Spielen die Bayern bald in den USA oder Asien?

Die Champions League braucht einen Kick. Welche Ideen angedacht sind und warum die Schweizer Clubs verlieren.

Was in Europa manchmal langweilt, könnte in Übersee begeistern: Gruppenspiel in der Champions League.

Was in Europa manchmal langweilt, könnte in Übersee begeistern: Gruppenspiel in der Champions League. Bild: Reuters

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Erst Kopenhagen gegen Brügge, dann Besiktas gegen Kiew, Warschau verliert 0:6 gegen Dortmund, Celtic 0:7 gegen Barcelona. Das ist die Champions League in diesem Herbst. Die grossen Clubs sind den kleinen enteilt und lassen die Resultate vorhersehbar erscheinen. Je mehr die Vorrunde voranschreitet, desto mehr verliert sie sich in der Bedeutungslosigkeit. Die Grossclubs testen junge Spieler, der Fan langweilt sich.

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Etwas, das auch aus einer nicht repräsentativen Multiple-Choice-Umfrage des TA hervorgeht. Ein Viertel der rund 1200 Teilnehmer kreuzt an, es denke beim Stichwort Champions League an tollen Fussball, ein weiteres Viertel erinnert sich an die Hymne. Ein Fünftel macht sich die Mühe und schreibt seine Empfindungen nieder. Begriffe wie «Kommerzmaschine» und «Langeweile» prägen die Gefühle. Dass die gleichen Leute von sich sagen, sie schauten regelmässig Champions League, will da nicht ganz ins Bild passen.

Das paradoxe Konsumverhalten

Das paradoxe Konsumverhalten kennt André Bühler, Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing: «Diesen Widerspruch erkennen wir häufig im Sport.» Der Sportfan ziehe eine klare ­Linie zwischen den kritisierten Dachorganisation Uefa, Fifa, IOK und dem Sportevent. Er sehe und äussere zwar Kritik, wolle aber nicht vollständig auf den Konsum verzichten.

Profiteurin ist seit Jahren die Uefa. Der Verband arbeitet knallhart kapitalistisch. So untersucht er regelmässig sein rentabelstes Produkt, die Champions League. Seine Analysten kamen in den vergangenen Jahren zum Schluss, dass immer weniger Leute die Gruppenspiele schauen. Etwas muss getan werden.

Weil Europas Grossclubs ebenfalls wie Unternehmer funktionieren, wollen sie Planungssicherheit und wenig Risiko. Oder wie es Bayerns Vorstandsvor­sitzender Karl-Heinz Rummenigge sagt: «Ich bin kein Freund des Schicksals.» Also handelte die europäische Clubvereinigung ECA unter Präsident Rummenigge mit der Uefa aus, dass zwischen 2018 und 2021 Spanien, Deutschland, England und Italien je vier Teams direkt in die Gruppenphase entsenden dürfen. Statt 11 machen sie künftig 16 der 32 Teilnehmer der Champions League aus.

England als Dorn im Auge

Weiter wird der Auszahlungsschlüssel angepasst und das Schicksalhafte für Vereine wie Bayern noch etwas mehr aus dem Spiel gedrängt. Denn Clubs mit Renommee und Titel bekommen künftig mehr Geld. Real Madrid kann neu bei einem Gewinn der Champions League 135 Millionen Euro verdienen.

Einer der Hauptgründe für die Reformen ist die prosperierende Premier League. Durch den TV-Vertrag bekommt Englands Letztplatzierter mehr Geld als die Spitzenverdiener aus Italien oder Deutschland und vermag ihnen gar Spieler abzuwerben. Also beschwerten sich die Bedrängten bei der Uefa und verlangten mehr Geld. Ihr Argument: Der Chinese oder der Amerikaner will Barcelona oder Juventus sehen, dafür zahlt er, dafür sitzt er vor dem Fernseher. Und: Je mehr es von diesen Zuschauern gibt, desto eher sind die Sponsoren bereit, zu ­zahlen. Auch für Basels Präsident Bernhard Heusler macht das Sinn: «Wirtschaftlich gesehen ist die Reform logisch.»

Künftig Bayern-Spiele in Asien?

Tatsächlich haben Ökonomen in ihren Forschungspapieren bereits vor 20 Jahren darauf hingewiesen, dass irgendwann die Grossen abgekoppelt von allen anderen spielen wollen. Superliga hat man den Gedanken damals genannt. Ein Begriff, der in den letzten Monaten zur Drohgebärde gegenüber der Uefa wurde. Italien und Spanien machten Druck, Deutschland folgte, einzig England hielt sich zurück – die ausgeglichenste der grossen Ligen befand, grössere Veränderungen würden ihr mehr schaden als nutzen.

Die beschlossenen Reformen scheinen erst der Anfang zu sein. «Richtig spannend» könnte es gemäss Heusler bei den nächsten Verhandlungen für den Zeitraum 2021 bis 2024 werden. Denn die Clubs haben darüber bereits laut nachgedacht und ihre Ideen geäussert: etwa Champions-League-Spiele am Wochenende oder Wildcards für besonders traditionsreiche Mannschaften. Ein Beispiel: Hätte Manchester United die Qualifikation verpasst, könnte es immer noch mit einem Spezialticket in der ­Königsklasse spielen. Auch hier gilt: ­Planungssicherheit über alles.

Sportmarketingprofessor Bühler geht zudem davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Champions-League-Spiele der europäischen Topclubs in Asien und Nordamerika stattfinden. Auf diesen Kontinenten ist der Markt im Vergleich zu Westeuropa noch nicht gesättigt. Kommt dazu, dass mittlerweile viele Vereine von Ausländern gesteuert werden. Chinesen besitzen die Mailänder Clubs und haben Anteile an Atlético Madrid, PSG gehört Katarern, Manchester City einem Scheich aus Abu Dhabi, Manchester United Amerikanern. Sie alle wollen sich ihren Landsleuten ­präsentieren. Bühler warnt davor, dass sich die europäische Fanbasis ob solchen Entwicklungen mittelfristig vom «durchkommerzialisierten Fussball» abwenden könnte.

Schweizer Clubs werden leiden

Leidtragende sind vorderhand die Clubs aus den kleineren Ligen. Durch die Reformen sind für sie weniger Startplätze in der Champions League vorhanden. Die Elften und die Zwölften (aktuell die Schweiz) der Länderrangliste verlieren den fixen Startplatz, die Schere zwischen reich und weniger reich öffnet sich weiter. Die Uefa ist zwar ein Verein, doch ihr Tun führt nicht zu allgemeinem Wohlstand, sondern zu Ungleichheit.

Für Schweizer Teams dürfte es also schwieriger werden, in die Champions League zu gelangen, dem stimmt auch Heusler zu, sieht den Uefa-Beschluss aber pragmatisch: «Mit dem Kompromiss können wir leben.» Die Champions League verkomme nicht zur geschlossenen Liga, weiterhin könne man sich in die Gruppenphase spielen. Durch den Wegfall der Clubs aus den Top-4-Ligen in der Qualifikation müsste etwa YB künftig nicht mehr gegen Gladbach antreten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2016, 10:02 Uhr

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