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Als GC noch GC war

Im alten Hardturm liefen einst die Spieler von Real Madrid Amok, spuckten und tobten. Vor allem wegen ihm: Claudio Sulser.

Er weiss das Datum, als sei es gestern gewesen: 1. 11. 1978, ein Mittwoch. Er weiss noch, wohin er nach dem Spiel gegangen war: Wie oft zusammen mit Freunden ins Commercio, das italienische Lokal beim Stadelhofen, Bilder in Schwarzweiss von Sophia Loren hängen an der Wand und früher, im alten Commercio, auch solche von Stammgästen.

Und er weiss vor allem, wie er die kurze Nacht verbrachte: Er hörte im Bett Lieder des belgischen Chansonniers Jacques Brel, er konnte nicht schlafen, stand um sechs auf und ging an eine Vorlesung an der Handelshochschule St. Gallen. Er studierte Jus. Claudio Sulser, als Stürmer einer, der sich manchmal selber ausdribbelte, immer unberechenbar, lieber ein Haken zu viel, sagt es heute auf seine ihm eigene Art: Er gehe auf seine Strasse der Vergangenheit, er tauche ein in einen Wald mit vielen Bäumen und plötzlich, im grellen Licht, komme dieses Spiel – der Name: Real Madrid.

Dieser Klang. Dieser Mythos. Diese Geschichte.

Meister gegen Schüler, Ribéry gegen Ronaldo

Morgen Mittwoch spielt Real in der Allianz Arena von München, 22-mal schon gab es dieses Duell im Europacup, Real gegen Bayern. Es ist das Spiel von Ancelotti gegen dessen Vergangenheit, 2014 holte er für die Königlichen die ersehnte Décima, den zehnten Titel in der Königsklasse, 2015 wurde er weg­gemobbt von Pérez, der immer noch Präsident ist. Es ist das Spiel Ancelotti gegen Zidane, Meister gegen Schüler, Zidane war 2014 Ancelottis Assistent.

Es ist das Spiel von Ribéry und Robben gegen Ronaldo und Bale.

Und eben, nur einmal, 1978: GC gegen Real. Als GC noch GC war. Und Real ist immer Real, in Spanien damals klar die Nummer 1. 26 000 im alten Hardturm, es war ein wunderbares Fussballstadion, Tausende spanische Gastarbeiter, eine Stimmung wie vielleicht nie zuvor und nie nachher, ein Tollhaus, und zuletzt rasteten die Spieler von Real aus und liefen Amok, spuckte und tobte und zertrümmerte Juanito eine Glasscheibe, polterte Santillana völlig ausser sich gegen die Tür der GC-Kabine. Real war ausgeschieden, im Achtel­final des damaligen Meistercup. Vor allem seinetwegen: Claudio Sulser.

Ponte, Hermann, Egli – und das Weichei

In Madrid hatte er beim 1:3 das Tor ­geschossen, es war sein vielleicht bestes Spiel seiner ganzen Karriere, und das Publikum im Bernabéu fragte erstaunt: Wer nur ist diese Nummer 9? Im Hardturm dann nach 8 Minuten: 1:0 Sulser, nach 88 Minuten: 2:0 Sulser, insgesamt schoss er in dieser Saison elf Tore, mehr als alle anderen. Die GC-­Namen damals: Ponte, die Brüder Hermann, Meyer, Montandon, Egli, Traber, Hey, Bauer. Und im Tor Inderbitzin, der Ersatz, weil Berbig, an einer Thrombose erkrankt, ausgefallen war. «Du Weichei», hatte ihn Trainer ­Helmuth Johannsen, der sture und strenge Hamburger angeschrien.

Sulser hörte von ihm auch manches, an diesem Abend aber strahlte selbst der kühle Johannsen. Und Sulser, heute mit Anwaltskanzlei im Tessin, beginnt ein Lied von Brel zu summen, er hat es auch in dieser schlaflosen Nacht ­gehört: Mit «Rêver un impossible rêve» beginnt es, «La quête», die Suche, ist der Titel, Sulser lacht, den unmög­lichen Traum träumen, er suchte als Spieler auch immer seinen eigenen Weg, «et puis lutter toujours, sans questions ni repos», und dann immer weiterkämpfend, ohne Fragen, ohne Pausen, heisst es später. So war es an diesem einmaligen Abend.

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