«Zuhören ist bei mir noch ein Prozess»

Erstmals seit seinem überraschenden Rücktritt vom Profifussball redet David Degen. Über sein neues Leben, seinen stillen Abgang – und über Murat Yakin.

«Am Sonntag, da standen wir plötzlich nicht mehr im Kader.» David Degen und die Erinnerung an das letzte Spiel als Fussballprofi – auf der Tribüne des St.-Jakob-Parks.

«Am Sonntag, da standen wir plötzlich nicht mehr im Kader.» David Degen und die Erinnerung an das letzte Spiel als Fussballprofi – auf der Tribüne des St.-Jakob-Parks. Bild: Oliver Gut

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Treffen mit David Degen zu vereinbaren? Im Prinzip ist das leicht. Jedenfalls beantwortet der Lampenberger die Anfrage sofort positiv. Doch das Wann und das Wo brauchen Zeit. Denn David Degen ist beschäftigt – und zwar mehr, als er das als Fussballer beim FC Basel war. «Bin in Singapur», schreibt er einmal zurück. Ein anderes Mal ist er in Bangkok. Schliesslich soll das Interview im Restaurant Noohn in Basel statt finden. Bis kurz vor der vereinbarten Zeit eine SMS eingeht – und der Treffpunkt an die Erlenstrasse 1 verlegt wird.

Das ist im Kleinbasel, neben dem Musical-Theater. Hier hat die Favoris AG ihren Sitz. Eine Gruppe, die im Personalwesen tätig ist und in die David gemeinsam mit Zwillingsbruder Philipp Degen investiert hat. Hier sitzt er zudem im Verwaltungsrat. «Es ist eines jener Unternehmen, in das ich am stärksten involviert bin», sagt der 31-Jährige, der seit Sommer nur noch Geschäftsmann ist, seine zweite Leidenschaft zu seiner ersten gemacht und seine Karriere als Kicker beendet hat.

David Degen, was ist intensiver: Fussball-Profi oder Geschäftsmann?
David Degen: Das Leben als Fussball-Profi bringt natürlich unglaubliche Emotionen mit sich, wenn es sich vor Tausenden Zuschauern abspielt. Das ist auch intensiv. Aber der Alltag als Geschäftsmann beansprucht mehr Zeit. Jedenfalls, wenn man so tickt wie ich. Also bin ich jetzt viel unterwegs, arbeite auch am Wochenende.

Worin ist der Geschäftsmann David Degen gleich wie der Fussballer?
Ich gebe Vollgas. Das ist bestimmt die grösste Parallele. Und der Ehrgeiz, der Wille, die sind gleich gross.

Und die Emotionen, für die Sie noch bekannter waren, als es Ihr Bruder ist?
Ich versuche, sie besser im Griff zu halten. Weil man analytischer, rationaler denken muss.

Haben Sie in einer Sitzung auch schon einmal Ihre typische Geste gezeigt, die Hände verworfen?
Ich drücke mich stark mit den Armen aus. Also: Ja, bestimmt habe ich meine Hände auch schon in Sitzungen verworfen (lacht).

Sie drücken sich auch verbal sehr intensiv aus. Auch im Geschäft?
Ein kluger Mann hat gesagt: Die Menschen hätten nicht das Sprechen, sondern das Zuhören lernen sollen. Das ist bei mir noch ein Prozess. So, wie ich auch sonst noch viel lernen muss.

David Degen ist schon in seiner Freizeit als Fussballer in die Geschäftswelt eingetaucht, hat sich engagiert. Woher das rührt, das weiss er nicht. Aber er erinnert sich, dass er als Kind schon mit Velos ein Sackgeld verdient hat. «Flicken, Teilchen handeln.» Eine zusätzliche Ausbildung, die hat er seit seinem Handelsdiplom nicht gemacht. Das will er jetzt nachholen: «Es gibt theoretisches Wissen in der Wirtschaft, das man einfach lernen und dafür die Schulbank drücken muss. Das werde ich ab Januar tun.»

Die Bank drücken. In seinem letzten Jahr als Fussballer musste er das beim FC Basel auch oft tun. Und manchmal, da sass er gar nur auf der Tribüne. Mit dem damaligen Trainer Murat Yakin – einst Mitspieler und Freund – kam es zum Bruch, in Kombination mit dem Aufkommen des Ägypters Mohamed Salah führte dies dazu, dass Degen kaum noch spielte. Und wenn er einmal spielte, dann kam er nicht auf Touren. «Wie auch?», fragt Degen. Und meint damit, dass einer guten Leistung auch Vertrauen vorausgeht. Vertrauen des Trainers in den Spieler und Vertrauen in sich selbst. «Die Beine funktionierten noch, der Kopf nicht mehr – und auf Profilevel entscheidet zu 80 Prozent der Kopf über die Leistung.»

Nach der Saison musste Yakin gehen. Und es ging auch David Degen. Die Meldung kam überraschend, weil sein Vertrag bis 2015 lief. Und sie kam nicht überraschend, weil seine Zeit davor so schwierig war, dass sich viele fragten, ob er dem FCB noch helfen könne.

Hat Murat Yakin Ihre Karriere beendet?
Das denken viele, stimmt aber nicht. Auch wenn dieses Jahr brutal war und ich vieles lesen musste, was so nicht stimmte – zum Beispiel, dass Philipp und ich via Medien gegen Yakin arbeiten. Dabei haben wir ein Jahr lang den Mund gehalten, was nicht nur leicht war … Aber die Entscheidung, aufzuhören, gärte schon länger und stand Ende Februar fest. Die Erlebnisse mit Yakin bestätigten mich höchstens in meinen Gedanken.

Wie sahen diese Gedanken aus?
Was ist mir künftig wichtiger: Fussballer sein, all die Spielchen im Zirkus weiter mitmachen – oder das, was ich damals nur als Hobby machte, die Wirtschaftswelt? Die Waage machte sofort so (hält die eine Hand hoch, die andere tief). Da war der Fall klar.

Wie kam es zum Zerwürfnis mit Yakin?
Das ist Vergangenheit, darüber will ich nicht reden. Ich mache meinen Weg, er wird den seinen machen.

Hatten Sie seit dem Ende seiner und Ihrer Zeit beim FCB noch Kontakt?
Nein.

Wie erinnern Sie sich an Ihr letztes Spiel?
Gar nicht. Ich weiss nicht, in welchem Spiel ich letztmals eingesetzt wurde. (Am 10. April, beim 0:5 im Europa- League-Spiel in Valencia; Red.)

Und wie erinnern Sie sich an das allerletzte Spiel auf der Tribüne?
Daran erinnere ich mich schon. Wir standen schon als Meister fest. Also hiess es noch am Freitag, dass ich gemeinsam mit Philipp zu Hause gegen Lausanne auf der rechten Seite spielen würde. Auch am Samstagmorgen nach dem Training deutete alles darauf hin. Dann wurde bekannt, dass Yakin nach dieser Saison nicht mehr Trainer sein wird. Und am Sonntag bei der Teamsitzung, da standen Philipp und ich plötzlich nicht mehr im Kader. Wir sassen dann gemeinsam mit Spielern wie Marcelo Diaz auf der Tribüne.

Das muss geschmerzt haben.
Nicht mehr. Ich habe nur noch geschmunzelt und mir gedacht: So geht es also zu Ende.

Wirklich zu Ende geht es ein paar Wochen später, in einem Gespräch mit den FCB-Verantwortlichen. Warum diese mit David Degen den Dialog suchten, kann man nur vermuten. Falls sie ihm das Karriereende hätten nahelegen wollen, so kam ihnen der Spieler zuvor, der die Sitzung mit der Information begann, dass er sich nicht mehr als Fussballprofi sehe.

Da waren 17 Länderspiele für die Schweiz. Da waren zwei Jahre bei Borussia Mönchengladbach. Da waren fünf Meistertitel mit dem FC Basel. Und dann war da kein Blumenstrauss, kein Abschieds spiel, kein letztes Winken in ein Publikum, das er oft erfreut und wohl ähnlich oft verärgert hatte. Sondern «ein Abgang durch die Hintertür», wie es David Degen selbst nennt.

Sie waren am 1. Oktober gegen Liverpool erstmals wieder im Basler St.-Jakob-Park. Kam Wehmut auf?
Nein, gar nicht.

Kommt die noch?
Ich glaube nicht.

Warum nicht?
Weil ich so viel anderes habe. Ich habe die Arbeit. Ich nehme Flugstunden mit dem Helikopter. Und ich betreibe eine neue Sportart.

Nämlich?
Thaiboxen. Und zwar auch intensiv.

Wann hatten Sie denn letztmals einen Ball am Fuss?
Hmmm … Tatsächlich wohl an jenem Samstag vor dem Lausanne-Spiel, im letzten Training.

Als junger Profi beim FCB kickten Sie sogar noch in Ihrer Freizeit gemeinsam mit Philipp in Lampenberg. Da konnten Sie kaum ohne Ball sein. Sind Sie überrascht, dass Sie es nun können?
Es bestätigt mich im Entscheid.

David Degen schliesst nicht aus, dass er eines Tages wieder in den Fussball zurückkehrt. Aber er schliesst fast jede Funktion aus, die einem dabei in den Sinn kommt. «Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist eine Tätigkeit, bei der ich meine Erfahrungen als Fussballer und als Geschäftsmann kombinieren kann. Zum Beispiel im Verwaltungsrat eines Clubs.»

So weit ist es noch nicht. Wird es vielleicht nie sein. Philipp Degen spielt weiter beim FCB. David Degen kümmert sich um die gemeinsamen Investitionen. Zum Beispiel ins Internet, wo er bei «dealini.ch» engagiert ist. Und andere Geschäfte, die er nicht alle aufzählen will. Wahrscheinlich, weil er schlechte Erfahrungen machen musste. So durfte er lesen, dass ihm Patrick Liotard-Vogt, der Zürcher Unternehmer, noch Geld schulde. Oder sah er sich – ebenfalls medial aufgenommen – einer Anzeige wegen unlauteren Wettbewerbs gegenüber, weil er mit der Agentur team-play Fabian Schär zum Managementwechsel überredet haben soll. «Alles kein Problem», wiegelt Degen ab, ohne im Detail darauf einzugehen. Fast so, wie wenn er früher über einen Trainer reden musste, der ihn nicht aufstellt. Der Fussball wirkt nach …

Sie haben immer polarisiert. Spüren Sie, dass es nun Menschen gibt, die nur darauf warten, dass Sie im Geschäftsleben auf die Schnauze fallen?
Worauf warten die denn? Ich bin schon mehrfach auf die Schnauze gefallen. Das gehört zum Lernprozess. Aber es gibt auch Dinge, die sehr gut funktionieren. Ich kann nur sagen, dass ich nach bestem Treu und Glauben handle. Aber ich behaupte nicht, dass ich ein Guru bin.

Worin unterscheidet sich der Geschäftsmann David Degen vom Fussballer?
Selbstständigkeit. Im Fussball musst du nur kicken. Der Rest wird dir abgenommen. Auch das Denken. Und dann die Transparenz. Ich bin für mein Leben jetzt selbst verantwortlich und muss für meine Handlungen allein geradestehen. Aber es gibt auch niemanden mehr, der mir vorschreibt, was ich tun soll.

Was haben Sie seit Ihrer Ankunft im richtigen Leben gelernt?
Das ganze Leben ist ein Lernprozess. Ich merke immer mehr, wie mir die Menschen um mich herum wichtiger werden, ich mich auf sie einlasse. Das ist als Fussballer nicht nötig. Da wollen alle etwas von dir, will dich jeder beraten, bist du für jeden wichtig. Da wird dir nur auf die Schulter geklopft.

Und danach?
Sind schnell viele weg. Und klopft niemand mehr auf deine Schulter. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.11.2014, 10:07 Uhr

Artikel zum Thema

«David Degen und ich sind befreundet»

Der Jetsetter Patrick Liotard-Vogt soll sich wegen Betreibungen in Millionenhöhe ins Ausland abgesetzt haben. Stimmt nicht, sagt der 29-Jährige. Mehr...

Wirbel um Basels Zwillinge vor GC-Spiel

Hintergrund Ein Zürcher Anwalt reicht gegen die Basler Fussballprofis David und Philipp Degen Strafanzeige ein und wirft ihnen unlauteren Wettbewerb vor. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Immer wieder schön: Das Matterhorn spiegelt sich im Morgengrauen im Riffelsee bei Zermatt (22. Juni 2018).
(Bild: Vaelntin Flauraud) Mehr...