Zürcher Schüsse ins St. Galler Herz

Der FCZ schlägt dank seiner Effizienz den Seriensieger St. Gallen 3:1.

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Ruhe bitte. Besonnenheit. Ludovic Magnin ermahnt seine Leute auf der Bank. Ausgerechnet er, der zuvor mit seinem Schreien die ganze Haupttribüne gegen sich aufgebracht hat, ausgerechnet er, der für das Laute steht und weniger für das Besonnene, will nun genau das: Ruhe bitte. Besonnenheit. Der FC Zürich hat Sekunden zuvor das 3:1 gegen St. Gallen geschossen, Tosin Aiyegun hat eingeschoben und ein ganzes Stadion zum Schweigen gebracht. Die ganze St. Galler Euphorie, die sich in den Wochen der vielen Siege angesammelt hat, sackt in sich zusammen.

Doch sie erhebt sich bald wieder im Kybunpark, in der vollen Hütte, wie der Stadionsprecher es sagt. Auch wenn das Spiel verloren ist, wird auf den Rängen gesungen und gefeiert, auch dann noch, als die Partie längst abgepfiffen ist. Die Spieler stehen vor ihren Fans, und wissen gar nicht so recht, was sie damit anfangen sollen. Sie wurden geschlagen – und werden trotzdem besungen. Aus der Distanz schaut Präsident Matthias Hüppi zu, mit Schal um den Hals und Händen im Hosensack. Auch er ist enttäuscht, und doch ist da das Hüppi-Lachen. «Es ist schön, so viele Leute mobilisieren zu können, ihnen mit unserem Projekt Freude machen zu können.»

In St. Gallen nennen sie sich zur Zeit Familie, Trainer Zeidler sieht sich gar seelenverwandt mit Sportchef Alain Sutter, überhaupt ist da was zusammengewachsen, das Team hat eine Hinrunde hingelegt, die Hüppi als «über den Erwartungen» beschreibt. Da will es gar nicht so recht ins Bild passen, dass der Trainer noch vor dem Spiel davon sprach, den Abstieg noch nicht abgewendet zu haben. Doch längst nicht alle teilen hier Zeidlers Skepsis.

In St. Gallen werden gerade verborgen geglaubte Wünsche in den Alltag getragen. Vielleicht, allenfalls, wenn alles gut laufen würde, dann könnte das etwas werden mit dem Titel. Ein Wort, das man zuletzt in der Ostschweiz nicht mehr kannte. Zu weit weg, zu unrealistisch, doch nun huscht es manchem über die Lippen. Hüppi sagt vielleicht auch darum, dass er froh sei um die Fortschritte. Er habe nicht gedacht, dass sie nach zwei Jahren so weit seien.

Erst der Schock, dann die Dominanz

St. Gallen gegen den FCZ ist ein Duell zweier Clubs, die so unähnlich gar nicht sind. Sie werden von einem emotionalen Präsidenten geleitet (Hüppi und Canepa), der Sportchef ist ein ehemaliger Nationalspieler ohne Sportcheferfahrung (Bickel und Sutter), der Trainer hat den Hang, sich an der Seitenlinie mit wilden Bewegungen warm zu halten. Beide Clubs setzen zudem auf ein rasantes vertikales Spiel und junge Talente. Grösster Unterschied ist wohl der, dass St. Gallen das zur Zeit alles ein bisschen besser macht.

Dieser Unterschied ist auch an diesem Abend zu sehen. Die St. Galler greifen ab der ersten Sekunde an. Doch dann, plötzlich Stille. Drei Minuten sind gespielt, Marco Schönbächler hat geschossen, und Miro Muheim abgelenkt ins eigene Tor. Ein Schuss, mitten ins grünweisse Herz. «Einen Schock» nennt es Peter Zeidler. Er verspürt in sich unversehens eine unangenehme Wärme und zieht bereits in der vierten Minute in dieser bitterkalten Nacht die Jacke aus. Seine Spieler drücken darauf die Zürcher in deren Hälfte, sie haben bis zu 74 Prozent Ballbesitz und kommen zu einem Penalty. Quintilla tritt an, Goalie Brecher hält mit dem Arm, der Ball springt an sein Bein, von dort an den Pfosten und dann ins Tor.

Es ist das Fanal zu viel Lärm von den Rängen und einer Druckphase, die der FCZ mit Glück und einem Lattentreffer übersteht. Doch plötzlich legt sich wieder Stille über den Kybunpark. Blaz Kramer wird im Strafraum gefällt, Antonio Marchesano darf den Penalty verwandeln. Es sind die Höhepunkte in diesem starken Spiel. «Intensiv» nennt es Magnin. Er spricht von einer Entwicklung wie zuvor Hüppi, er ist stolz darauf, wie sein Team dem St. Galler Ansturm entgegengehalten hat.

Als alles gesagt ist, verabschiedet sich der einstige Französischlehrer Zeidler beim Romand Magnin: «Bonnes vacances!» Genau, es ist Winterpause.

St. Gallen - Zürich 1:3 (1:2)

19'024 Zuschauer (ausverkauft). - SR San.

Tore: 3. Muheim (Eigentor) 0:1. 28. Quintillà (Foulpenalty) 1:1. 45. Marchesano (Foulpenalty) 1:2. 74. Tosin (Marchesano) 1:3.

St. Gallen: Stojanovic; Hefti, Stergiou (71. Guillemenot), Letard, Muheim; Görtler, Quintillà, Ruiz; Itten; Babic (84. Staubli), Demirovic.

Zürich: Brecher; Rüegg, Nathan, Mirlind Kryeziu, Pa Modou; Sohm, Domgjoni; Tosin, Marchesano (79. Janjicic), Schönbächler (89. Kololli); Kramer (53. Mahi).

Bemerkungen: St. Gallen ohne Bakayoko, Nuhu, Lüchinger, Klinsmann und Strübi (alle verletzt), Fabinho, Ribeiro, Rüfli und Campos (alle nicht im Aufgebot). Zürich ohne Charabadse, Hekuran Kryeziu und Winter (alle verletzt), Ceesay, Bangura, Kasai, Popovic und Zumberi (alle nicht im Aufgebot). 38. Lattenschuss Demirovic. 89. Pfostenschuss von Mahi. Verwarnungen: 15. Letard (Foul), Görtler (Reklamieren), 21. Nathan (Foul), 30. Sohm (Foul, im nächsten Spiel gesperrt), 44. Hefti (Foul). 59. Schönbächler (Foul).


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Erstellt: 14.12.2019, 21:34 Uhr

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