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Altes Klischee, neue Kritik

Nicole Petignats schwieriger Kampf um Akzeptanz - unter den Schiedsrichtern polarisiert niemand mehr als sie.

Hektik: Nicole Petignat geht im Cup-Match GC gegen Bellinzona in die Aktion rein, weil sie das braucht.
Hektik: Nicole Petignat geht im Cup-Match GC gegen Bellinzona in die Aktion rein, weil sie das braucht.
Keystone

Zuerst will sie nicht reden. Sie sieht keinen Grund dafür. «Warum sollte ich?», fragt sie. «Ich habe bei GC - Bellinzona doch keine Fehler gemacht.»

GC gegen Bellinzona war der Cup-Achtelfinal vom letzten Sonntag, in dem Nicole Petignat drei Tessiner vom Platz stellte: Genc Mehmeti für einen Ohrzupfer gegen Yassin Mikari im Kabinengang, Jacopo la Rocca für eine Tätlichkeit und Shkelzen Gashi für ein grobes Foul in der Schlussphase. Sie seien «schlechte Verlierer» gewesen, gab Bellinzonas Routinier Gürkan Sermeter in einem Anflug von Besonnenheit zu.

Zugleich war es dieser Sermeter, der Petignats Art, ein Spiel zu leiten, zum Thema machte. Und der mit ein paar Tagen Distanz sagt: «Ihre Art kommt nicht gut an. Für die Super League hat sie zu wenig Klasse.» Es ist kein Satz im Affekt. Sermeter steht dazu.

Petignat ist überzeugt: «Meine Karriere ist genial»

Und jetzt: Bedient Sermeter nur das alte Klischee von der Frau, die unter Männern nichts verloren hat? Oder ist es zwar polemische, so doch zulässige Kritik, weil auch eine Frau davon nicht ausgenommen sein kann?

Petignat wuchs im Jura auf, in Alle, es gab da nur Fussball, und darum drängte es sie mit ihrer Zwillingsschwester Dominique zum Fussball. Als sie 16 war, wollte sie ein Frauenteam gründen. Nach dem dritten Tag waren die Petignat-Mädchen wieder allein. Nicole sagte: «Ich werde Schiedsrichterin.» Dominique stellte fest: «Da kannst du nur verlieren.» Heute, mit 42, ist Nicole Petignat überzeugt: «Meine ganze Karriere ist genial.»

Unbestritten leitet sie ein Spiel anders als die Männer. Sie ist wirblig, immer mittendrin, wo es etwas zu tun gibt, nahe dran, schon fast auf Körperkontakt. Sie lebt so sehr mit, dass sie das Gefühl vermittelt, sie leide mit. Sie wirkt hektisch und aufgeregt, vielleicht bedingt durch ihre Grösse von 1,66 m. Sie redet viel und kommentiert alles: «Mach, gang, bien joué, vas-y!» Das nerve, sagt Sermeter. Wenn ein Spieler schiesse, drücke sie mit ab, erzählt FCZ-Sportchef Fredy Bickel leicht amüsiert.

Alles nur eine Frage des Geschlechts? «Wenn ich sagen würde, ich hätte die gleiche Akzeptanz wie die Männer, wäre das nicht die Wahrheit», antwortet sie. Von Urs Meier stammt die Erkenntnis: «Bei einem Mann sagt keiner: Er ist ein Mann und pfeift darum schlecht.» Meier, einst mit Petignat privat verbunden, redet als Chef der Schweizer Spitzenschiedsrichter. Sermeter betont: «Meine Kritik hat nichts damit zu tun, dass Petignat eine Frau ist.»

Dass es gerade Sermeter ist, der sich über Petignats Mitteilsamkeit aufhält, bringt Bickel zum Schmunzeln. Sermeter sei selbst 90 Minuten lang «am Schnorren», sagt Bickel. Er kennt ihn aus gemeinsamen YB-Zeiten bestens. Petignat streitet nicht ab, dass sie auf dem Platz redet. Doch heute soll das weniger sein als früher, da sie noch nicht via Kommunikationssystem mit den Assistenten an der Linie verbunden war und darum keine Gefahr lief, ihnen mit ihren Kommentaren ständig in den Ohren zu liegen. Wenn sie sagt: «Achtung, eine Flanke», tut sie das nicht für die Spieler, sondern für ihre Kollegen an der Seite. Und wenn sie redet, braucht sie das, um sich zu konzentrieren. Sagt sie. Und wenn übrigens einer während des Spiels immer alles kommentiere, sei das «Monsieur Sermeter».

Petignat pfiff 1996 ihr erstes Spiel in der Nationalliga B. Drei Jahre später leitete sie schon den WM-Final der Frauen zwischen den USA und China. 2007 bekam sie den Cupfinal Basel gegenLuzern übertragen. Dazwischen stand sie immer wieder in der Kritik. Nie war sie aufwühlender als im Frühjahr 2005, als Thuns damaliger Trainer Urs Schönenberger nach einer Niederlage in Basel feststellte: «Das gibt es doch nicht, dass ein Spitzenkampf von einer Frau geleitet wird.» Darüber ereifert sich Meier noch heute: «Wenn einem nichts mehr einfällt, fährt man diese Schiene.»

Urs Meier bilanziert: «Das ist halt sie»

Zu 60 Prozent arbeitet Petignat als selbstständige medizinische Therapeutin. Den Rest widmet sie dem Fussball, allein zehn Stunden pro Woche dem Training, um fit zu sein. 1000 Franken erhält sie für einen Einsatz in der Super League. Drei sind es bislang diese Saison. «Und jetzt weiss man, warum es nicht mehr sind», sagt Sermeter nach dem Cup-Match gegen GC.

Vergleichbare Vorbehalte äussert Bickel nicht. Er redet dagegen vom «Riesenbonus», den Petignat bei ihm geniesst, weil sie nach einem Spiel immer zu Diskussionen bereit ist. Vor einem Jahr, als der FCZ in Thun im Cup verloren hatte, rief sie später gar bei Trainer Challandes an und entschuldigte sich («Ich hatte einen ganz schlechten Match»). Bickel rechnet ihr das hoch an.

Meier stellt fest: Petignat ist engagiert, konzentriert, emotional, so, wie er sich das bei Männern mehr wünschen würde. Sie müsste auch einmal ruhiger auftreten, vielleicht auch distanzierter. Sie sucht die Nähe, sie geht in die Aktion rein, sie braucht das. Das alles sagt Meier. Was ihn zur Bilanz führt: «Das ist halt sie.»

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