Zum Hauptinhalt springen

Als ein Dorfclub auf irre Fahrt ging

Vor 30 Jahren kam die SSC Napoli letztmals in den Letzigrund – und brachte Jahrhundertfussballer Diego Maradona mit. Der Gegner damals: der kleine FC Wettingen. Drei Spieler erinnern sich.

1989 war Napoli zuletzt Gast in der Schweiz. Beim Spiel gegen Wettingen stand ein gewisser Diego Armando Maradona auf dem Platz. Video: YouTube.

Natürlich ist es dieser Pfiff, der die Erinnerung prägt. Ein Skandal, mindestens. Er brachte das 2:1 für den Favoriten, auf Penalty, spät und unverdient und überhaupt. «Betrug an Allerheiligen», schimpfte die Lokalzeitung, als alles vorbei war.

Bald 30 Jahre ist es her, dass die SSC Napoli schon einmal nach Zürich kam – wie morgen im Sechzehntelfinal der Europa League gegen den FCZ. Uefa-Cup wurde dieser Wettbewerb damals noch genannt, und obschon das Hinspiel im Letzigrund stattfand, hiess der Gegner nicht FCZ. Auch nicht GC, nein: Der Gegner hiess Wettingen, FC Wettingen. Für die jüngeren Leser: Der Dorfverein aus dem Aargau spielte damals kurz an der Schweizer Spitze mit.

Und der übermächtige Gegner war nicht einfach so für das Hinspiel nach Zürich gekommen. Sondern mit einer Mannschaft voller Stars. Careca, Ferrara, De Napoli, Carnevale oder Alemao hiessen sie, Nationalspieler allesamt. Und mit dabei vor allem er: Diego Armando Maradona. Jahrhundertfussballer, Jahrhunderttorschütze, Jahrhundertnummerzehn. Weltmeister, Hand Gottes. Die Società Sportiva Calcio Napoli, 1987 Meister der Serie A und im Uefa-Cup der Titelverteidiger, war der letzte Schrei.

Double auf dem Schimmel

Gegen 20000 Italiener, die meisten von ihnen in Zürich und der Umgebung daheim, füllten an jenem 18. Oktober 1989 den Letzigrund. 100 Franken hatten sie für das Ticket bezahlt. Auf einem Schimmel ritt ein Maradona-Double über die Leichtathletikbahn und winkte ins Publikum, und dann sahen die Zuschauer, 23000 insgesamt, ein 0:0, ein Spiel ohne grosse Höhepunkte, auch von Maradona.

Knapp drei Jahrzehnte später sitzt ein Trio in der Bäckerei Spitzbueb in Wettingen und erinnert sich. Durch die Fenster ist das Stadion Altenburg zu sehen, mit seinen 1500 überdachten Sitzplätzen viel zu klein für diese Aufgabe von damals. Das Trio am Tisch: Martin Rueda, der Captain und Libero, Alex Germann, der beinharte Innenverteidiger, Brian Bertelsen, Stratege und Stürmer. Der Däne war es, der im Rückspiel in Neapel das frühe 1:0 erzielte, mit einer Direktabnahme, und so den Favoriten endgültig ins Zittern brachte.

Maradona gegen Heldmann, Schepull und Rueda (v.l.). Foto: Keystone
Maradona gegen Heldmann, Schepull und Rueda (v.l.). Foto: Keystone

Erst am letzten Spieltag der Saison davor war Wettingen, der überraschend starke Aufsteiger, in den Europacup gerutscht, auf Kosten der Young Boys. In der ersten Runde waren die Iren von Dundalk eine lockere Hürde gewesen für das defensiv enorm starke Team von Udo Klug, dem Taktikfuchs, der aus der Bundesliga gekommen war, «und als wir danach Napoli zugelost erhielten, stand das Telefon nicht mehr still», sagt Bertelsen. Die Tickets waren so begehrt, dass der Club aus Angst vor Fälschungen bis zum letzten Moment wartete, sie zu verschicken.

Schon am Abend vor dem Match waren Hunderte im Letzigrund, denn die Abschlusstrainings waren öffentlich, ja: Selbst sie kosteten Eintritt. Maradona regte sich deshalb auf, doch er bot den Zuschauern die Show, auf die sie gewartet hatten. Bertelsen, der wie viele seiner Teamkollegen vom Kabinengang aus zusah, sagt: «Ich sah noch nie so viele Fotografen. Als Diego und Andrea Carnevale einander den Ball über den Platz zuspielten, tobten die Fans, und wir ahnten: Das wird wohl nicht so einfach.»

Rueda bekam sein Trikot

Jan Svensson, einer von zwei schwedischen Nationalspielern im Team der Wettinger, wurde mit der Manndeckung von Maradona beauftragt. «Er hat das irrisinnig gut gemacht», lobt Rueda. Weil Maradona in der Gegenbewegung meist stehen blieb, erhielt Svensson selbst viel Platz in der Offensive. «Trotzdem mussten wir ständig aufpassen», fügt Rueda an. «Die ­Genialität von Diego war mit jeder Bewegung offensichtlich. Selbst wenn er keine zehn Kilometer lief. Wahrscheinlich nicht einmal acht.» Rueda, Jahre später Trainer der Young Boys und heute im Autohandel tätigt, sicherte sich das Trikot mit der Nummer 10.

In der alten Heimat: Martin Rueda, Brian Bertelsen und Alex Germann (von links) im angejahrten Stadion Altenburg von Wettingen. Foto: Reto Oeschger
In der alten Heimat: Martin Rueda, Brian Bertelsen und Alex Germann (von links) im angejahrten Stadion Altenburg von Wettingen. Foto: Reto Oeschger

War das Hinspiel schon verrückt genug für die Fussballer aus dem Dorf, so tauchten sie für das Rückspiel endgültig ein in eine andere Welt. Ein lokaler Unternehmer hatte dem Team ein Privatflugzeug gesponsert, «mit Ledersesseln und Bar», erinnert sich Germann. In Neapel angekommen, wurde die Mannschaft auf dem Rollfeld abgeholt und mit einem Bus und Polizeieskorte ins Hotel gefahren, über alle Rotlichter hinweg, «Fussgänger mussten in Sicherheit hechten», sagt Rueda. Bertelsen ergänzt lachend: «Eine absolut irre Fahrt.»

Und Rueda zeigt sich bis heute fasziniert: «Diese Reise hatte dermassen nichts mit alledem zu tun, was wir aus der Nationalliga A kannten.»

Dort, in der heimischen Liga, war die Zeit durchaus ungemütlich. Wenige Wochen zuvor hatte der FC Wettingen für einen der grössten Skandale im Schweizer Fussball gesorgt: Nachdem im Auswärtsspiel in Sitten Schiedsrichter Bruno Klötzli das Spiel just abgepfiffen hatte, bevor ein Weitschuss von Rueda zum 1:1 ins Tor flog, griffen ihn mehrere Wettinger Spieler an. Das Strafverfahren lief noch, als Wettingen auf Napoli traf, vier Spieler sollten mit langen Sperren bestraft werden, Germann für ein ganzes Jahr. Die Auftritte gegen Maradona waren Abwechslung in einer düsteren Zeit für ihn und den Club.

Doch auch der Superstar selbst machte schwierige Zeiten durch. Seine besten Jahre hatte er 1989 bereits hinter sich, auch war er da wohl schon den Drogen zugeneigt. Beim Rückspiel gegen Wettingen fehlte er, kurzfristig intern gesperrt, hiess es, doch die genauen Gründe wurden nie restlos bekannt. Bertelsen begegnete ihm kurz im Kabinengang des San Paolo, kurz darauf soll Maradona das legendäre Stadion wütend verlassen haben. Der damals 23-jährige Gianfranco Zola trug an seiner Stelle die Nummer 10.

Die Wettinger Fehlschüsse

Nach der frühen Führung durch Bertelsen kam es zu einem offenen Schlagabtausch, und die Napoli-Fans, die den Wettingern am Tag zuvor noch alle fünf Finger gezeigt hatten für die Anzahl Gegentore, die sie zu erwarten hätten, wurden zunehmend unruhig. Bald pfiffen sie gar. Jörg Stiel im Wettinger Tor hielt stark, doch im Gegenzug sündigten auch die Aussenseiter. Marcel Heldmann, Dan Corneliusson, Andreas Löbmann – alle verzogen aus bester Position. Kurz nach der Pause glich Napoli aus.

Und dann fiel, auf den Konter nach einer Grosschance Löbmanns, die Entscheidung gegen die wackeren Wettinger. Weil es manchmal eben kommt, wie es kommen muss: zu diesem ungerechtfertigten Penaltypfiff des maltesischen Schiedsrichters. Zum 2:1 von Massimo Mauro in der 74. Minute.

Bertelsen: «So schade, haben wir es nicht geschafft.»

Germann: «Wir waren einfach zu unerfahren.»

Rueda: «Aber so läuft es manchmal beim Duell David gegen Goliath. Es war allein unsere Schuld, dass wir nicht weitergekommen sind. Eigentlich müssen wir über diesen Penalty gar nicht reden. Mehr Chancen als wir kannst du nicht haben. Wir haben das Weiterkommen nicht verdient.»

Für Napoli war die Europacupsaison wenig später ebenfalls vorbei: Im Achtelfinal war Bremen zu stark. Dafür führte Maradona das Team zum zweiten Meistertitel in vier Jahren – zum letzten der SSC Napoli bis heute.

Noch schlimmer erging es Wettingen: Dem Auftritt auf der grossen Bühne folgte der rasche Niedergang. 1992 stieg der Club aus der NLA ab – ein Jahr später gab es ihn nicht mehr. Präsident Hubert Stöckli, der mit Spielautomaten ein Vermögen gemach hatte, um es zu verprassen, musste Konkurs anmelden.

Die Erinnerungen der Protagonisten bleiben. Brian Bertelsen, der im Aargau sesshaft gewordene Däne, denkt: «Für uns alle waren die Jahre beim FC Wettingen die beste Zeit als Fussballer.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch