten Form, wie eine Symphonie manchmal, sagt der eine. Und er macht sich so viele Gedanken über das Spiel, seine glücklichsten Momente erlebte er allein in seinem Büro, vor dem ­Laptop, bei der Suche nach seiner nächsten Idee und der Perfektion.

Er hat versagt, sagt der andere.

Er hat das Triple geholt, sagt der eine, in seinen drei Jahren wurde er dreimal Meister.

Er hat das Triple nicht geholt, sagt der andere. In der Champions League ist er dreimal nacheinander im ­Halbfinal gescheitert. Die Meisterschaft ist doch nur ein Trostpreis.

Titel sind für ihn sowieso nicht das primäre Ziel, sagt der eine. Er hat höhere Ambitionen. Fussball ist für ihn Emotion, Titel sind Ziffern.

Was für ein dummes Geschwätz, sagt der andere.

Er strebe keine Titel an, er suche Liebe, Liebe, nichts mehr, habe er mal erklärt, sagt der eine.

Die fand er in München nicht, sagt der andere. Und wie er redete, immer dieses super-super-super, und wie er ständig betonte, er liebe alle, auch jene, die er gar nicht mochte – nicht mehr zum Aushalten.

Er hat Stil, sagt der eine.

Seine massgeschneiderten Anzüge waren so eng, dass er einmal mit einer gerissenen Hose coachen musste, peinlich, sagt der andere.

Stil als Mensch, sagt der eine. Einmal trat er im Münchner Literaturhaus auf und las auf Katalanisch Gedichte vor, über Liebe und Tod und Erotik.

Das Beste habe ich mal in der ­«Süddeutschen» über ihn gelesen, sagt der andere. Er sei wie eine sehr gut aussehende, sehr erotische, aber schon auch irre zickige Geliebte, die man jeden Morgen stolz neben sich im Bett betrachtet, wenn man auch nie weiss, mit welcher Laune sie gleich aufwachen wird.

Sie werden ihn sehr bald sehnlichst vermissen und merken, was er ihnen beigebracht hat von diesem Spiel, sagt der eine, er war einfach genial.

Zum Glück kommt im Sommer einer, der Tortellini liebt, etwas mollig ist und der einfach in sich ruhend und Kaugummi kauend mit den Händen in den Hosentaschen am Spielfeldrand steht, sagt der andere. Der nicht so kompliziert ist und ständig winkt und fuchtelt, und bei dem die Spieler nicht immer rätseln müssen, wo und wie sie jetzt zu spielen und sich zu bewegen haben.

Die beiden reden über den Gleichen, und sie haben beide recht, weil es bei ihm nur eines gibt: entweder man ist für ihn oder gegen ihn. Bruno und Luca reden an diesem Morgen im Bistro über Pep Guardiola. Sie brechen ab, sie werden sich nie einig. Der Espresso bleibt stehen.

Erstellt: 10.05.2016, 09:30 Uhr

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