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Absurdes System

Aller Protest nützte nichts: Das Phantom-Tor von Bayer Leverkusen gegen Hoffenheim zählt.

Thomas Schifferle
«1000-mal versuchen, das Loch noch einmal zu treffen»: Stefan Kiessling, hier im Gespräch mit Leverkusens Manager Rudi Völler.
«1000-mal versuchen, das Loch noch einmal zu treffen»: Stefan Kiessling, hier im Gespräch mit Leverkusens Manager Rudi Völler.
Keystone
Er will es nicht genau gesehen haben: Stefan Kiessling, Torschütze und Sündenbock in Personalunion.
Er will es nicht genau gesehen haben: Stefan Kiessling, Torschütze und Sündenbock in Personalunion.
Keystone
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Hans Eberhard Lorenz ist 62 und Vorsitzender Richter der Grossen Strafkammer am Landgericht Mainz. Lorenz führt seit sechs Jahren auch das Sportgericht des Deutschen Fussball-Bundes (DFB). Darum kommt es, dass er an diesem Montag derart im Mittelpunkt steht: Er muss im Fall des Phantom-Tores entscheiden, das Leverkusens Stürmer Stefan Kiessling am 18. Oktober bei Hoffenheim erzielte.

Hoffenheim, der Club von Milliardär Dietmar Hopp, verlangt eine Wiederholung, weil der Ball Kiesslings durch ein Loch im Seitennetz ins Tor gerutscht ist. Lorenz begrüsst Kiessling vor der Anhörung launig mit dem Hinweis: «Jetzt haben Sie endlich einmal eine Einladung vom DFB bekommen.» Der Leverkusener wird von Bundestrainer Joachim Löw trotz seiner vielen (korrekten) Goals seit langem nicht mehr zur Nationalmannschaft berufen.

Nach nur 90-minütiger Verhandlung enttäuscht Lorenz die Hoffenheimer Hoffnungen: Das 2:1 für Leverkusen bleibt bestehen. Der Richter erklärt: «Die Entscheidung ist zwar falsch, aber unumstösslich.» Der Satz ist bemerkenswert und sagt viel über diesen Fall aus, über das Regelwerk, das die Fifa diktiert. Der Weltverband stellt einen Entscheid über alles: den Tatsachenentscheid des Schiedsrichters. Und das tut er, weil er damit grundsätzlich die Position des Schiedsrichters stärken will – auch wenn ein Entscheid nachweislich falsch ist wie bei Felix Brych vor elf Tagen.

Der Schiedsrichter entscheidet

Die Episode von Hoffenheim führt zur Frage: Was ist schlimmer? Ein Tor anzuerkennen, bei dem der Ball nicht im Tor war? Oder ein Tor nicht anzuerkennen, bei dem der Ball über der Torlinie war?

Die Antwort gibt die Fifa: Der Schiedsrichter entscheidet. Damit lehrt sie uns: Manchmal hält sie ein einfaches Spiel wirklich gerne einfach. Sie tut das, weil sie möchte, dass der Fussball überall auf der Welt, ob in Dortmund oder Diessenhofen, in Timbuktu oder Tokio, unter den gleichen Voraussetzungen gespielt wird. Das System mag da absurde Züge annehmen, wo die Fernsehtechnik ohne grossen Aufwand als Hilfsmittel dienen würde – überall da eben, wo es ums grosse Geld geht: Champions League, Premier League, Bundesliga … Es geht dabei nicht um Offside oder nicht, um Elfmeter oder nicht. Es geht einzig und allein um die eine kapitale Frage: Tor oder nicht?

Die Lehre für Deutschland

Die Fifa wehrte sich über Jahre hartnäckig gegen die Einführung der Torlinientechnologie. Sie brach erst ein, weil ein Treffer des Engländers Frank Lampard an der Weltmeisterschaft 2010 gegen Deutschland nicht gegeben wurde, der eindeutig einer war. Und sie brach ein, weil da die ganze Welt mitbekam, welch eine Absurdität es ist, ein korrektes Tor nicht zu werten, und der Aufschrei entsprechend gross war.

An der nächstjährigen WM in Brasilien setzt die Fifa diese Technologie ein. In der englischen Premier League wird sie bereits diese Saison angewendet. Vielleicht denken nun auch die Deutschen ernsthaft darüber nach. Dann brauchen sie wenigstens nicht mehr der Fifa die Schuld für eine Ungerechtigkeit zu geben, die Leverkusen einen Sieg geschenkt hat.

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