Zu erfolgreich für die grossen Gefühle

Die Schweiz fährt an die EM – trotzdem dreht sich beim Verband viel um die Frage, ob er mit Vladimir Petkovic weitermachen soll.

Erfolg alleine reicht nicht: Vladimir Petkovic.

Erfolg alleine reicht nicht: Vladimir Petkovic. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Der letzte Schritt war Pflicht. Der letzte Schritt ist wie ein Spiel der Nationalmannschaft gegen den Erstligisten Höngg, der in Zürich aus dem Quartier kommt, das ungefähr so gross ist und so viele Einwohner hat wie ganz Gibraltar. Mit einem 6:1 am Montagabend bei der Nummer 196 der Welt erfüllen die Schweizer die Formalität und sichern sich als Gruppensieger die Teilnahme an der EM kommenden Sommer. (lesen Sie hier alles zum Spiel)

Nach der Formalität fällt der Jubel routiniert aus. Das hat nicht einmal mit dem Rahmen zu tun, der sehr provinziell ist – für die Schweiz gar so provinziell, dass sie sich die Peinlichkeit leistet, nach dem Match lieber im Hotel statt im Stadion zu duschen. Vielmehr hat es damit zu tun, dass diese Qualifikation seit dem 2. Dezember, dem Tag der Gruppenauslosung, nicht nur erwartet werden konnte. Sondern musste.

Es gab Zeiten, da waren mit den Qualifikationen des Nationalteams richtige Feierstunden verbunden. 1993 im Hardturm: Das schöne alte Stadion, das es nicht mehr gibt, kochte nach der gesicherten Teilnahme für die WM in den USA. Oder 2003 im St.-Jakob-Park: Coach Köbi Kuhn wurde von seinen Spielern auf den Schultern über den Platz getragen, weil sie sich einen Tag vor seinem 60. Geburtstag für die EM in Portugal qualifiziert hatten. 31'000 auf den Tribünen sangen seinen Namen, zumindest klang es nach so vielen.

Kaum ein anderes Team ist so konstant wie die Schweiz

Jetzt ist alles seit geraumer Zeit der Routine gewichen. Die Schweizer sind zu erfolgreich geworden, um während einer Ausscheidung noch die grossen Gefühle auszulösen. Nächstes Jahr werden sie zum achten Mal seit 2004 an einer Endrunde teilnehmen, nur einmal haben sie in dieser Zeit gefehlt, an der EM 2012. Das ist ein Leistungsausweis, den viele andere Nationen nicht haben: Selbst Belgien, die aktuelle Nummer 1 der Welt, hat in dieser Zeit viermal gefehlt, oder Österreich, einer unserer Lieblingsnachbarn, gleich sechsmal.

Aber verbunden mit dieser Mannschaft ist eben auch die Frage: Ist sie für diese besonderen Gefühle gemacht? Hat sie die Spieler dafür? Vor allem: Hat sie den passenden Trainer?

Petkovic mag auf dem Trainingsplatz stark sein, daneben ist er es nicht.

Vladimir Petkovic heisst dieser Trainer. Selbst Valon Behrami lobt ihn für seine Arbeit auf dem Platz, was deshalb etwas heissen soll, weil Behrami im Sommer vergangenen Jahres wegen Petkovic den sofortigen Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt hat. Die Resultate stimmen so weit unter dem 56-Jährigen, er hat die Schweiz an den letzten beiden Turnieren in den Achtelfinal geführt. Dazu reichte in der Vorrunde je ein Sieg, an der EM 2016 gegen Albanien und zwei Jahre später an der WM gegen Serbien. Es waren jedoch Siege, für die es Petkovic als Motivator nicht brauchte, die Motivation bezogen die vielen balkanstämmigen Spieler der Mannschaft allein aus dem Namen der Gegner.

Petkovic mag auf dem Trainingsplatz stark sein, daneben ist er es nicht. Und das ist sein Problem, weil er vergisst, dass ein Nationalcoach mehr als nur Coach ist, er ist auch Vermittler zwischen Mannschaft und Öffentlichkeit. In struben Zeiten, vor der letzten EM und nach der letzten WM, versuchte er zwar gerne, das Bild von der Gemeinsamkeit zu malen, wie Mannschaft und Medien im gleichen Boot sitzen würden. Er brachte damit sein Verständnis von der Rolle der Medien zum Ausdruck. Um im Bild zu bleiben: Die Journalisten durften höchstens rudern, während es sich die Spieler auf dem Sonnendeck gut gehen liessen.

Eine empfindliche Schwachstelle

Es ist ein Problem dieser Tage, dass die Spieler abgeschottet werden. Dass Petkovic das so will. Pierluigi Tami als neuer Direktor des Nationalteams hat das als Baustelle ausgemacht, eine revolutionäre Erkenntnis ist das nach seinen ersten vier Monaten im Amt nicht.

Die Kommunikation ist weiterhin eine empfindliche Schwachstelle rund um die Mannschaft. Der Verband ist nicht besser aufgestellt, nur weil Peter Gilliéron nicht mehr Präsident ist und Alex Miescher nicht mehr Generalsekretär. Dominique Blanc und Robert Breiter sind als ihre Nachfolger bestenfalls Verwalter. Und Petkovic ist nicht anders als im Sommer 2018, als er während und nach der WM von Russland in der Aussendarstellung grobe Schwächen verriet. Damals war er in hitzigen Tagen nur schwer führbar, auch vom damaligen Präsidenten Gilliéron, einem seiner feurigsten Fürsprecher.

Will der Verband mit ihm über den kommenden Sommer hinaus weitermachen? Es gibt Zweifel, ob man mit Petkovic in ein siebtes Jahr gehen soll.

In diesem Herbst hat Petkovic selbst einiges zu den Irrungen und Wirrungen rund um das Fehlen von Xherdan Shaqiri beigetragen. Ob er bereit ist, sein Auftreten zu ändern, das Misstrauische in seinem Denken aufzugeben und sich nach aussen hin zu öffnen, wird für eine Frage entscheidend sein: Will der Verband mit ihm über den kommenden Sommer hinaus weitermachen? An zuständiger Stelle gibt es Zweifel, ob man mit Petkovic in ein siebtes Jahr gehen soll.

Es kann auch sein, dass der Coach selbst nicht weitermachen will. Dann gibt er aber aus eigenen Stücken einen Job auf, in dem er es sich gemütlich eingerichtet hat. 1 Million Franken pro Jahr hat er vom Verband garantiert, und 500'000 Franken erhält er nun als Erfolgsprämie für die nächste EM – 500'000 Franken für acht Spiele in einer Gruppe, in der es schon fast ein Kunststück gewesen wäre, nicht zumindest den zweiten Platz zu erreichen. Die gut 120'000 Franken von Verbandssponsor Credit Suisse sind ein Zustupf.

Auch rein fussballerisch war der Weg an die nächste Endrunde trotz der günstigen Auslosung holprig – jedenfalls bei weitem nicht gleich so souverän, wie es Granit Xhaka in diesen Tagen gerne sagt. Das Leichte und Leichtfüssige hat oft gefehlt. Zweimal eine gute erste Stunde gegen Dänemark und die kämpferische Haltung beim Heimsieg gegen Irland reichen nicht aus, um an diesem Eindruck etwas zu ändern.

Das Kader ist nicht so breit besetzt, wie Petkovic vorgibt. Die Qualität leidet auf Dauer gegen ernsthafte Teams, wenn die Hälfte des Stamms verletzt ist. Das 6:0 gegen Island und das 5:2 gegen Belgien in der Nations League sind schon ein Jahr alt. Ein 6:1 in Gibraltar ist kein Gradmesser.

Vom Viertelfinal an einem Turnier träumen die Schweizer, und das tun sie schon lange. Sie glauben, dass sie die Qualität dafür besitzen. Das nötige Selbstvertrauen bringen sie mit. Den nächsten Schritt benötigen sie aber auch. Ohne ihn werden sie es schwerhaben, sich dauerhaft die tiefe Zuneigung der Öffentlichkeit wieder zu erarbeiten.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 18.11.2019, 23:23 Uhr

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